filmGespenster
Dem deutschen
Autorenfilm kommt zusehens die Welt abhanden.
Die Hauptfigur von “Bungalow” igelt sich in seinem
Elternhaus ein, und der Held
von Christoph Hochhäuslers neuem Werk dichtet sich als
“Falscher Bekenner”
sogar Straftaten an, um seinem öden Leben zu entfliehen. Selbst
wenn das
Personal mal zur Tat schreitet wie in
“Muxmäuschenstill” oder “Die fetten Jahre
sind vorbei”, haftet ihren Handlungen etwas Unernstes,
Erzwungenes an.
Christian
Petzold wiederum nimmt die Realität als
geisterhaft wahr. In “Gespenster” lässt er die
Lebenslinien der Französin
Françoise, die mit Hilfe eines Phantomsbildes nach ihrer schon
vor Jahren
verschwundenen Tochter sucht, und der jungen Berlinerin Nina sich
kreuzen. Das
verdruckste Heimkind hat sich gerade in die toughe Toni verliebt und
reagiert
zunächst verstört auf die ihr unverhofft entgegengebrachte
Mutterliebe, zeigt
sich später aber durchaus bereit für eine
Familienzusammenführung.
Die Stadt wirkt
in dem Film schaurig leer. Alle Figuren
bewegen sich auf unsicherem Grund. Nina hat erst vor kurzem ein Zimmer
in einem
“Betreutes Wohnen”-Projekt bezogen, droht den Platz jedoch
schon wieder zu
verlieren, weil sie ihre Arbeitsmaßnahme als Müllfrau im
Park geschmissen hat.
Toni vagabundiert als Kleinkriminelle umher, während sie von einer
Karriere
beim Film träumt, und Françoise’ Obsession gleitet
unter den Augen ihres
hilflos zuschauenden Mannes mehr und mehr in einen klinischen Fall
über.
Die Begegnungen
zwischen den Personen bleiben flüchtig. Man
treibt aufeinander zu und voneinander weg. Geschenke, die Verbundenheit
stiften
könnten, werden schnell wieder zurückgenommen. Diese
Interaktionen vollziehen
sich ohne große Dramatik in einer gedämpften, sanften
Atmosphäre, die ein Klima
von Schicksalsergebenheit verbreitet. Einzig in Gestalt des
autoritären
Job-Betreuers von Nina zeigt die Wirklichkeit noch Widerhaken.
Das Quartett
bewegt sich für Petzold “in einer Art Blase”.
Und nicht nur dieses: “Die fünf Millionen Arbeitslosen, die
wir heute haben,
sind ja eigentlich auch Gespenster, die in so einer Blase, in einer
Parallelwelt leben”, meint er. Eine ziemlich
verschmockte Ansicht, wie dann
auch der ganze Film einigermaßen verschmockt ist. Die
Kleingeistigkeit seines
Ansatzes steht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu seiner
Kunstfertigkeit. Das Schauspieler-Ensemble ist stimmig zusammengestellt
und
agiert überzeugend, die Schauplätze sind gut ausgesucht, die
Farben stimmen,
und ab und zu flicht der Regisseur ein kleines
Suspense-Kabinettstückchen ein.
Damit das Ganze nicht zu abgehangen daherkommt, hat Christian Petzold
sogar der
Improvisation einigen Raum gegeben. So hat er mit
“Gespenster” ein perfekt
ausgestattetes Nichts geschaffen.
Jan
Regie:
Christian Petzold; mit Julia Hummer, Sabine Timoteo,
Marianne Basler, Aurélien Recoing; Bundesrepublik 2005 (Piffl
Medien); 85
Minuten
ab
15. September im Kino
www.terz.org - 23.08.2005