Hartz kommt und
wird euch
alle fressen! Dass der Kapitalismus seinen sauber sedierten Sklaven
Geld, Geist
und Gefühl aus dem Mark presst, um es dann zur Feier seiner selbst
freudig zu
verfeuern, ist nix Neues. Neu ist nur die Dreistigkeit, mit der
einstige
soziale Errungenschaften immer fixer demontiert und ergo Geschichte
werden,
plus die oberkomatöse Bevölkerung, die sich, wie immer, fein
fügt und, wenn
Leute zwecks Montagsdemo auf die Strasse gehen, Clements Traumspruch
vom
“zivilen Ungehorsam” einfach so hinnehmen. Ungehorsam. So was aber
auch. Und
dann noch sozial! Die Gewerkschaften müssen diese “neuen
Aktionsformen” erst
mal “prüfen”, Attac wacht kurz auf und gähnt, Aktionen seien
erst für den
Herbst geplant gewesen. Sorry, Revolte zu spontan und schnell, bitte
noch mal
nach Hause gehen und Bierchen aufmachen. In Krefeld bei Nappo hingegen,
hilft
ja alles nix, wollte die Belegschaft 60 Stunden die Woche schuften, und
die
Aldi-Angestellten lehnen, sauber das, einen Betriebsrat ab. Exakt die
ersten
196 Tage des Jahres arbeiten die steuerzahlenden BürgerInnen
hingegen
ausschließlich für den Staat und seine Diener, derweil
Ackermann und Esser
munter weiter Werte schaffen und die paar Peanuts unters Kopfkissen
stecken.
Nur eine jüngste Schlagzeile lässt wirklich lächeln:
“Blattläuse sprengen
Würzburger Weinfest.” Die machen das. Einfach so. Echt. Sollten
das unsere
Verbündeten sein? Mal hören.
STEVE EARLE: THE
REVOLUTION
STARTS … NOW (Artemis)
Wann auch sonst?
Meister
Earle erinnert daran, dass eine Veränderung der Welt nicht in
einer fernen
Utopie, sondern hier und jetzt an jedem Ort deines Daseins stattfinden
kann und
sollte. Die Songs demontieren weiterhin den Rich Man’s War seiner
Regierung,
erzählen Stories aus Mexiko, Basra und Kandahar, und ein
Ätz-Liebeslied für
Condoleeza Rice gibt’s auch noch. Kann man so machen.
TOM LIWA:
DUDAJIM (Normal)
Uns Tom ist
hingegen wieder
etwas nach Innen gegangen. Kann man auch machen, wenn’s so
gut ist wie hier.
Warum gut? Weil Incredible-String-Insekten, Aja-Nachtfalter oder
Hejira-Bass-Schlangen im farbigen Privatzoo herumwuseln? Weil Tom die
Außenseite nach Innen spiegelt? Weil Traum und Realität doch
nur Spiegelungen
ihrer selbst sind? Der sagt Hippie, die sagt Spirit, das sagt
Spiritus. Wir
sagen: Älterwerden wird immer schöner.
2RAUMWOHNUNG (it
sounds)
Alles da, was
wollt ihr mehr
- außer einer anderen Gesellschaft? Verträumte Uprocker,
schwatzige
Gender-Folklore, lakonisch-romantische Geständnisse, sexy
Pulsierungen,
superschöne Bobo-Hirnheimer-Hymnen, das Herz kurz auf die
Außenseite gekehrt,
und mit noch mehr gefühligen Projektionen gehtz weita.
TONI KATER:
GEGEN DIE ZEIT
(it sounds)
Eines der
romantischsten
Sommeralben seit langem. Verlieb dich, hör dich satt, rühr es
dann lange nicht
mehr an. Treff es wieder, hol die Erinnerungen ins Jetzt, mach weiter.
Die
Möglichkeit des Traumsterns als Kraft. Liebe als Alltagsutopie,
nicht mehr,
aber auch nicht weniger, und in diesem Sinne multipel ehrlicher,
unpeinlicher
und unangestrengter als zb. Blumfeld.
V.A.: THE
UNBROKEN CIRCLE
(Dualtone)
Das musikalische
Erbe der
Carter-Family, der einflussreichsten Country-Familie der USA,
präsentiert in 15
Songs. Simpel, klar und tief wie ein Bergsee, auch wenn oft genug der
Kohlenstaub von West-Virginia darüber wehen mag. Das von John
Carter Cash
kuratierte Projekt enthält neben der allerletzten je gemachten und
sehr
bewegenden Aufnahme seines Vaters Johnny genug Grand Aces des Country,
um das
nächste Pokerspiel gegen den Teufel durchzustehen.
THE
5.6.7.8.’s: BOMB THE ROCKS
(Sweet
Nothing/Cargo)
Pech nur, wenn
der Teufel
dann solche Asse aus dem Ärmel zieht: 27 wahnsinnige early days
Singles des
Tokyoter Fem-Trios, das hier vor allem durch den Song “Woo Hoo” aus
“Kill Bill”
bekannt geworden ist. Die Band gibt’s aber schon seit 1989, und diese
27
Trash-Fuzz-Perlen, nach denen die Cramps die knochigen Finger
ausstrecken
würden, zeigen eine Power, die nur noch gute Laune und Energie
herüberbringt.
Grinsmaschine des Monats!
V.A.: KUNG FU
FIGHTING
REMIXES
(Echo Beach)
Wo wir schon bei
Trash
sind...Carl Douglas Megahit, den Kult zu nennen keine Schande ist, in
16 RMXs
von Adrian Sherwood bis Salz. Das waren schon zwei Highlights, vom Rest
aber
ist, latürnich, einiges überflüssig wie ein Kropf.
V.A.:
MPS JAZZWORKS AND –REWORKS
(Universal)
HG
Brunner-Schwers
legendäres MPS-Label steht ganz nüchtern für “Musik
Produktion Schwarzwald”,
die seit Mitte der 60er veröffentlichte Musik aber brennt nach wie
vor Löcher
in die Socken. 15 Remixer langten beim hiesigen dezidierten
Groove-Jazz, dessen
Backkatalog seit langem bei Universal in den Archiven schlief und durch
diverse
AcidJazzNasen wachgeküsst wurde, hin. Insgesamt definitiv ein Hit,
und zum
Trost gibt’s auf CD 2, hurra, alle Originale.
HOMELIFE:
GURU MAN HUBCAP LADY
(Ninja
Tune)
Beste
Ninja-Scheibe seit
Urviech. Hier holt der Freeform-Downbeat, wer den Mostel zeigt oder was
geht
hier? Wahrscheinlich eine der irrwitzigsten und liebenswertesten und
unterschätztesten Platten des Jahres. Der aufgeblasene Achter
frankensteint Pop
vorm Absturz noch mal kurz neu, und ihr seid dabei.
V.A.:
SOLID STEEL PRES. AMON
TOBIN
(Ninja Tune)
Wenn Amon die
Räder rollen
lässt, bleibt kein Crossfader trocken. Dark’n dreckiger Mix auf
der Höhe der
Zeit, in dem der Wizzard wirklich mit der Technik rollt und sich
ausgiebig
selbst featured...und kein Arzt kommt...
TEAM SHADETEK:
BURNERISM
(Warp)
Der Digital-Hop
des Duos,
einst Manhatten, jetzt Berlin, transformiert und dekonstruiert die
ursprünglichen Vibes von HipHop, Rave und Ragga in eine so
abstrakte wie urban-geerdete
Ästhetik, die immer mit einem Ohr auf der Strasse liegt.
Konzentrierter
Minimalismus, relaxte Nervösität, verträumte Härte.
PRINCE PO: THE
SLICKNESS
(Warp)
Ex
Organized-Konfusion-Spieler Po mit glitschig-schmierigen NY-Vibes, die
im
Dunkeln glänzen und sich vom Beobachter zum Aktivisten wandeln.
V.A.:
BIP_HOP GENERATION [v.7] (Bip-Hop)
14 Tracks, die
minimale
Digitalästhetik grundlegend definieren und erweitern. USA,
Argentinien, Japan,
China, Kanada und England sind die lokalen Verortungen, in denen eine
je eigene
Auslotung erfolgt. Die sinnlichen Exkursionen, die in diesen
Klangräumen
vorgehen, sind absolut hörenswert.
TAYLOR
DEUPREE & CHRISTOPHER WILLITS: MUJO (Plop)
Zum Vertiefen
eine
herausragende Arbeit dieses profilierten Duos, das die poetischen
Möglichkeiten
zeitgemäßer digitaler Minimalelektronik selten so kristallin
und klar
herausgearbeitet hat. Mujo ist das japanische Wort für konstante
Veränderung
oder Transformation. Die Musik versinnlicht die abstrakten
Gegensatzbegriffe
des Wandels: Klang wird poetische Philosophie.
MINIT:
NOW RIGHT HERE (Staubgold)
Dieses
australische Duo
hingegen erforscht Geister-Melodien und Psychoakustik innerhalb der
Bewegung
von vier langen Stücken, in denen klangliche Entwicklungen zu
emotionalen
Erfahrungen werden. Weniger theoretische Durchdenkung als sensitives
Durchleben
ist der Weg und das Ziel.
MAX
EASTLEY/DAVID TOOP: DOLL CREATURE (Bip-Hop)
Der
Klangkünstler und der
Klangkurator haben bereits einige bemerkenswerte und durchaus mutige
Reisen
durch unerforschte sonische Landschaften hinter sich. Diese Reise ist
dito
nichts für schwache oder oberflächliche Nervenkostüme:
In der Gestalt einer
kleinen Puppe wandert man durch eine post (oder prä?)
apokalyptische
Landschaft, in der Leben nicht weiß, ob es noch Mensch oder schon
Maschine ist.
Großartiges Klangkino, wie es heute selten ist!
PETER SZELY:
WELCOME TO MY
WORLD (mosz)
Als
Klangarchitekt
konstruierte der Wiener Szely Umgebungen für öffentliche
Räume. Hier verdichtet
er seine Arbeit und verflüssigt sie zusätzlich durch Melodie
und Rhythmus. In 7
Stücken wurde eine je eigene Umgebung durch open-source-software
neu bestimmt.
Ergebnis: bestechende Subtilität und Weite.
FRANK
BRETSCHNEIDER: LOOPING
I-VI (12k)
“...and other
assorted love
songs” untertitelt der Raster-Noton-Gründer diese Erweiterung
seiner
minimaldigitalen Ästhetik. Anstatt bewegt-hüpfender Rhythmik
gibt es hier
langsam aufbauende Zustände und subtile Veränderungen. Wird
klar, denn Liebe
braucht nicht nur Action, sondern eben auch Geduld.
THE
BEANS: BASSPLAYER (intr_version)
Wenn es eine
Musik des
sanften Aufstandes geben könnte, dann diese hier. Vier lange
Stücke, in denen
Klangtraditionen von Minimalisten bis zu epischen Folkrockern gemischt
werden,
und ein fantastisches, imaginäres und hochkonkretes Panorama der
Innenseite der
Realität vermitteln.
MOM versuchen
eher die
Realität der Außenseite in die der Innenseite zu vermitteln.
Widersprüche
wollen hüpfig-entspannt gelebt werden, wir wollen in Ruhe zittern,
wollen
denken, wir fühlen, und konkrete Schwebezustände aushalten.
Und wenn die
schweren Geburten des Pärchens dann endlich munter in der Welt
umherspringen,
atmen wir alle erleichtert auf: anders gut wie immer.
TRANSFORMER DI
ROBOTER:
METAL KINGS (deco)
Kinder strahlen
und sagen:
“HaHa! Das macht Spaß!” Das Berliner Freeform-Elektro-Duo
verwurstet hier
eigene Metalvergangenheit in 4 tollen Covern von Sepultura, Pantera,
Slayer und
Metallica. These
bro’s make it easy to cry.
MATS
GUSTAFFSON/SONIC YOUTH U.A.: HIDROS 3 (
Diese Platte
bereitet mir
Schwierigkeiten. Denn: so toll ist dieser klassische Improv nicht. Die
von
Saxofonist Gustaffson für die Band komponierte Musik wurde 2000
auf dem
schwedischen Festival für Kunst im Ystader Konstmuseum
aufgeführt. Was sich wie
ein Dream-Team anhört, ist jedoch oft nur noch plattestes
Improv-Klischee und
wirkt durch den Kunst-Rahmen zudem noch total prätentiös. Die
guten Momente,
die es natürlich gibt, muss man mit der Lupe suchen, vor allem
Gustaffsons
Gequietsche ist sehr schön, aber das alles zuhause
nachzuhören ... Spaß macht
was anderes.
ANTHONY BRAXTON
– ANDREW
CYRILLE – ANTHONY BRAXTON (Intakt)
Diesem Dreamteam
hingegen
zuzuhören, macht Spaß, weil es nie pseudocool, aufgesetzt
oder gekünstelt
wirkt. Zwei definitive Klassiker des modernen Jazz debütieren auf
zwei CDs
miteinander, und das Ergebnis ist schlicht atemberaubend in seiner
Luftigkeit
und Konzentration. Die Kompositionen, Improvisationen und
Redefinitionen
schaffen Begeisterung für improvisierte Musik durch einen
gehaltvollen wie
energetischen Bezugsrahmen.
YANNIS
KYRIAKIDES/VEENFABRIEK: THE THINGS LIKE US (unsounds)
Eine der selten
gelungenen
Transformationen von Philosophie in Musik. In einem alten
Bankgebäude in Den
Haag und Antwerpen führte das Veenfabriek-Ensemble 2002 diese
hochspannende
Musik auf, die auf den Definitionen der Emotionen im dritten Teil von
Spinozas
Ethik und einem Brief über den freien Willen basiert. Spinett und
digitale
Modulation sowie Stimme und Perkussion erzeugen ein hochlebendiges
intellektuelles Panorama, das vor emotionaler Dichte und geistiger
Blüte
mitunter vibriert.
TIN
HAT TRIO: BOOK OF SILK (ropeadope)
Und dann
unbedingt dies hier
hören. Als ob die erfolgte Abstraktion der Gefühle danach
wieder in das Licht
der Poesie getaucht würde. Eine wunderschönere Musik werdet
ihr dieses Jahr eh
nicht mehr hören: Abschied, Traum, Verlangen und Aufstand. Es gibt
nichts
besseres, außer man tut es.
www.terz.org - 1.9.2004