bookDer
Zustand der Welt
Bei aktuellen
Diskussionen in linken Zirkeln um den Zustand
der Welt und um linke Perspektiven herrscht Verwirrung allerorten: Was
bedeutet
eigentlich heutzutage Kapitalismus? Leben wir noch im Imperialismus, im
postimperialistischen Empire oder eher in einer postindustriellen
Moderne? Was
ist angesagt? Kampf für oder gegen Arbeit? Die neue Suche nach der
sozialen
Frage? Die Öffnung zu neuen sozialen Bewegungen oder eher der
Kampf gegen alle,
die es noch nicht begriffen haben mit der richtigen Wert- und
Kapitalismuskritik? Oder gar die neue Linkspartei? Aus dem ständig
wachsenden
Stapel von Grundsatz-, Abgrenzungs- und
Standorterklärungen sowie
Welterklärungsmanifesten und Ideologietraktaten diverser
linken Strömungen
springt meist eher der traurige Zustand der Linken in diesem Lande ins
Auge als
irgendein Erkenntnisgewinn.
Um so
erfrischender gestaltet sich die Lektüre des Essays
aus der Feder des Bremer Sozialhistorikers Karl Heinz Roth, der sich
dem schwierigen
Vorhaben gewidmet hat, auf knapp hundert Seiten eine fundierte
Diskussionsgrundlage über linke Gesellschaftskritik und
gesellschaftliche
Praxis vorzulegen. Dieses Vorhaben, so darf vorweg verraten werden, ist
durchaus als gelungen zu bezeichnen. Der Autor - selbst als
“Alt-Autonomer” ein
Protagonist der Radikalen Linken seit den Achtundsechzigern - hebt sich
mit
seinem Essay in mehrfacher Hinsicht wohltuend von diversen Traktaten
anderer
größerer und kleinerer Persönlichkeiten dieser
politischen Gefilden ab. Denn
jenseits von einem in diesen Kreisen oft gepflegten inquisitorischem
Ideologengehabe, aufdringlicher Rechthaberei und lustvoller
Identifizierung von
angeblichen Renegaten, zeichnet sich die Argumentationsweise Roths
durch
geistige Offenheit und materialistischer Analysefähigkeit aus.
Schon eingangs
wird aus der Lektüre ersichtlich, dass der Autor von derartigem
Gehabe in
solchen Kreisen Abstand nimmt und Diskussionen in neuen sozialen
Bewegungen
sucht. Der Essay ist schließlich zum Teil einer
Überarbeitung eines Vortrages
bei der Jahrestagung 2005 von ATTAC Deutschland entsprungen, welcher
der Autor
niveauvolle und rege Diskussionsfreude bescheinigt. Die Suche nach
neuen Ufern
in der linken Theoriedebatte wird in dem Essay auch mit einer
erfrischend
forschen Auseinandersetzung mit der Marxschen Kapitalanalyse
angestoßen. Auf
Anregung der Marx´schen Aufforderung, seine Kritik der
politischen Ökonomie als
epochal gebunden zu verstehen und ständig weiter zu entwickeln,
verweist Roth
auf Leerstellen des Marxschen Denkens (u.a. Weltmarktanalyse und
Staatskritik;
so genanntes Wert-Preis-Transformationsproblem etc.) und stellt im
Hinblick auf
die aktuelle Zwangs- und Sklavenarbeit in vielen Teilen der Welt das
marxsche
Theorem von der “doppelt freien Lohnarbeit” begrifflich in
Frage. Eine
zeitgemäße linke Theorie, so Roth, dürfe
nicht bei der Marxschen Theorie stehen bleiben, sondern muss diese
durch
Hinzuziehen neuer linker Theoriebausteine verändern und erweitern.
Dem aktuell
vorherrschenden linken Reformismus hingegen bescheinigt der Autor zwar
eine
“durchdachte Programmatik” jedoch zugleich mehrere
Gefahren: Nationalismus,
Staatenkonflikte sowie Verblendung der abhängigen
Beschäftigung im Glauben an
einen guten und sozialen Kapitalismus: “Wir sollten uns mehr
einfallen lassen
als ein Remake des nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etablierten
goldenen
Zeitalters der Sozialstaatlichkeit, auch wenn die Perspektive
inzwischen auf
ein kontinental erweitertes politisches Territorium - neben Europa vor
allem
auch Lateinamerika - projiziert ist”, so Roth. In seinen
Überlegungen zu einem
zeitgemäßen sozialistischen Transformationsprozess
fordert der Autor eine
Abkehr von den “Strukturen einer wie immer auch verfassten
staatlichen
Gouvernementalität”. Statt auf linke Parteien mit ihrem
Postengehabe und ihren
Reformversprechungen zu setzen, fordert Roth die grundsätzliche
und
spektrenübergreifende Orientierung auf “soziale
Gerechtigkeit,
Existenzsicherung und sozialen Gleichheit”. Konkret benennt
er als Anknüpfungspunkte
im Trikont die Sicherstellung der elementaren
Überlebensbedingungen sowie in
den Metropolen Kampagnen zur Abschaffung der Erbschaftssteuer,
kommunale
Interventionen gegen städtische Privatisierungsmaßnahmen
sowie als
organisatorische Perspektive den Aufbau eines Netzwerkes
gesellschaftlicher
AkteurInnen von unten mit transnationaler Orientierung: Die National-
und
Supranationalstaaten sind nicht mehr unsere Adressaten, sondern nur
noch ein
Problem.
Karl Heinz Roth
gibt mit diesem Essay eine überaus
lesenswerte wie zugleich brauchbare Anregung - gespickt mit einer
Fülle von
Verweisen auf Texte und Debatten zum Zeitgeschehen - für eine
spektrenübergreifende linke Theorie- und Praxisdebatte, die alle
diejenigen als
Bereicherung erfahren werden, die an einem offenen und gemeinsamen
Austausch
über den gegenwärtigen Zustand des Kapitalismus und die
Bedingungen seiner
Abschaffung interessiert sind.
Al
C.
Karl
Heinz Roth: Der Zustand der Welt. Gegen-Perspektiven
VSA-Verlag, Hamburg 2005, 94 S., 8,80 Euro
bookAtomwaffen
für Al Qaida
Hat Al Quaida
nun Zugang zu Kernwaffen? Soweit vorne weg: Nichts
genaues weiß man nicht. Auch nach der Lektüre des Buches
nicht. Nicht, dass man
der Terrorgruppe nicht alles Schlechte unterstellen möchte, aber
ein paar
Fakten wären schon nett. Die Aussage des reißerischen Titels
wird vom Inhalt
nicht gefüllt. Es ist vor allem der Versuch, den pakistanischen
Atomwissenschaftler Abdul Qadeer Khan als Dr. No zu dämonisieren.
Keine Frage,
dass der “Vater der pakistanischen Atombombe”
offensichtlich viel Dreck am
Stecken hat. Ihn aber als psychisch kranken Superschurken darzustellen,
der
praktisch alleine dafür verantwortlich ist, dass andere Staaten
(beinahe)
Atomwaffen in ihrem Arsenal haben, ist zumindest unseriös. Der
Autor Egmond R.
Koch stützt sich oftmals auf Aussagen
eines ehemaligen US-Geheimdienstagenten, dem er alles abnimmt, was er
von sich
gibt. So bleibt bspw. die massive Unterstützung Pakistans durch
die USA im
militärischen Bereich unterbelichtet. Genauso missachtet wird die
Rolle der USA
bei der Unterstützung der muslimischen Fundamentalisten im
Kampf gegen die
sowjetische Besatzung Afghanistan, aus der heraus Al Qaida entstand.
Interessant, wenn auch nicht neu, sind die wirtschaftlichen
Aktivitäten,
insbesondere deutscher Firmen, die zum Bau der pakistanischen Atombombe
wesentlich beigetragen haben. Zu wenig wird allerdings die
großzügige
Unterstützung bzw. das Wegschauen bundesdeutscher Behörden
insbesondere in den
70er und 80er Jahren beleuchtet. Unter den verschiedenen Regierungen
wurden
bewusst Ausfuhrbeschränkungen und- verbote aufgrund
wirtschaftlicher Interessen
Deutschlands umgangen.
Insgesamt
befassen sich von den 290 Seiten (ohne Zitate)
etwa 20 bis 30 Seiten mit Atomwaffen für Al Qaida. Außer
Vermutungen und
Spekulationen liest man jedoch nichts Handfestes. Von einem Buch mit so
einem
Titel sollte man mehr erwarten dürfen.
Meikel
F
Egmond
R. Koch “Atomwaffen für Al Qaida”, Aufbau Verlag, 350
Seiten für 19.90 Euro
www.terz.org - 23.08.2005