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Der Türke

Für Leser, die sich gerne mit abseitigen Themen beschäftigen, möchte ich hier gerne ein kleines Juwel wärmstens empfehlen. Der britische Autor Tom Standage hat mit "Der Türke: Die Geschichte des ersten Schachautomaten und seiner abenteuerlichen Reise" ein ganz wunderliches und wunderbares Büchlein geschrieben. Im 18. Jahrhundert war die industrielle Revolution bereits in frühen Formen zu erahnen. Eine Mode der Epoche waren alle möglichen mechanischen Gegenstände, die meist nur zum Amüsement der damaligen Herrschenden und Wohlhabenden angefertigt wurden. Wie in vielen Dingen hatten damals die Franzosen die Nase vorn. So baute z. B. der geniale Konstrukteur Jacques de Vaucanson einen mechanischen Flötenspieler und eine Ente, die man sogar füttern konnte, denn selbst ein künstlicher Verdauungstrakt wurde in das Gerät eingebaut. Nun wurde der Nationalstolz anderer dadurch angegriffen. Um der Welt zu zeigen, dass nicht nur die Franzosen Wunder bauen können, erschuf der aus Ungarn stammende Wolfgang von Kempelen für seine Kaiserin Maria Theresia 1770 einen Schachautomaten. Dieser wurde als "Der Türke" bekannt, da es sich um eine orientalisch gekleidete Männergestalt handelte, die vor einem Schachtisch saß. Dieser künstliche Spieler schlug die besten Schachspieler seiner Zeit, und von Kempelen wurde sehr berühmt. Allerdings sprach er bis zu seinem Tode nie über das Geheimnis der berühmten Maschine. Auch damals war helleren Köpfen schon klar, dass eine Mechanik kein Spiel wie Schach intelligent spielen könne, aber man konnte nie die Tricks der Maschine herausfinden. Von Kempelen machte sich später einen Namen mit Erfindungen, aus denen schließlich das Telefon entstand. Allerdings sprach er ungern über seinen berühmten Schachautomaten. Dieser ging nach seinem Tod an andere Besitzer und tourte durch viele Länder. So spielte er angeblich gegen Napoleon und den alten Fritz. Den berühmten Zirkusmann Barnum hat der Apparat schwer beeindruckt, und Edgar Allen Poe versuchte hinter den Schwindel zu kommen. Am 25.07.1854 wurde die geniale Maschine, die fast immer gewann, bei einem Brand in Philadelphia zerstört. Den Trick des schlitzohrigen von Kempelen verrate ich hier natürlich nicht, dafür sollte man das Buch lesen. Aber die eigentliche Sensation ist, dass einige sicherlich nicht dumme Leute über Jahrzehnte hinweg ihre Mitmenschen genarrt haben und darüber eisern geschwiegen haben, denn sonst wäre die Maschine natürlich viel früher aufgeflogen. Ein wirklich herrlich kurzweiliges Buch, in dem manches Amüsantes aus einer Zeit drin steht, in der die Menschen die Schattenseiten der Technik noch nicht so kannten wie wir heute.

FEHRI

Tom Standage: Der Türke
Campus Verlag, 2002, 224 Seiten, 21,50 EUR


Sibirski Punk

Eine Reise in das Herz des wilden Ostens
Russland ist in, keine Frage. Sei es Russensoul oder kriminelle Aussiedler. Aber das Wissen um Russland ist begrenzt. Sibirien ist die weite Taiga irgendwo weit im Osten. Und doch übt es eine eigenartige Faszination aus. Davon angezogen war auch die Journalistin Merle Hilbk. Das Buch beschreibt ihren Weg nach und in Sibirien. Es ist ein Reisetagebuch der besonderen Art. Unmerklich zieht sie die LeserInnen in den Bann. Ausgerüstet mit einer, von einem Bekannten besorgten, Einladung des russischen Atomforschungszentrums macht sie sich auf den Weg. Wie eine alte Bekannte wird sie umgehend von Gregori, dem Direktor aufgenommen. Als Bekannte eines entfernten Verwandten gehört sie praktisch zur Familie. Beziehungen sind in Sibirien nicht nur ein korruptes Geflecht, sondern überlebenswichtig. Auf ihrer Reise lernt sie die seltsamsten aber meist liebenswertesten Menschen kennen. Swetlana ist die Gründerin des ersten sibirischen Automobilclubs. Während sie mit ihren Clubmitgliedern zu Hause die braven Frauen sind, die den Haushalt schmeißen, machen sie in ihrer Freizeit den Männern die Strassen streitig. Das Leben in Sibirien verläuft anders als in Deutschland. Es ist ihre Art des Kampfes gegen Unterdrückung. Überhaupt muss die Journalistin erkennen, dass vieles anders ist als in Deutschland. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen verlaufen anders, dass z. B. eine Frau einen Mann angräbt, ist eine Ungeheuerlichkeit. Hilbk beschreibt die Versuche der Frauen, einen Ehemann zu ergattern, denn nur ein Mann verspricht aus der elterlichen Enge heraus zu kommen und ein Mann gehört eben zu dem Leben dazu. Aber Hilbk lernt auch andere Frauen und deren Leben kennen. Die Subkultur lernt sie über Pjotr, den Manager der Punkband "Orgasmus Nostradamus" kennen. Übungsraum und Auftrittsort, mangels anderer Möglichkeiten ist die Datscha der Tante vom Sänger. Bitter wird es, als sie von Aljoscha erzählt, den zerbrochenen Soldaten, der in Tschetschenien kämpfen musste. Sie beschreibt die Veränderungen, die stattgefunden haben, seit dem Ende des Realsozialismus, der nur für wenige wirklich erfolgreich war. Sie verschließt nicht die Augen vor der bitteren Armut vieler Menschen, die in Sibirien leben, während wenige Neureiche feiern.
Hilbk beschreibt selbstironisch ihre oft bizarren Erlebnisse und Bekanntschaften. Liebevoll erzählt sie von den Menschen und ihren Eigenschaften, die für den LeserInnen in Deutschland häufig schrullig wirken. Man mag das Buch gar nicht aus der Hand legen, so sehr lässt sie einen an ihrer Reise teilhaben. Man möchte sofort ins Reisebüro stürzen um eine Reise nach Sibirien buchen. Das Buch verursacht auf jeden Fall Fernweh.

Merle Hilbk: Sibirski Punk
Kiepenheuer, 17,90 EUR


www.terz.org - 31.08.2006