comix
Ineinander 2
Zehn Monate dauerte es bis die zweite Ausgabe des Im Eigen Verlag herausgegebenen
Comics von Dirk Schweiger vorliegt. Eine lange Zeit. War das erste Heft noch
klar strukturiert, ist das neue experimentierfreudiger. Klare Strukturen in
Gestaltung und Geschichte werden öfters durchbrochen. Gerade in der ersten
Geschichte wird dies deutlich. Aufgemacht sind die ersten beiden Seiten voller
kleiner Bildchen, dessen Puzzle erst auf den nachfolgenden Seite eine Erklärung
finden. Die Landschaft ersetzt sich erst langsam durch den U-Bahnhof. Dann folgt
der Weg zu einem Ziel anhand eines Stadtplanes der zu einem Muster wird indem
sich der Protagonist wieder entdeckt. Am Ziel, der Bücherei, angekommen,
ergibt sich mit der Bibliothekarin ein Gespräch, in dem nur der Subtext,
das ist die hinter den Sätzen stehende Bedeutung, zu lesen ist. Das ist
ein schönes Spiel mit Text. Am Ende ändert sich der Text des vor ihm
liegenden Buches. Die geschichte ist ein Wechsel zwischen Tagträumen und
Realität. Das behält Schwieger weiterhin durch und variiert die Darstellung
mehrfach. Am Ende finden sich noch Comics von anderen Autoren. Ein sehr schönes
Heft und dazu noch billig. Wer das Comic beim hiesigen Comicdealer nicht bekommt,
kann es in jeder Buchhandlung (ISBN 3-934948-12-X) bestellen oder direkt beim
Autor: http://www.eigen-heim.com/ (Sehr schöne, aber etwas langsam aufbauende
Flash Seite). Dort gibt es auch weitere Informationen.
Ineinander #2
Dirk Schwieger
der-eigen-verlag
5.90 DM für 36 s/w Seiten
comix
Der Sarcophag
Lange hatte man von Enki Bilal nichts mehr gehört und dann das. Der Sarcophag
ist ein verwirrendes Album, das zwischen Comic, Museumskonzept, Bildband mit
Zeichnungen und Fotos und Dokumentation pendelt. Behandelt wird die nun 15 Jahre
zurückliegende, fast vergessende Apokalypse von Tschernobyl. Zur Erinnerung:
Am 26. April 1986 findet das statt, von dem die Wissenschaftler behaupteten,
das es nie passieren wird. Es kommt im Atomkraftwerk von Tschernobyl, nahe Kiew
in der Ukraine zum Supergau. Das Dach des Akw zerbirst und setzt ein atomare
Wolke frei, die nicht nur die damalige UdSSR verseucht, sondern auch weite Teile
Europas. Offiziell gelten in der Ukraine bis heute 31 Personen als vermisst;
1999 nennt das ukrainische Gesundheitsamt 4.365 direkte Todesfälle durch
den Supergau und 167.653 Tote als Spätfolge. Sogenannte Liquidatoren, die
sich meist freiwillig meldeten, um den Reaktor mit einer meterdicken Betondecke
abzudichten, werden hochgradig verseucht und auf die gesamte ehemalige Sowjetunion
verteilt. Eine Aufstellung, wieviele von ihnen erkrankt oder gestorben sind,
gibt es nicht.
Es stellt sich die Frage, darf man mit Entsetzen Scherz treiben? Das Album reisst
das Geschehen aus der Vergessenheit. Anstatt eine klassisches Comicgeschichte
abzuliefern, haben Enki Bilal als Zeichner und Pierre Christin als Autor einen
ganz anderen Weg beschritten. Eine gehörige Portion Sarkasmus und viel,
viel schwarzen Humor begleiten einen durch die Gänge des geplanten, zukünftigen
Museums der Zukunft. Ein atemberaubender Weg durch die Abgründe der menschlichen
Geistes, bei dem am Schluss die Erkenntnis reift: Warum eigentlich nicht diese
Form der musealen Geschichtsaufbereitung? Es kommt dem Umgehen der Politik mit
dem Schrecken wesentlich näher, als die Betroffenheitsduselei und das Vergessen
machen von selbstherbeigeführten Schrecken.
MEIKEL F
Der Sarcophag
Bilal/ Christin, Ehapa
64 farbige Seiten, 29.80 DM
www.terz.org - 27.09.2001