Ein-Euro
Jobs:
Abgezockt
wird überall
Mitte Juli
empörte sich die Westdeutsche Zeitung über
“konkrete Anhaltspunkte für den Missbrauch von
Ein-Euro-Jobbern” bei der Düsseldorfer
Stiftung SWT (Service Weiterbildung Transfer), die eng mit dem
Sozialtherapeutischen Wohnprojekt Theodorstraße, SWT, verbunden
ist. Die
Stiftung gehört dem Paritätischen Wohlfahrtsverband an, deren
Geschäftsführerin
für die GRÜNEN im Rat sitzt. Geschäftsführer der
SWT-Stiftung ist der
stellvertretende Vorsitzende der SPD in Rath, Ralf Brauer. Was war
passiert?
Ein-Euro-Jobs
sind eine lukrative Einnahmequelle für
gemeinnützige Organisationen. Für jede/n 1-Euro-JobberIn,
der/die für
ihre/seine Tätigkeit nur 165 Euro im Monat erhält, bekommt
die Organisation
zusätzlich zwischen 300 und 500 Euro pro Job. Damit lassen sich
dann die
Verwaltungs- und GeschäftsführerInnengehälter
“gemeinnütziger” Organisationen
schon gut finanzieren. Genau diese Prämien haben auch dazu
geführt, dass
Diakonie, Caritas und Awo ihre anfängliche Kritik an HARTZ IV
einstellten. Dass
sich große Arbeitsbereiche und außertariflich bezahlte
FunktionärInnen der
Wohlfahrtsverbände auf Kosten der ALG II-BezieherInnen
finanzieren, meinte die
Westdeutsche Zeitung allerdings nicht, als sie über
“konkrete Anhaltspunkte für
den Missbrauch von Ein-Euro-Jobbern” schrieb.
Ein-Euro-Jobs
sollen ausschließlich im Bereich der
“zusätzlichen Arbeit” vergeben werden und keine
regulären Arbeitsverhältnisse
vernichten oder die Entstehung neuer behindern. Mit dem Begriff der
“zusätzlichen Arbeit” soll den Ein-Euro-JobberInnen
eingeredet werden, dass sie
nichts wert und eigentlich überflüssig sind. Der ihnen
“angebotene” Job sei
das, wofür sie zu danken hätten.
“Zusätzliche
Arbeit” aber gibt es nicht.
Vielmehr
lässt sich Arbeit immer nur nach ihrer
konkret-nützlichen Seite und nach ihrer abstrakten Seite
betrachten. Die
konkret-nützliche Arbeit schafft Gebrauchswerte, beinhaltet also
die
Arbeitsschritte innerhalb des Produktionsprozesses.
Die Verausgabung
von Hirn, Muskel und Nerv ist die
Gemeinsamkeit der unterschiedlichsten Tätigkeiten. Diese Ansicht
der Arbeit als
“abstrakten Arbeit” ist notwendig, wenn Produkte für
den Tausch produziert
werden und damit Warenform annehmen, neben ihrem Gebrauchswert also
auch einen
Tauschwert erhalten. Mit der Einführung des Begriffs der
“zusätzlichen Arbeit”
soll der Tauschwert für Arbeiten von Ein-Euro-JobberInnen nahe
Null angesetzt
werden. Doch auch diese Herabwürdigung der geleisteten Arbeit von
Ein-Euro-Jobber meint die Westdeutsche Zeitung nicht, wenn sie von
“konkreten
Anhaltspunkten für den Missbrauch von Ein-Euro-Jobbern”
schreibt.
Beim
städtischen Gartenamt sind seit Jahren über 60 Stellen
nicht besetzt, mittlerweile gibt es allerdings auch dort zahlreiche
1-Euro-JobberInnen für angeblich zusätzliche Arbeit. Die
Flächentarifverträge
für den öffentlichen Dienst werden parallel dazu durch den
Deutschen Städtetag
beschlossen. Es müsse deutliche Einsparungen bei den
Personalkosten geben.
Bei der
Rheinbahn werden 1-Euro-JobberInnen oder
Niedriglohnkräfte durch die Zukunftswerkstatt als
FahrzeugbegleiterInnen
eingesetzt. Gleichzeitig will die Rheinbahn AG durch Zukäufe
privater
Omnibusfirmen den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes
hintergehen und die
BusfahrerInnen mit 20% niedrigeren Gehältern entlohnen. Die Liste
ließe sich
fortsetzen, die Parallelität der Angriffe auf Tarifverträge
und des Einsatzes
von 1-Euro-JobberInnen allerdings ist kein Zufall: wenn Ihr Euch nicht
auf
Lohnsenkungen einlasst, wird den lohnabhängig Beschäftigten
vermittelt, endet
ihr eben als Ein-Euro-JobberIn. Auch die Lohndumping-Funktion der
1-Euro-Jobs
meint die WZ nicht, wenn sie “konkrete Anhaltspunkte für den
Missbrauch von
Ein-Euro-Jobbern” beschreibt.
Bei der SWT
haben ein paar Leute einfach zu schnell
verstanden. Dort wurden 1-Euro-JobberInnen an eine Firma namens Hesiv
Energy
GmbH vermittelt. Diese Firma ist nicht ins Handelsregister eingetragen,
die
Besitzverhältnisse sind unklar. Allerdings hatte die Hesiv Energy
GmbH ihren
Sitz direkt neben der SWT-Stiftung. Beide hatten einen gemeinsamen
Briefkasten,
per Mail erreichte man die Hesiv Energy GmbH über eine auf
“SWT-Stiftung”
endende Mailadresse, eine Dozentin der Stiftung war
Marketing-Ansprechpartnerin der Hesiv Energy GmbH. Rund 15
Ein-Euro-JobberIn
arbeiteten “im Vertrieb” der Hesiv Energy GmbH, die
Elektrogeräte in
Telefongesprächen feilbietet, berichtete die WZ. SPD-Mann Brauer
erklärte
hingegen, es habe nur “einen Praktikanten” dort gegeben,
alles andere sei eine
“Übungsfirma”. Glauben mag das bislang niemand. Denn,
so die Empörung der WZ,
da gäbe es doch wohl “konkrete
Anhaltspunkte für den Missbrauch von Ein-Euro-Jobbern”.
Wirklich ein Skandal!
Frank
Laubenburg
www.terz.org - 23.08.2005