comicCinema
Panopticum
Es hat schon
Seltenheitswert, dass ein Comic aus dem
deutschsprachigen Raum gleichzeitig in fünf Ländern
veröffentlicht wird. Wenn
aber der begnadete Guru der Schabkartontechnik ein neues Werk
veröffentlicht,
ist dies mittlerweile ein internationales Ereignis. Aufsehen erregt
allein
schon seine konsequent durchgehaltene und immer mehr verfeinerte
Technik aus
dem schwarzen Karton das Weiße herauszukratzen. Dadurch entstehen
harte s/w
Kontraste. Ott hat diese Technik derart perfektioniert, dass
unwahrscheinlich
filigrane Bilder mit einer großen Tiefe und vielen
Grauabstufungen entstehen.
Dennoch überwiegt das Schwarze eindeutig. Dazu passen die
düsteren Geschichten
– schwarzer Humor im wahrsten Sinne des Wortes.
“Cinema
Panopticum” ist die Geschichte eines kleinen
Mädchens auf dem Rummelplatz, die mit ihren wenigen Münzen
überall abgewiesen
wird. Es reicht gerade für das Cinema Panopticum, dort stehen
fünf alte
Guckkästen, die sie einen nach dem anderen ausprobiert. Es
erscheinen abstruse
Geschichten von Personen, denen sie kurz zuvor auf der Kirmes begegnet
ist.
“The Hotel” erzählt die Geschichte eines Mannes, der
sich in einem leeren Hotel
einnistet, den Magen voll schlägt und daran krepiert. In
“The Champion” erringt
ein Wrestler den Sieg über den Tod und verliert doch noch. In
“The Experiment”
kann ein fast Blinder wieder sehen. “The Prophet” ist der
Einzige, der den
nahenden Weltuntergang erkennt. Im letzten Kasten erblickt das kleine
Mädchen
sich selber und nimmt reißaus.
Otts Technik
bewirkt, dass die Zeichnungen, die ohne
Sprechblasen auskommen, wie ein Stummfilm wirken. Einfach prima!
Meikel
f
Thomas
Ott: “Cinema Panopticum”, Edition Moderne, 104
Seiten, s/w, Halbleinenband, Euro 19.80
comicTod
eines Bankiers Teil II
Mit dem ersten
Band des Comics “Tod eines Bankiers” hat der
Schweizer Architekt Matthias Gnehm sehr viel Aufsehen erregt. Es ist ja
nun
auch nicht alltäglich, dass ein Architekt in das Medium Comic
einsteigt. Und
natürlich geht es in den beiden Bänden auch um Architektur,
in diesem Falle am
Bankenplatz Zürich. Es handelt sich jedoch auch um eine Abrechnung
mit dem
Kapitalismus und den neoliberalen Auswüchsen. Die Geschichte ist
in der
Schweizer Hochfinanz angesiedelt. Der Bankier Charles Gubler wollte aus
seinem
Tod ein Riesengeschäft machen. Zu spät merkt der Juniorchef
Marcel Krohn, dass
dies ein abgekartertes Spiel auf seine Kosten ist. Damit endete der
erste Band
“Das Leben ist teuer”. Dementsprechend heißt der
zweite Band “Der Tod ist
gratis”. Nun dreht Gnehm vollends auf und treibt das Spiel auf
die Spitze. In
einer Zeit, in der sämtliche Lebensgrundlagen wie z.B. Wasser,
Bildung etc.
privatisiert werden sollen, ist es konsequent, auch aus dem Tod Kapital
zu
schlagen. Während Krohn noch versucht, das verworrene Spiel zu
durchschauen und
von einer Enttäuschung in die nächste stolpert, bereitet
Gubler den großen Coup
vor. Aus dem Tod von möglichst vielen Investoren soll die neu
gegründete
Gesellschaft “Today” massiv Kapital schlagen.
“Stürzen wir mit Today den Tod
von seinem Thron, indem wir ihm einen ganz normalen Platz in unserem
Wirtschaftssystem zuteilen.” In einem fulminanten Ende
stürzt alles ins Chaos.
Nicht umsonst nennt Gnehm seinen Krimi einen “moralischen
Bankenthriller”.
Durch extreme Überzeichnung gelingt Gnehm eine famose Abrechnung
mit dem
kapitalistischen System.
Der an den
Expressionismus angelehnte farbenreiche Zeichenstil
ist für die sarkastische Geschichte eine geradezu ideale visuelle
Umsetzung.
Bleibt zu hoffen, dass man von ihm noch mehr zu sehen und lesen bekommt.
Meikel
f
“Tod
eines Bankiers - Der Tod ist gratis” Band 2, Matthias
Gnehm, Edition Moderne; 48 Seiten für 17,50 Euro
comicDer
alltägliche Kampf 2
Das Comic
erzählt die Geschichte des jungen Fotografen
Marco, der mit dem Leben nicht so klar kommt, wie er es gerne
hätte. Die
einfache Einteilung in gut und böse, schwarz und weiß
funktioniert dann doch
nicht so einfach. Und dann auch noch Entscheidungen treffen! Da wird
das Leben
nun wirklich zum Kampf. Am Ende des ersten Bandes hatte er sich
zumindest zu
seiner Liebe Emilie durchgerungen. Doch ihr Kinderwunsch macht ihm auch
im
zweiten Band zu schaffen. Da zieht er sich doch mit seinem Bruder
lieber eine
fette Tüte durch. Seine Zweifel am Leben an sich lässt ihn
auch an seiner
fotografischen Arbeit zweifeln. Insbesondere als er den exzentrischen
Fotografen Blanc kennen lernt, der mit ihm eine Ausstellung machen
will, gerät
Marco in eine schwere psychische Krise. Aber es kommt noch dicker.
“Der
alltägliche Kampf” von Manu Larcenet ist ein
melancholisches Werk, das glücklicherweise nie in Traurigkeit
abgleitet,
sondern das Komödiantische betont. Man berauscht sich regelrecht
an der
Situation Marcos und freut sich auf den nächsten Vorfall. Man
möchte ihm
zurufen: Hey Idiot, wach mal auf! Aber das wäre ja schade, dann
wäre das Comic
zu Ende. “Der alltägliche Kampf” ist das Comic
für alle Zweifelnden und
Verzweifelten dieser Erde und dazu zwar recht simpel, aber dennoch
wunderschön
gezeichnet. Weiter so!
Meikel f
Manu Larcenet:
“Der alltägliche Kampf 2”, Reprodukt, 64
Seiten für 13 Euro
www.terz.org - 23.08.2005