Wahlkampf,
Realsatire oder
die subtile Rache der Werbeagenturen?
Während
allenthalben
GraffitisprayerInnen gejagt werden, dürfen nun wieder die Parteien
überall die
Stadt verschandeln. Da ja bekanntlich alle sparen müssen, wurde
offensichtlich
auch bei der Plakaterstellung kräftig gespart. Darauf lassen
zumindest die
präsentierten Werke schließen. Oder meinen die das ernst?
Es fing schon
mit einer
Farce an. Mitte August konnte man überall in Düsseldorf
ähnliche Szenen beobachten:
PassantInnen bleiben an Straßenecken stehen, schütteln
den Kopf oder brechen
in Gelächter aus. Grund für die allgemeine Erheiterung:
besonders gelungene
CDU-Plakate mit dem Konterfei des Oberbürgermeisters.
Doch wo waren
die
Darstellungen der anderen KandidatInnen? Die anderen zur Wahl in
Düsseldorf
antretenden Parteien beschwerten sich, dass die CDU eigenmächtig
den mit allen
abgesprochenen Termin des ersten Wahlkampftages vorgezogen hatte, ohne
sie zu
informieren. So sicherte sich die CDU die besten Standplätze.
Inhaltlich hat
die Partei
offensichtlich nichts zu sagen. Ganz auf die Person Erwins
zugeschnitten, kann
man also den OB in verschiedenen ansprechenden Posen betrachten. Wer
Erwin in
natura kennt, sieht, dass die Bildbearbeiter sich alle Mühe
gegeben haben, ihn
zu verschönern. Nur ein Detail haben sie vergessen, bzw.
vielleicht wagten sie
sich auch nicht heran: soll das etwa ein vertrauenserweckendes
Lächeln sein?
Würden sie einem Mann mit diesem Lächeln auch nur eine Tube
Zahnpasta abkaufen?
Mir jedenfalls läuft es beim Anblick dieses starren
Zähnefletschens kalt den
Rücken herunter. Auf einem anderen Plakat steht er mitten in einer
Menge und
wieder dieses Lächeln, das einen gefrieren lässt. Niemand
schaut ihn an. Die
einzige Person, deren Gesicht man außer Erwins sieht, schaut von
ihm weg, mit
einem Schalk in den Augen, als würde er sich über Erwin
amüsieren. Eine
offensichtlich weibliche Person, die man nur von hinten sieht, legt ihm
jovial
einen nackten Arm auf die Schulter (ja ja, sex sells!). Und wir wundern
uns.
Die Dame ist blond und so kann es nicht Hille, seine angetraute Frau
sein. Da
fällt einem ein, dass ja Frau Hock, die OB-Kandidatin der SPD,
blond ist. Sind
da die phantasievollen Träume des Herrn Erwin visuell vor uns
Wirklichkeit
geworden: die Konkurrentin wirft sich an die Brust des Amtsinhabers?
Man ist
überwältigt. Ganz toll. Aber Erwin hat noch ein drittes
bemerkenswertes Plakat.
Es war schon immer fragwürdig, Kinder im Wahlkampf zu
instrumentalisieren, aber
Erwin kennt diese Grenzen nicht. Mutig, mutig, Herr Erwin, in Zeiten
eines
Michael Jackson, eines Dutroux und vieler anderer
Päderastengeschichten, sich
mit Kindern für ein Wahlplakat ablichten zu lassen.
Alles so lustig hier
Auch die FDP
wirbt mit
Kindern. Aber ganz anders. Man sieht ein Plakat mit dem Slogan:
“Schluss mit
Gewalt an Schulen”, darunter einen Jungen mit einem blauen Auge und
gegenüber
den FDP Kandidaten Zeitz, der ihm das Kinn hält. Der Junge wirkt
eingeschüchtert, als wenn er gleich den nächsten Schlag des
Mannes erwartet.
Was ist die Botschaft dieses Plakates? Ist Herr Zeitz der
größte Schläger auf
dem Schulhof und man wird ihn los, indem man ihn in den Stadtrat
wählt? Auf
einem anderen Plakat wühlt er genüsslich in einem Abfallkorb
unter dem Motto: “Weniger
Dreck, weniger Müllgebühren!” Hat sich hier der
größte Umweltschmutzfink selber
geoutet? Doch am schönsten ist das Plakat, mit dem wohl neue,
mächtige
Zielgruppen erschlossen werden sollen: weg mit der Hundesteuer! Herr
Zeitz
schaut etwas bedröppelt in die Kamera, hat da etwa gerade das
Schoßhündchen auf
sein Höschen gemacht? Liebe FDP, ist bei euch Herr Zeitz (Motto:
“Es wird
Zeitz”, aber holla) so eine Art Diktator, bei dem sich niemand getraut
hat, auf
den etwas abstrusen Inhalt und auf die etwas absonderliche Gestaltung
des
Plakates hinzuweisen, oder seid ihr alles Pappnasen, die etwas zuviel
rheinischen Frohsinn verinnerlicht haben?
Für ihre weißen Zähne
Ganz seriös
versucht es die
SPD. Auf den großformatigen Plakaten sieht man vor allem eins:
Frau Hock.
Allerdings mit einem ganz anderen Lächeln als Erwins. Diesmal
glaubhafte Zahnpastareklame. Da auch
sie offensichtlich
ohne große Inhalte auskommen will, ist am größten ihr
Name zu lesen mit einem
gewichtigen Punkt dahinter. Hock. Die erste Assoziation, die einen
dabei kommt,
ist ein “Hock dich hin, (du hast eh nichts zu melden)”. Ob das beim
Wahlvolk
ankommt? Absolut grandios ist allerdings darunter der Satz:
“Kümmern statt
kungeln”. Da kann man sich auch kringeln. Meint die SPD das wirklich?
Oder
haben sie nur viel hintergründigen Humor? Ok, ok, kungeln kann die
CDU auch
sehr gut, wahrscheinlich sogar besser - man denke nur an die Arena und
die
Verbindungen von Erwin zu der Baufirma seines Schwiegervaters. Schaut
man sich
aber die kommunalen Skandale der letzten Jahre in NRW an, scheint es
doch eher
ein schlechter Witz zu sein, dass die SPD sich dieses Motto nimmt. Aber
vielleicht sehen die Genossinnen und Genossen sich ja schon nach
Alternativen
zur Parteipolitik um. Wie sonst soll man das Plakat mit den zwei schon
etwas
betagteren Damen verstehen unter der Losung: “Gemeinsam statt einsam”.
Neue
Chancen für die SPD als Partnerschaftsvermittlungsagentur für
reifere Frauen?
Brüder und Schwestern
Die
Düsseldorfer Grünen
wiederum gehen back to the roots. Ungefähr so schlecht wie in
ihren
Anfangszeiten erscheinen ihre Plakate, als man noch mit Schere und
Kleber
schicke Montagen zusammenbastelte. Da hat sich offensichtlich nicht
viel getan,
nur dass man nun den Computer benutzt. Leider sehen die Montagen und
die
freigestellten Personen aus, als hätten die in die Jahre
gekommenen, immer
gleichen Kandidaten hier persönlich Hand angelegt. Vielleicht
hätten sie lieber
mal Töchterchen oder Sohnemann dran gelassen, die können mit
Photoshop sicher
besser umgehen. Auch bei den Fotos hätten sie vielleicht nicht den
Selbstauslöser benutzt, sondern das jemanden machen lassen, der
dies auch kann.
OB-Kandidat Scheffler kommt mit seinen segensreichen offenen
Händen (“Kommt
her, meine Schäfchen”) wie ein fundamentalistischer Kleriker
daher. Oder ist
es eigentlich ein Werbeplakat für den dreischlitzigen Supertoaster
zum
absoluten Hammerpreis, den man ihm aus den Händen retuschiert hat?
Wir werden
es wohl nie erfahren.
Backe, backe Kuchen
Kommen wir zum
Schluss zur
PDS/Linke Liste. Hier setzt man eher auf das Infantile im Menschen. Per
Hand
geschriebene Slogans sollen einen ansprechen und motivieren. Man muss
ihnen
lassen, das sie zumindest die einzigen sind, die auch konkretere
Forderungen
aufstellen. Wenn diese auch des öfteren arg daneben liegen. Von
wegen “Neue
Arbeitsplätze statt längerer Arbeitszeiten”. Man ist halt
voll realpolitisch
und möchte so gern mitmachen bei dem großen Spiel (ach ja,
Berlin), anstatt zu
fordern: Arbeitslosigkeit für alle, bei vollem Lohnausgleich.
Es geht voran
Insgesamt muss
man sich über
die Plakate jedoch freuen, selten wurde eine Wahl so ad absurdum
geführt wie
dieses mal.
Bitte weiter so!
www.terz.org - 01.09.2004