bookMörder
unterm Edelweiß
Seit über
50 Jahren treffen
sich ehemalige Gebirgsjäger im bayrischen Mittenwald, um an ihre
toten
Kameraden zu erinnern. Die Gebirgsjäger waren Einheit der
Wehrmacht, die an
allen Fronten zum Einsatz kam und überall eine blutige Spur
hinterließ.
Besonders in Griechenland verübten sie mehrere Kriegsverbrechen,
u.a.
massakrierten sie nach der Kapitulation Italiens 5.000 italienische
Militärinternierte. Mehrere Dörfer wurden dem Erdboden
gleichgemacht und alle
Bewohner, männlich wie weiblich, jung und alt ermordet. Verurteilt
wurde keiner
der Gebirgsjäger. Im Gegenteil, sie können sich bisher der
ungeteilten
Unterstützung der Bundeswehr sicher sein. So sind, unter den 6.400
Mitgliedern
der Gebirgsjäger mittlerweile nur noch 40 % ehemalige
Wehrmachtsangehörige.
Erst vor zwei Jahren gab es den ersten Protest gegen die Feier der
Gebirgsjäger. 2003 gab es zum ersten Mal ein Hearing, dessen Reden
in dem Buch
abgedruckt sind. Es sind neben den historischen Rückblicken auf
die
Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger, sehr persönliche und
erschütternde Berichte von
Überlebenden der Massaker. Was sie auf sich genommen haben, um
nach Mittenwald
zu kommen, erschließt sich einem jedoch erst, wenn man selber zur
Demonstration
fährt. Es gibt wohl kaum eine eingesessene Familie, die nicht
Angehörige bei
den Gebirgsjägern hat. Die Demonstration erfährt von den
Einwohnern eine fast
geschlossene Abneigung. Für die Überlebenden muss das eine
nachträgliche
Erniedrigung sein, denn bis heute gab es keine offizielle
Entschuldigung, weder
von den Gebirgsjägern, noch von seiten des Staates. Um zumindest
eine späte
finanzielle Entschädigung zu erhalten, laufen mehrere Verfahren,
die auch schon
eine kurzzeitige Beschlagnahmung des Goethe Institutes in Griechenland
zur
Folge hatten. Deutschland lehnt jegliche Form der Entschädigung,
selbst eine
symbolische, und um mehr geht es den meisten Opfern gar nicht,
kategorisch ab.
Bei der Lektüre des Buches packt einen trotz der vielen
versöhnlichen Worte
oftmals nur die Wut. Was jedoch im Buch, wie in der Kampagne gegen das
Gebirgsjägertreffen,
fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Bundeswehr. Heutzutage sind
die
Gebirgsjäger wieder unterwegs u.a. in Afghanistan, und verrichten
wieder ihr
Handwerk, diesmal im Rahmen der Demokratie. Als Nachtrag sei
erwähnt, dass
mittlerweile gegen über 100 noch lebende Angehörige der
Gebirgsjäger Verfahren
eingeleitet wurden, aufgrund von Fakten, die HistorikerInnen und
AntifaschistInnen
gesammelt haben. Die deutsche Staatsanwaltschaften waren dazu nicht in
der Lage
und nicht willens.
bookVallat
In Europa tobt
der 1.
Weltkrieg. Die Schweiz ist zwar kein aktiver Part im Krieg, bleibt von
den
Wirren jedoch auch nicht verschont. Dorthin flüchten die
unterschiedlichsten
EmigrantInnen aus den kriegführenden Staaten, KünstlerInnen,
die dort aus der
Absurdität des Krieges den Dadaismus entwickeln,
GeheimagentInnen, die in der
Schweiz den Krieg ihrer Auftraggeber weiterführen und viele andere
undurchsichtige Personen. Der Polizist Vallat hat sich aus Liebe von
Lausanne
nach Zürich versetzen lassen und versucht, hier für Ruhe und
Ordnung zu sorgen.
Er arbeitet als Polizeispitzel und überwacht staatskritische
Personen. In
seinem neuen Auftrag soll er ein groß angelegtes Komplott
aufdecken. Er erhält
eine neue Identität und versucht Kontakt mit seiner Zielperson,
einem deutschen
Maler, aufzunehmen. Fast zu spät bemerkt er, dass er selber zu
einem Spielball
eines ganz anderen Komplottes geworden ist. Die DadaistInnen und
PolitaktivistInnen,
die er früher bekämpft hat, geben ihm nun Halt und
Orientierung. Er taucht in
eine Welt ein, die ihm früher als Spitzel immer verschlossen und
unverständlich
geblieben war.
Was sich
vordergründig wie
eine Agentengeschichte anhört, ist ein vielschichtiges
Werk, das
verschiedenste Facetten aus Kunst, Politik und Geschichte vereint.
Dabei ist
der Comickrimi noch richtig spannend und lässt sich gut lesen. Die
Zeichnungen
des Schweizer-Italieners Milano wirken auf den ersten Eindruck ziemlich
herkömmlich. Man entdeckt erst beim Lesen die Vielschichtigkeit.
Jede Seite ist
für sich ein Zeitfenster, in dem durch Überlagerung
verschiedener Ebenen ein
kurzer Abschnitt gezeigt wird. Nur im Zusammenhang gelesen werden die
Seiten
jedoch verständlich. Erst langsam versteht man die
Komplexität und wird
regelrecht in die Story hineingesogen. Ergänzt wird das Comic
durch eine kurze
Abhandlung der Zustände Zürichs im Jahre 1916 und Tipps zum
Weiterlesen.
bookModerne und Gewalt
Der in Amiens
lehrende
Historiker und Politikwissenschaftler Enzo Traverso reflektiert in
seinem im
ISP-Verlag erschienenen Essay die historischen Vor- und
Rahmenbedingungen in
der europäischen Moderne, welche in Deutschland die Shoa
hervorbrachten. Galt der
Nationalsozialismus in der Linken der Nachkriegszeit in
mechanistisch-ökonomistischen
Interpretationen unter Ausklammerung der besonderen Bedeutung der
antisemitischen Ideologie als reines staatsterroristisches
Krisenregularium
des Kapitals, so finden sich in aktuellen linken Debatten gegenteilige
Interpretationen mit vergleichbaren Verkürzungen wieder. Unter
monokausaler
Hervorhebung der zentralen Rolle des Antisemitismus wird ein Bild vom
deutschen
Nazi-Staat als einem von allen politischen Grundlagen der
europäischen Moderne
entkoppelten nationalen Sonderweg, als barbarischem Mysterium in Abkehr
von
kapitalistischen Modernisierungsprozessen entworfen. Der
Nationalsozialismus
erscheint in solchen Interpretationen als unerklärbares und
unkategorisierbares
Unikum, als reines Gegenstück zu allen anderen (real auch
vielerorts
faschistischen) Bewegungen in den anderen Staaten der europäischen
Weltkriegsepoche, als bloßer unverstehbarer Ausdruck
pathologischer Denkmuster.
Traverso widersetzt sich derartigen Interpretationen: “Man könnte
ohne weiteres
behaupten, dass es einen deutschen ‘Sonderweg´ gegeben habe, doch
sollte er
dann nicht im nationalen Einigungsprozess unter der Führung der
preußischen
Krone, sondern im Nazi-Regime ab 1933 gesucht werden; er betrifft nicht
die
Ursprünge, sondern den Endpunkt des Nationalsozialismus.”
Der aus
trotzkistischer
Tradition kommende Autor ist hierbei allerdings alles andere als ein
Verharmloser
des eliminatorischen Antisemitismus – im Gegenteil: Gerade seine
prägnant hergeleiteten
Ausführungen um den historischen Zusammenhang von Kolonialismus
und
Imperialismus, von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, von dem
Destruktionspotenzial der Technisierung des Krieges und der
Militarisierung des
Alltagsdenkens im Zeitalter des “totalen Krieges” zwingen den Leser zum
Nachdenken über die historische Kontinuität von
Gewaltexzessen im
kapitalistischen Europa, die aus Auschwitz ein “authentisches Produkt
der
westlichen Zivilisation machte.” Traverso stellt hierbei nicht die
Singularität
des Nationalsozialismus in seinem Vernichtungspotenzial und in seiner
grauenhaften Praxis infrage, wohl aber dessen Verklärung zu einem
Gegenentwurf
zur kapitalistischen Moderne: “Die Singularität des
Nationalsozialismus liegt
nicht in seinem Gegensatz zum Westen, sondern in seiner Fähigkeit,
eine
Synthese aus den verschiedenen Formen der Gewalt zu finden.” Daher
plädiert der
Autor für eine “europäische Genealogie des Nazi-Terrors” – so
auch der
Untertitel seines Essays.
Traverso
verweigert sich
damit der banalisierenden wie zugleich historisierenden und
entlastenden
Entkoppelung des nazistischen Antisemitismus von den tragenden
Ideologien der
kapitalistischen Moderne: “Die Gaskammern und die Verbrennungsöfen
stellen den
Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der
Industrialisierung
des Todes dar, in den die instrumentelle Rationalität sowohl der
Produktion wie
der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die
Bürokratie,
das Gefängnis) Eingang gefunden hat.” Traverso widerspricht damit
argumentativ
gehaltvoll dem vorherrschenden Bestreben in der Berliner Republik, den
NS und
dessen Vernichtungspolitik unter negativen Vorzeichen als
Rechtfertigung für
einen westlichen Kapitalismus und Menschenrechtsbellizismus zu
benutzen, eine
perfide Instrumentalisierung der Shoa, der sich bekanntermaßen
unter
umgekehrten Vorzeichen auch spezifische Sekten aus den ehemaligen
Gefilden der
radikalen Linken zum Zwecke von Distinktionsgewinn bedienen.
Der Essay –
flüssig und
originell geschrieben – stellt eine überaus kenntnisreiche und
kritische
Zusammenfassung über den Prozess der Genese von Krieg und
Faschismus als
Marksteine des sich entfaltenden “Zeitalters der Extreme” (Hobsbawm)
dar.
Traverso liefert hiermit in komprimierter Form einen höchst
empfehlenswerten
Beitrag zur europäischen Genealogie des Nazi-Terrors.
TERZ-Tip:
Pflichtlektüre!
bookKrise und Antisemitismus
Der
Sozialwissenschaftler
Gerhard Hanloser beschäftigt sich in einer im Unrast-Verlag
erschienenen Studie
mit dem Zusammenhang von ökonomischen Krisen und dem Auftreten von
Antisemitismus. Auf dem Hintergrund der marxistischen Krisentheorie
werden
historische Kriseneinbrüche im Kontext der
Wirkungsmächtigkeit von
antisemitischen Erscheinungsformen beschrieben und analysiert. Drei
Fallstudien
zieht der Autor hierfür heran: Die Gründerkrise 1873, in
deren Verlauf moderne
antisemitische Parteien und Agitatoren zum ersten Mal in Deutschland
die Börse
mit dem Judentum gleichsetzten, die Weltwirtschaftskrise 1929 und der
Aufstieg
der NSDAP, sowie der aktuelle Einbruch des High-Tech-Booms der so
genannten
“New Economy”. Ausgehend von marxistischen Analysekategorien
interpretiert
Hanloser den modernen Antisemitismus als ideologisiertes
Projektionsangebot zur
Feindbildbestimmung in Krisensituationen kapitalistisch verfasster
Gesellschaften. Anhand historischer und aktueller Bespiele beschreibt
der Autor
die Verwechslungen von Erscheinung und Wesen kapitalistischer Krisen
und deren
Feindbild-Bestimmung “Geld” und der “Spekulation” damit. Die
antisemitischen
Bewegungen der kapitalistischen Moderne attackieren hierbei nicht die
kapitalistische Produktionsweise und die Ausbeutung im
Produktionsprozeß,
sondern das so genannte raffende Kapital, rassistisch und
verschwörungstheoretisch personifiziert in den Juden. Der Autor
greift hierbei
zurück auf Analysen der Kritischen Theorie und deren geistigem
Umfeld und analysiert
hierzu klassische Texte von Adorno, Horkheimer, Postone, Claussen u.a.
Unberücksichtigt bleiben in der Abhandlung antisemitische
Erscheinungsformen in
der (post-)realsozialistischen und der islamischen Welt sowie tradierte
antisemitische Vorurteilsstrukturen – ein Tatbestand, der dem Autor
angesichts
der angekündigten Einengung des Themas nicht vorzuhalten ist.
Trotzdem entsteht
bei der Lektüre der falsche Eindruck, als sei Antisemitismus auf
ökonomische
Krisensituationen in kapitalistischen Gesellschaften zu reduzieren.
Hilfreich
wie auch nötig für das Verständnis hierzu wäre eine
eigene deutliche und
kategorisierbare Definition dessen, was der Autor überhaupt unter
Antisemitismus versteht – eine analytische Selbstverständlichkeit,
die in der
Abhandlung schlicht fehlt. Statt dessen stellt Hanloser – durchaus
kenntnisreich – unterschiedliche marxistische Analysen über die
(real
existierende und äußerst bedeutsame) Funktion von
Antisemitismus als personalisierendem
Feindbildangebot bei Entfremdungs- und Existenzängsten und
Unterdrückungswahrnehmungen
in kapitalistischen Krisensituationen vor. Auch die Grundzüge
marxistischer
Werttheorie und hierbei der Antisemitismus als Personalisierung falsch
verstandener struktureller Herrschaft werden vermittelt. Ob hiermit der
Antisemitismus historisch wie aktuell insgesamt zu erklären ist,
steht jedoch
auf einem anderen Blatt und ist zudem in klassischen linken Texten auch
schon
deutlicher hergeleitet worden. Für Leser/innen aus dem Spektrum
der
Antiglobalisierungsgegner ohne nähere Vorkenntnisse über
marxistische
Antisemitismusanalysen stellt die Lektüre der Abhandlung trotzdem
sicherlich
einen Erkenntnisgewinn dar, weil hier in leicht lesbarer Form die
Grundzüge
marxistischer Krisentheorie und die Gefahren von personalisierenden
Zuschreibungen von Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf die
kapitalistische
Zirkulationssphäre dargelegt werden.
Al C.
Gerhard Hanloser: Krise und
Antisemitismus. Eine Geschichte in drei Stationen von der
Gründerzeit über die
Weltwirtschaftskrise bis heute
Unrast-Verlag, Münster 2003,
135 S., 13 EUR
Diese Frage
stellte vor
langer Zeit Blixa Bargeld, als die Einstürzenden Neubauten noch
wahrhaft
schönen Krach und keine Popmusik kreierten. Ich kann diese Frage
nun
beantworten: Ja sie sind es. Immer wieder ist es Mode,
Naturkatastrophen
unterhaltsam darzubieten, da kennt doch jeder reichlich schlechte
Filme. Gerade
erst kürzlich mußte das gebeutelte New York der Flut zum
Opfer fallen. Auch ein
Roman wie “Der Schwarm” des Kölner Autors Frank Schätzing
beinhaltet ein
erhebliches Maß an Untergangsfreude. Die Story ist spannend und
mit
naturwissenschaftlichen Kenntnissen aufgemotzt. Wer ist am Schluß
der Böse?
Natürlich die Amerikaner (ok, nicht alle)! Dies scheint
hierzulande den
Publikumsgeschmack zur Zeit wohl bestens zu treffen.
Wer sich aber
mit einer
Katastrophe sondergleichen ernsthaft, wissenschaftlich und allumfassend
beschäftigen will, der muss Simon Winchester: “Krakatau – Der Tag
an dem die
Welt zerbrach – 27.08.1883” lesen. Briten und Amerikaner erstaunen
immer wieder
dadurch, dass sich eine vielseitige Gelehrsamkeit mit
schriftstellerischem
Talent vereint, bei deutschen Wissenschaftlern ist das wohl eher
selten.
Winchester erzählt vom dem verheerenden Vulkanausbruch in
Indonesien 1883, dem
mehr als 30.000 Menschen zum Opfer fielen. Er erzählt aber auch
von der
niederländischen Kolonialherrschaft und welche Folgen das
Unglück für diese
hatte. Auch die Einheimischen sind im Blick und ihr Widerstand gegen
die
fremden Herren wird aufgezeigt. Wie ein Vulkanausbruch entsteht, und
wie sich
die Theorie der Kontinentaldrift entwickelte und durchsetzte
wird selbst
einem naturwissenschaftlichem Stümper wie mir begreifbar. Die
Fauna und Flora
der Inseln wird untersucht, und wie es heute dort aussieht, kann man
ebenfalls
nachlesen. Dort, wo 1883 der große Kegel zerbarst, ist heute ein
schnell
wachsender neuer zu treffen. Winchester beschreibt sogar, wie sich die
Himmelsfarben durch die gewaltigen Ascheemissionen über Jahre
veränderten und
wie sich das in der Malerei der Epoche auswirkte. Er hat wirklich
nichts
vergessen oder ausgelassen. Ein perfektes Buch. Ansonsten bleibt das
Staunen
über Naturgewalten, die sich der Kontrolle der Menschen bis heute
entziehen und
einen nur hoffen lassen, so etwas nie zu erleben. 35 Meter hohe
Flutwellen in
Java und Sumatra! Der Knall des Ausbruchs war über 4.000 km weit
zu hören! Und
selbst im fernen Europa wurde nicht nur der Abendhimmel schön
bunt, sondern es
gab meßbare Meeresbewegungen. Alles in allem schlicht ein ganz
heißer Lesetip!
Und da der Vesuv und der Ätna nun doch ziemlich weit vom
schönen Düsseldorf
sind, müssen wir uns ja bei der Lektüre auch nicht zu sehr
gruseln!
Fehri
Frank
Schätzing: Der Schwarm
Simon
Winchester: Krakatau –
Der Tag an dem die Welt zerbrach – 27.August 1883
www.terz.org - 1.9.2004