Die Qual der Wahl
Nun prangen sie
wieder von den Plakaten, die aufdringende Freundlichkeit verheischenden
Gesichter der Spitzenleute der etablierten Parteien, die
verkünden, hier den "Konzern Stadt" lebens- und vor alledem
wirtschaftsgerecht verwalten zu wollen. "Weiter so", ruft der OB,
dessen photographisch festgehaltener Versuch freundlicher Ausstrahlung
Assoziationen an Gruselfilme über durch den Park schleichende
Schokoladenonkel weckt. "Kümmern" will sich der
Sabine-Christiansen-Import der SPD um den erschreckten Plakatleser.
Ade, Werbestadt Düsseldorf! Auch das Hock'sche Grinsen erwirkt
trotz augenscheinlichem Bemühen danach auch nicht gerade den
Wunsch nach einem freundlichen Blick zurück.
Was hier den
Leser/innen auf den Plakaten zugemutet wird, stellt eher einen
Grenzfall zwischen öffentlicher Panikmache und sexueller
Belästigung dar, als einen Ausdruck werbestrategischen
Könnens. Ein bildlicher wie werbestrategischer Vergleich offenbart
die reale Gleichheit der scheinbaren Alternativen: Bei der bildlichen
Überlappung der jeweiligen Gesichtszüge verschmilzt die
Hock'sche mit dem Erwin'schen zum Lächeln erstarrte Maske zu einem
erhock'schen oder hockwin'schen Abziehbild, dass ohne weitere
kosmetische Veränderungen auf die nächste
Kukident-Zwei-Phasen-Reinigungsreklame geklebt werden kann.
Mal ehrlich,
liebe DüsseldorferInnen - wollt ihr von diesen Gebissen
bekümmert und bewirtschaftet werden?
Wo nichts zu
wählen ist, da erscheint auch der Gang zur Wahlurne
überflüssig. Also Wahlboykott? Das sehen einige Linke in
Düsseldorf anders. Sie haben sich mit der PDS zusammengetan und
treten in einer Bündnisliste zur Kommunalwahl an.
Wir haben mit
Mischa, Mitglied des SprecherInnenrates der PDS / Linke Liste
Düsseldorf, ein Interview geführt und ihm Gelegenheit
gegeben, sein Wahlbündnis ausführlich darzustellen.
Terz:
Auf der linken Seite des Parteienspektrums tritt nun die PDS in
Verbindung mit einer so genannten Linken Liste zur Kommunalwahl an. Das
hört sich auf den ersten Blick nach den "üblichen
Verdächtigen" an: ML- und trotzkistische Alt-Grüppchen und
ein paar Linke aus diversen sozialen Bewegungen. Eine richtige
Vermutung?
Na, klar,
einerseits die Altlinken und andererseits die jugendliche
Terz-Redaktion? Bei uns kandidiert eben die 18jährige
Schülerin gemeinsam mit der 84jährigen antifaschistischen
Widerstandskämpferin. Wer was "Modernes" und Wendefähiges
haben will, soll doch die Grünen wählen. Unsere vier
SpitzenkandidatInnen sind Frank Laubenburg, über den man nix mehr
sagen muß, weil Terz-lesende ihn kennen. Die Kommunistin Gundel
Kahl, mit 73 Jahren eine typische Altlinke also, kandidiert auf Platz
zwei. Ergun Durmus, parteilos, aktiv bei DIDF und als linker
Gewerkschafter bei Daimler/Chrysler hat Listenplatz drei. Und auf vier
kandidiert die Schulpflegschaftsvorsitzende und PDS-Sprecherin Renate
Gebel.
Terz:
Wieso tritt die Linke Liste als Anhängsel der PDS auf, statt als
autonomes Bündnis?
Weil die
PDS-Düsseldorf mit der Arbeit ihrer Ratsmitglieder sich einen
Namen gemacht hat, weil die PDS-Düsseldorf im Gegensatz zu Teilen
der Bundespartei ein klares linkes Profil hat und weil wir wichtigeres
zu tun hatten, als notwendige Unterstützungsunterschriften
für eine neu zu gründende Wahlliste zu sammeln. Aus den drei
Gründen haben sich Linke aus verschiedenen Spektren als
Wahlbündnis PDS / linke Liste Düsseldorf zusammengeschlossen.
Terz:
Auf euren Wahlplakaten steht. "Jetzt reichts!" Was reicht?
Es steht drauf:
"Es reicht! Für alle!". Es reicht materiell, weil wir einen
unvorstellbaren Reichtum schaffen, der zur Bedürfnisbefriedigung
aller Menschen verwendet werden könnte: Die Welt ist kein armer
Planet. Und es reicht uns schon lange, wir haben die Schnauze voll,
weil derzeit nicht die Interessen der Masse der Menschen entscheidend
sind, sondern das Profitinteresse der kapitalistischen Wirtschaft. Also
weg damit.
Terz:
Der soziale Protest gegen den neoliberalen Wettbewerbsstaat mit seinem
Klassenkampf von oben gegen die Lohnabhängigen und Arbeitslosen
ist sicher eines der zentralen Bezugsfelder für linkes Engagement.
Doch dies hat doch real wenig bis gar nichts mit den Kommunalwahlen zu
tun, oder?
Wenn eine Stadt
kommunale Unternehmen privatisiert, ist das kein Klassenkampf von oben?
Wenn Grundstücke verscherbelt werden, wenn Cross-Border-Leasing
betrieben wird, wenn Obdachlose vertrieben werden - was ist das anderes
als der Kampf der Herrschenden gegen die Beherrschten? Wir beteiligen
uns am Widerstand gegen diese Schweinereien und wir zeigen Alternativen
auf. Eben auch auf kommunaler Ebene.
Terz:
Was sind denn die zentralen Forderungen und Themenfelder eures
Bündnisses?
Zentrale
Themenfelder sind Arbeit, Soziales und Wohnen. Wir engagieren uns gegen
Privatisierungen, gegen Niedriglöhne und kommunale Zwangsarbeit
genauso wie für den Bau von Sozialwohnungen, für
Orginalstoffvergabe und Fixerstuben. Wer mag, kann sich ja mal unser
Kurzwahlprogramm unter www.linkelisteduesseldorf.de anschauen.
Terz:
Das hört sich ja alles ganz nett an. Aber wie soll dies denn nach
der Wahl real umgesetzt werden?
Nichts
ändert sich, wenn es keinen außerparlamentarischen Druck
gibt! Wenn es den gibt, können unsere Ratsmitglieder etwas
bewirken, wenn der ausbleibt, wird es keine Veränderung geben.
Konkret wollen wir mindestens vier Mandate gewinnen, denn erst dann
haben wir als Fraktion das Recht, Anträge zu stellen. Wenn es dann
Druck von außen gibt, wäre es denkbar, dass unsere
Anträge auch angenommen werden. So, oder so, eine linke Fraktion
stärkt die Protestbewegung.
Terz:
Grob geschätzt bekommt euer Bündnis bei den Wahlen wohl
zwischen 0,5 - 2,5 % Wähler/innen/stimmen. Welchen erkennbaren
Nutzen hat es überhaupt, die PDS/Linke Liste zu wählen,
außer dem sympathischen Angebot, hiermit ein wenig die
etablierten rot/grünen Miniatur-Staatsmännchen und
Staatsweibchen in dieser Stadt zu ärgern?
Es gibt keine
5%-Hürde, deshalb zählt jede Stimme. Bei bundesweiten
Umfragen liegt die PDS im Westen deutlich über 3%, deshalb hoffen
wir ja auch, als Fraktion in den Rat einziehen zu können. Es
kostet am Wahlsonntag nur 15 Minuten Zeit, uns zu wählen,
dafür können wir dann vier Jahre Trouble im Rat machen.
Terz:
Der immer wiederkehrende Wunsch diverser Linker, in den provinziellen
Zirkeln der politischen Institutionen mit linkem Populismus
staatsmännische Politik betreiben zu können, entbehrt nicht
einer gewissen Peinlichkeit. Soziale Revolution im Beirat für
Verkehr? Oder die Faust auf den Tisch im Beirat für Ordnung und
Sicherheit?
Wir haben den
Wunsch nach staatsmännischer Politik nicht. Und was ist falsch
daran, die Faust auf den Tisch zu hauen? Aber um es klassisch zu
machen: "Es ist klar, dass der Parlamentarismus in Deutschland
politisch noch nicht erledigt ist. Es ist klar, dass die
»Linken« in Deutschland ihren eigenen Wunsch, ihre eigene
ideologisch-politische Stellung für die objektive Wirklichkeit
halten. Das ist der gefährlichste Fehler, den Revolutionäre
machen können. Für die Revolutionäre in Deutschland ist
der Parlamentarismus natürlich »politisch erledigt«,
aber es kommt gerade darauf an, dass wir das, was für uns erledigt
ist, nicht als erledigt für die Klasse, nicht als erledigt
für die Massen betrachten." Na, wer war's?
Terz:
Wenn man den Segen kommunalpolitischer Rathauspolitik von links her
nicht allzu verklärt hochhält, kann man linken Realpolitikern
wie Frank Laubenburg durchaus Respekt für dessen pfiffige Eingaben
und Presseerklärung zollen und auch deren Nutzen wie oftmals
humoristischen Mehrwert nicht absprechen.
www.terz.org - 01.09.2004