Eine
Idee, deren Zeit gekommen ist?
Anlässlich der Bundestagswahl nimmt Helmut Born,
WASG-Mitglied aus Düsseldorf, Stellung zu der Frage nach Sinn und
Unsinn von
Wahlen im Allgemeinen und der Linken Liste im Besonderen ...
TERZ:
Die Umfragen für die neue Linkspartei sehen ja
traumhaft aus. Dabei wollte in der WASG in NRW anfangs eigentlich doch
niemand
mit der PDS fusionieren, oder?
H.B.: Die
Umfragen sehen in der Tat günstig aus. Wobei wir
abwarten sollten, wie das Ergebnis sein wird. Ich persönlich
wäre auch mit 8 %
zufrieden. Aber letzten Endes wird dies von Faktoren beeinflusst die
nicht in
allen Facetten beeinflussbar sind. Dass WASG und Linkspartei
fusionieren, ist
eine mögliche Variante. Wir haben uns bei der WASG-Urabstimmung
für einen
ergebnisoffenen Prozess ausgesprochen. Ich hoffe, dass wir eine breite
pluralistische linke Partei bekommen werden, die über die Spektren
von
Linkspartei und WASG hinausgeht.
TERZ:
Wie bist Du zur WASG gestoßen?
H.B.: Nach der
Verabschiedung der Hartz-Gesetze und AGENDA
2010 war die Initiative zur Gründung einer neuen Partei gegen den
Neoliberalismus genau das richtige Projekt. Aus diesem Grund bin ich
zur WASG
gestoßen.
TERZ:
Auf welchem Listenplatz für die Wahl bist Du
positioniert?
H.B.: Ich habe
nicht für einen Platz auf der Landesliste
kandidiert. Die Mitgliederversammlung der WASG-Düsseldorf hat mich
als
Direktkandidaten für den Wahlkreis 107, Düsseldorf-Nord/Mitte
vorgeschlagen.
Die Mitgliederversammlung der Linkspartei hat diesen Vorschlag
aufgenommen und
mich für diesen Wahlkreis nominiert.
TERZ:
Welche Gründe gibt es im September für Linke, nun zur
Wahl zu gehen?
H.B.: Der
Hauptgrund ist eine Bresche gegen den neoliberalen
Mainstream zu schlagen. Wie wir in den letzten Wochen erleben, hat sich
der
gesellschaftliche Diskurs schon sehr gewandelt. Ein gutes Ergebnis bei
den
Bundestagswahlen wird diesen Trend verstärken. Erst dadurch ist es
möglich,
überhaupt wieder Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus zu
diskutieren.
TERZ:
Nicht nur in der WASG, sondern auch in der PDS gab es
Widerstände gegen eine gemeinsame Liste. Die Kommunistische
Plattform der PDS
z.B. verweist darauf, dass die WASG mit Sozialismus nix am Hut habe und
eigentlich nur die klassische SPD-Politik der 70er Jahre favorisiert.
Stimmt
das?
H.B.:
Widerstände hat es auf beiden Seiten gegeben und gibt
es noch. Mitglieder der WASG fahren diesen Kurs auch weiterhin und
nutzen dabei
auch die Medien. Sie schrecken auch nicht davor zurück, Gegner
dieser
Wahlbeteiligung Munition frei Haus zu liefern. Sicherlich hat die
Mehrheit der
WASG nix mit Sozialismus am Hut. Ich möchte aber darauf verweisen,
dass in der
WASG auch sozialistische Kräfte politisch tätig sind.
Andererseits sind die
systemüberwindenden Kräfte in der Linkspartei ja nicht die
stärkste Fraktion.
Eine Sozialdemokratisierung der PDS/Linkspartei ist ja nun auch nichts
Neues.
TERZ:
Auch von Linken aus sozialen Bewegungen gab es Kritik
an den populistischen Sprüchen Lafontaines. Wie stehst du dazu,
dass euer
Zugpferd in der Partei die Wähler der Nazi-Parteien erreichen und
die Grenzen
für Flüchtlinge und Billig-Arbeiter dichtmachen will?
H.B.: Meine
Meinung dazu ist, dass Lafontaine sicherlich
kein klassischer Linker ist. Sein Vokabular ist auch für mich
Anlass zur
Kritik. Dass linke Politik allerdings auch dazu führen sollte,
Naziparteien
bedeutungslos zu machen, finde ich richtig. Allerdings kann dies nicht
erreicht
werden, wenn Inhalte oder Sprache der Rechten übernommen werden.
Ich selber bin
Internationalist und gegen die Festung Europa. Aus diesem Grund bin ich
auch
für einen gemeinsamen Kampf gegen die neoliberale EU. Die Menschen
in den neuen
EU-Ländern sind die Hauptleidtragenden des EU-Beitritts.
Überall werden die
sozialen Standards nach unten gefahren. Dagegen gilt es, einen
gemeinsamen
Widerstand zu entwickeln.
TERZ:
Es gibt einen offenen Brief
(www.offener-brief-an-linkspartei.de) von diversen Antifa-Gruppen sowie
anderen
linken Gruppen und Einzelpersonen an die Linkspartei, in dem diese
aufgefordert
wird, zu Flüchtlingspolitik, Internationalismus und Absage an
jeglichen
Nationalismus Stellung zu beziehen. Was hälst Du davon?
H.B.: Ich habe
selber diesen offenen Brief unterschrieben.
Es gibt eine Stellungnahme der WASG hierzu, die, wie ich glaube, keine
Zweifel
über die Positionen der WASG zu diesem Thema zulässt.
TERZ:
Im Wahlkampf verspricht die Linkspartei den Leuten nun
soziale Segnungen wie Lohnerhöhung, Rücknahme der
Hartz-Programme, Arbeit unter
menschenwürdigen Bedingungen und sogar von Sozialismus ist
manchmal die Rede.
Wie soll das denn nach der Wahl umgesetzt werden?
H.B.: Das alles,
oder wenigstens ein Teil davon, kann nur umgesetzt
werden mit einer starken sozialen Bewegung. Es möge doch niemand
glauben, dass
es nur im Parlament möglich sein wird, wesentliche Teile des
Wahlprogramms zu
verwirklichen. Das gilt selbstredend auch für den Sozialismus.
Aber darüber
habe ich im Wahlprogramm nichts gelesen.
TERZ:
Wenn die PDS - wie in Berlin - in der
Regierungsverantwortung ist, macht sie doch die gleichen Sauereien wie
die
anderen Parteien auch. Wieso soll das nun bei der Linken Liste anders
sein?
H.B.: Ja, die
Politik der PDS/Linkspartei in Berlin ist
wirklich eine Belastung. Ich glaube, dass diese Regierungsbeteiligung
in der
Tat für die Diskussionen um eine neue Partei eine große
Bedeutung bekommen
wird. Ich selber bin im Juni 2003 wegen dieser Politik in Berlin aus
der PDS
ausgetreten. Aber für den Bund glaube ich nicht, dass eine
Regierungsbeteiligung auf der Tagesordnung steht. In der Opposition
wird es
keine Grundlage für solch eine Variante von Politik geben.
TERZ:
Im Parteiprogramm sowie in den Reden von Gysi und
Lafontaine ist die Orientierung an einem keynesianistischen
Wirtschaftsprogramm
deutlich erkennbar. Lafontaine spricht gar offen aus, dass er sich als
Sozialdemokrat in der Tradition Willy Brandts verstehe. Soll das nun
die neue Orientierung
für Linke sein?
H.B.: Also
für mich ist das keine Orientierung. Ich hoffe,
dass wir eine starke Strömung aufbauen können, die diesem
Modell eine Absage
erteilt. Dazu müssen die linken Kräfte allerdings in der Lage
sein, sich auf
ein paar wichtige Punkte zu verständigen und ihren jeweiligen
Alleinvertretungsanspruch aufgeben.
TERZ:
Trotz Kritik an der Linken Liste gibt es in linken
sozialen Bewegungen Sympathie für ein Parteienbündnis
jenseits vom neoliberalen
Einheitsbrei. Welche Bestrebungen bestehen bei der WASG in
Düsseldorf und in
NRW, soziale Bewegungen einzubeziehen und zu unterstützen?
H.B.: Die WASG
ist ja eigentlich ein Produkt der Bewegung
gegen die Hartz-Gesetze und AGENDA 2010. Wir haben gerade bei der
Debatte um
eine Beteiligung zur Bundestagswahl immer die Position vertreten, dass
VertreterInnen der sozialen Bewegung auch auf den Landeslisten
vertreten sein
sollen. Das ist, so glaube ich, auch gelungen. ³
Helmut
Born, 53 Jahre, Betriebsratvorsitzender, Mitglied im
Landesbezirksvorstand von ver.di, aktiv in ver.di Linke, politische
Herkunft
IV. Internationale (internationale sozialistische linke isl), seit Juli
2004
Mitglied in der WASG (Verein) seit Januar 2005 WASG (Partei).
www.terz.org - 23.08.2005