by
HONKER
MADE MY DAY
Wuahaha! Was ist das denn? Da
veranstaltete Bulgariens
Regierung doch glatt eine Wahl-Tombola, damit die Bürgerlein an
die Urnen
kommen! Wie genial ist das denn! Hauptgewinn ein Kleinwagen, dazu
Computer
oder Handys, und das alles für nur ein Kreuzchen auf dem
Wahlschein. Etwa zwei
Millionen zweigte die Regierung für die Tombola vom Haushalt ab,
da nach den
Umfragen 40% der Leute zu Hause bleiben wollten. Ist doch der Wahnsinn!
Bier-Gutscheine und Gratis-Salami gibt’s eh am Wahltag zuhauf -
das kann doch
nur ein Vorbild für unser gutes altes Deutschland sein, wenn hier
im Herbst die
Hosen knattern! Ich hätte auch die passenden Tombola-Preise parat
- folgende
Scheiben hier:
PSYCO:
THERE MUST BE A REVOLUTION SOMEWHERE (Mind Rec.) Das
auf jeden Fall. Doch wo ist sie nur? Beim Suchen hilft sicherlich die
neue
Scheibe von Dr. L, dessen verspulte und zugleich knarzkonkrete
Klanglabyrinthe
neue Wege für’s Bewusstsein aufzeigen. Der irische
Wahlpariser mit
Unterstützung formidabler Cracks gibt uns hier eine der
psychedelischsten
Scheiben seit langem. Dr. L’s Weirdness is truly legend!
V.A.: THE REAL
THING (Mind Rec.) … das beweist auch glasklar
diese Scheibe, erste Ausgeburt des Dr-L-Labels. Für Neugierige
fast noch
besser: 14 sagenhafte MiniTrips der Erben von Beefheart und Sun Ra.
Heilige
Scheiße, was für eine geile Scheibe! Ich verspreche keinen
Unsinn: das ist
extrem gut abgespaced geworden.
V.A.: 1985 SLENG
TENG EXTRAVAGANZA (VP) Klarer Fall von
Nugget: die von Produzent Llyod ‘King Jammy’ James 1985
produzierte Scheibe mit
20 sagenhaften Burnern, darunter definitive Klassiker wie ‚Buddy
Bye’, gilt als
Beginn des modernen Dancehall: dieser typische Elektro-Reggae-Rhythmus
ging von
da an in die Welt. Endlich remastered.
TREVA WHATEVA:
MUSIC’S MADE FOR MEMORIES (Ninja Tune) Dieser
Scheißkopf aus Stockport ist ein Heißkopf: bestens als
zeitgemäßer
RareGrooveDigger profiliert, überzeugt sein Longplayer als
zeitlose Scheibe für
jede schöne Disco. Seeehr entspannt, flowing, uplifting und
humorvoll!
PEST: ALL OUT
FALL OUT (Ninja Tune) Mindestens so funky und
auf der Höhe der Zeit überzeugt Pest als
Sample-delia-Mastermind, der Stimmungs-Grooves
regelrecht aus dem Zylinder zaubern kann. Ninja Tune wieder ganz klar
vorne mit
sehr überzeugenden Acts.
PART 2: LIVE
FROM THE BREADLINE
(Big Dada/Ninja
Tune) Dito: nicht nur die kickende
Stilvielfalt rockt wie Hulle, auch der Horizont erfreut. Sehr britisch,
sehr
schwarz, sehr modern, und klare Stadtmusik.
NOISY STYLUS:
TABLE MANNERS (Beatz aus der Bude) Ahoi! Das
Debut des Turntablist-Vierers aus Köln überzeugt nicht durch
ermüdende
Skillz-Wichserei, sondern durch Humor, Kreativität und ja doch:
Musik. Komplett
aus Plattenspielern gemacht! Das wird, sage ich euch, noch sehr
heiß!
BAZOO BAJOU:
DUST MY BROOM (!K7) Machen wir gerne: die Besen
der ever-entspannten Groove-Maniacs kehren auch wieder derart gut, dass
wir vor
Begeisterung Staub aufwirbeln. Deep wie selten zuvor wird der Blues,
kongenial
begleitet von gut abgehangenen Vocal-Legenden, seltenst gut ins Moderne
transformiert. Sehr überzeugend schön.
V.A.: RITMO DE
BACARDI 6 (Ministry of Sound) Also den
Rhythmus des Bacardi kenn ich bei einigen ja nur als zuckende
Kotz-geräusche am
frühen Morgen...;-)...hier aber auf Do-CD mixen Buscemi und -
holá! - Kenny
Dope brandheiße Housemenschkost feinfein zusammen!
GRUPO BATUQUE: O
TEMPO DO SAMBA (Far Out) Zum vierten Album
dieser neuzeitlichen Samba-Klassiker, das hauptsächlich von Ivan
Conti von
Azymuth geschrieben wurde, spielen Legenden, Verdiente und Youngster
des Genres
auf. Die Songs sind extrem individuell geraten, wunderschön
relaxt, fröhlich
und tragen einzigartige gute Stimmungen.
OUTRAS BOSSAS:
REVISTA DO SAMBA (Traumton) Mindestens so
herrlich: der reduziert-konzentrierte Samba des Trios aus Sáo
Paulo
revitalisiert das Genre zwischen 8 Dekaden Geschichte und der Neuzeit
hochpoetisch, phantasievoll und ungemein lebendig. Beseelte,
beschwingte und
hochoriginelle Songs abseits aller Klischees - das ist der Kern der
Samba!
KEREN ANN:
NOLITA (Capitol) Der Zweitling der Pariserin
gerät zwiespältig: wunderschön, jedoch beizeiten wie
Valium. Wenig
Melodielinien, die wirklich hängen bleiben, dafür
impressionistische
Großtadtfabeln und Wiegenmusik. Supertoll der Titeltrack!
PAUL ARMFIELD:
EVERMINE (Sat-On) Manche halten Armfield ja
für ein Nebenprojekt von Roger Whittaker. Seine leicht nasale
Stimme passt auf
jedenfall 1a zu den fragil-zarten Songs, die latent voller Dramatik
schwingen.
Lambchop und Tinderstick-Fans dürfte das freuen.
NYLON: EINE
KLEINE SEHNSUCHT (Universal) Nett, aber
insgesamt auf Dauer doch sehr maniriert. Lisa Bassenges Minitimbre
erinnert
immer mehr an Elke von Paula und den Versuch, sowas wie die
Heititeiti-Zarah
Leander von heute zu sein. Der Erstling erfreute 1fach mehr.
ARMSTRONG: LACK
OF YOU (Silver Sonic) Überraschend
überzeugendes Produkt einer Alternative Rockband (so
nennen’s sie selbst) aus
Dänemark. Interessant produzierte Songs zwischen
Klang-Melancholie,
Ruffneck-Weite, Zärtlichkeit, Desillusion und Glaube. Schön.
CHIKINKI: LICK
YOUR TICKET (Kitty Yo) Elektro-Clash (also
von ‘The Clash’). Etwas müde, sleazy und schlapp. Auch
sonst eher lustlos-80er
zu der Zeit, als New Wave bereits weit unten durch war.
V.A.: THE SMART
CLUB (Panatomic)
Compilation, auf
der Marc Liebscher, Britpope beim Münchener
Atomic Cafe, zeigt, was an seinem Weekly so vor sich geht: Indie Disco
Galore!
GALAKTLAN:
CONSTANCE (Kohvirecords) Dieser Este ist der
beste - nämlich elektronische Filmscorekomponist. Inspiriert
von seinem
kulturellem Background und der Liebe zu Filmen und Cartoons entstand
wunderschöne und bewegte Musik, die zu Wolkenflügen animiert.
PETER REHBERG:
FREMDKOERPER (mosz) Ihr seid doch alle
Fremdkörper in dieser kaputten Konsumwelt, oder? Dann tanzt mal
mit diesen
Arbeiten von Rehberg und Choreograph Chris Haring zwischen Drone und
Ausbruch
im Ohr durch die Straßen. Alien Nation!
O: KANTAMOINEN
(Sähko) Seit neun Jahren endlich wieder ein
Lebenszeichen von Mika Vainio Solo mit 16 atmosphärischen
Stücken, die
romantischer sind als alles, was er bislang je gemacht hat: Skizzen und
Erzählungen aus Finnland sind eine mögliche Matrix für
einige
Kindheitserinnerungen Vainios, denen man fasziniert lauscht.
TAYLOR DEUPREE +
KENNETH KIRSCHNER: POST_PIANO 2 (12k) Zwei
der besten Komponisten für avancierte Elektronik, beide New
Yorker, gruppieren
ihre Kompositionen um das Spiel von Kirschners altem Kinderpiano.
Brillant
hochmoderne Verbindung musikalischer Gegenwart und Geschichte.
UN CADDIE
RENVERSÈ DANS L’HERBE: ATLAS SALTA (Dekorder)
Lügen
über Karten und Grenzen: La-garriga zieht sanfte,
klare, minimale Fäden aus Elektronik und Afrika-Asia-Rhythmik,
deren Textur
nichts weniger als ein Kleid für den Gang in eine neue
Wirklichkeit ist. Diese
MiniCD ist so klein, dass ihre Größe essbar ist.
Geräusch-Songs für deinen
anderen Alltag.
NODERN: NODERN
(Sub Rosa) Dieses Debut entstand in zwei
Jahren in Venedig, London und Johannesburg. Die Grundparameter - ein
Industrial-Be-wusstsein und das Gespür für ein Ventil
für die allgemeine
Melancholie - beschönigt nichts, ist direkt und mit dem bisschen
Kante und
Dreck, dass eine Produktion erinnerungswürdig macht.
THE
BURT/MACDONALD QUINTET: HOTEL DILETTANTE (Textile) Kein
Bratz-Improv, sondern sinister-konzentrierte Umkreisungen von Themen.
Eine der
besten schottischen Improv-Gruppen holt sich Saxlegende Lol Coxhill ins
Boot
und bricht zu sagenhaften Ufern auf. Always change a winning team.
BLANK: POST
(Grob) BlankPostGrob, klingt gut, die Scheibe
nicht immer. Das FfM-Trio zersägt hochreflektiert Idiome und
Stile, um den
klassischen FreeJazzRausch zu umgehen,
Enteuphorisierungskonzept,
sozusagen. Trotzdem keine trockene, mitunter schon lustige Sache.
Erinnert
bisweilen an 82er poplinke Strategien, dazu passt das schön
blöde Cover von A.
Oehlen ja. Live wahrscheinlich toll.
WEVIE STONDER:
THE WOODEN HORSE OF TROY (Skam) Beste
Feierabend-Unterhaltung, wenn ihr die Schnauze vom Pop-Shop der
Main-streamformate endgültig voll habt. Diesem Trio ist nichts
heilig,
Residents und Zappas Märchen fallen sofort ein. Kicherkicker -
that’s
entertainment!
MARC HELLNER:
MARRIAGES (Peacefrog)
Auf seinem Debut
verbindet Hellner seine Vorliebe für
emotionaldirekten und klangintelligenten Pop mit elektronischen und vor
allem
instrumentalen Texturen seiner hellwachen Chicagoer Mitmusiker:
wunderbare
Songplatte!
THEO BLECKMANN:
ANTEROOM (Traumton) Bleckmann, Urverwandter
und Aktivist der New Yorker Minimal- und Vocal-Szene, gehört noch
heute zum
Ensemble von Meredith Monk. Hier baut er in zwei Tracks nur mittels
seiner
Stimme einen Ruhe-Raum, in dem man auf das warten kann, was noch kommen
mag.
Und wenn dieser Raum langsam unser Hauptraum wird? Ein kleines Haus
kann
genauso glücklich machen wie ein großes Haus, wenn wir es
erkennen und genießen,
hier und jetzt. Wunderbar.
LE TRIO JOUBRAN:
RANDANA (Fairplay) Unglaubliche Platte von
Samir Joubran, dem Oud-Virtuosen aus Nazareth, Palästina, und
seinen beiden
jungen Brüdern. Trotz aller deprimierenden Nachrichten aus
Palästina zeugt das
Trio mit fünf fantastischen Live-Stücken von der Kraft, der
Schönheit und dem
Gefühl seiner Kultur. Ganz groß!
DEUTSCHE
GRAMMOPHON RECOMPOSED BY MATHIAS ARFMANN
(Universal) Extrem ambitioniertes und zugleich wirklich locker
bleibendes
Projekt vom Hamburger Knochenhaus-Wizzard und Dub-Master Arfmann. Nix
weniger
als die Oberklassiker von Holst, Smetana, Albinoni oder Mendelssohn
nahm er
sich vor, um sie mittels Dub-Ragga-Rhythmik und sogar den Soulvocals
von
Onejiru zu etwas völlig Neuem zu machen, aus dem die Essenz des
Alten
hervorscheint. Wenn ich nicht gehört hätte, wie gut das ist,
ich würd’s nicht
glauben! Nix Klassikverpoppt, sondern ein Konzept, das aufgeht.
Auf der
zweiten CD übrigens die Berliner-Phil-Originale, dirigiert vom
ollen Karajan.
HOMBURGER/GUY/FAVRE:
DAKRYON (Intakt) Klassik, nochmal
reduzierter und avancierter: Homburger und Guy verknüpfen, als
große
Barock-Fans, Perlen von Dario Castello und H.I.F. Biber mit den
Konzepten
zeitgenössischer neuer Musik und Improvisation. Percussionist
Favre hilft beim
Bewegen. Musik für intelligentes und aufgeschlossenes Hören!
PHIL
MINTON/VERYAN WESTON: WAYS OUT EAST-WAYS OUT WEST
(Intakt) Zum Abschluss die schönste politische Platte, die wir uns
im September
gönnen können: das formidable Duo erweitert ihr altes
“Ways”-Konzept um 27
sagenhafte Songs aus dem Spektrum des politischen Anarchismus, des
aktiven und
passiven Widerstandes, der Solidarität und der Standortbestimmung.
Und das so
unglaublich intensiv zwischen Protest-Torch-Song und folky
Freeform-Attacke, da
läuft manches Gänschen die Haut runter. Mit Textbuch! Absolut
herrlich! Das ist
die Musik, die ihr vor eurer eigenen Wahl hören solltet. Alors,
der Herbst
kommt, some like it hot … auf bald!
www.terz.org - 23.08.2005