nürnberger lebkuchen
Am 12./13.10.2001 findet in Nürnberg der diesjährige CSU-Parteitag
statt. Das ist natürlich nicht weiter erwähnenswert, wenn sich die
gottesgläubigen Krieger der CSU treffen. Als Leckerle haben sie sich diesmal
jedoch den in der äußeren Rechten angesiedelten italienischen Staatschef
Berlusconi als Gastredner eingeladen. Ja, genau den, der in Genua seine Garden
blutspritzend rumprügeln ließ. Ein Mensch wurde von der Polizei ermordet.
Gegen den Parteitag und Berlusconi-Besuch regt sich immer mehr Widerstand.
In Nürnberg haben sich mittlerweile 2 Bündnisse gebildet, die die
Protestaktivitäten vorbereiten. Ein linksradikales Bündnis aus autonomen,
antifaschistischen, kommunistischen und anarchistischen Gruppen bereitet Blockadeaktionen
gegen den CSU-Parteitag, dezentrale Aktionen und eine große Bündnisdemonstration
in der Nürnberger Innenstadt vor. Für die Großdemonstration
hat sich mittlerweile ein breiteres Bündnis gebildet, in dem die oben genannten
Gruppen bis hin zu linksliberalen Gruppen vertreten sind und dort zusammenarbeiten.
Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt in der gemeinsamen Durchführung
der Aktionen, zu denen mit eigenen Aufrufen mobilisiert werden soll. Weitere
Informationen können demnächst über die Internetseite http://www.go.to/csu-berlusconi
abgerufen werden.
skandal an der gesundheitsfront:
sozialhilfe-empfänger verursachen kosten
Bei der Sichtung der unproduktiven Kosten ist dem Oberbürgermeister Erwin
eine Ungeheuerlichkeit begegnet. Die Sozialhilfe-Empfänger werden in Krankenhäusern,
bei niedergelassenen Ärzten und Apotheken als Privatpatienten behandelt
- und das kostete die Stadt "im Vorjahr 31,5 Millionen Mark" (RP,
31. August)!
Das darf nicht so weiter gehen, meint der OB und schlägt vor, in Zukunft
die Sozi-Empfänger im Gesundheitsamt versorgen zu lassen.
Sozialdezernent Göbel von der anderen Fraktion ist ob des Vorstoßes
des OB beleidigt. Mit ihm sei darüber nicht gesprochen worden. Deshalb
unterzieht er die Argumentation Erwins einer kritischen Prüfung. Obwohl
auch ihm die "finanziellen Belastungen schwer im Magen" (ebd.) lägen,
könne man dem angesprochenen Personenkreis die freie Arztwahl nicht verweigern.
Auch habe man zu wenig Personal, um die ärztlichen Verordnungen zu überprüfen.
Der wegweisende Hinweis des Oberbürgermeisters ist aber nicht vom Tisch.
Pflichtschuldig macht sich die Konkurrenz von der SPD Gedanken über die
vorgeschlagenen Kosteneinsparungen. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD,
Kurt Hahn, weiß schon nach wenigen Tagen die Lösung des selbst gestellten
Problems zu vermelden. Die Stadt müsse mit der "Ärzteschaft einen
Vertrag mit Leistungs-Obergrenzen abschließen." (RP, 3.9.) Auch glaubt
er im Gegensatz zu seinem Parteikollegen Göbel: "Es sei vergleichsweise
einfach, ein Controlling aufzubauen." (ebd.) - und meint damit, im Rathaus
könne man die Rechnungen der Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser
auf Notwendigkeit überprüfen.
Das Perfide an dieser Geschichte sind weniger die angepeilten Einsparungen auf
Kosten der Armen. Entsprechende Mitteilungen erreichen den Leser fast täglich.
Vielmehr ist es die subtile Hetze gegen die Bedürftigen. Es wird der Eindruck
vermittelt, als säßen die Sozialhilfe-Empfänger beim Arzt in
der VIP-Longue, die eigentlich den rechtmäßigen Privatpatienten mit
Erster-Klasse-Versorgung vorbehalten ist, wo die Pauper nach gängigem Volksempfinden
nicht hingehören. Außerdem bekämen sie ärztliche Leistungen,
die dem gemeinen Volk vorenthalten würden.
Im Gegensatz zum richtigen Privatpatienten erhalten die Ärzte für
die Behandlung der Bedürftigen nicht den zwei- bis dreifachen Satz nach
der Gebührenordnung für Ärzte, sondern lediglich - wie bei Kassenpatienten
- den einfachen Satz. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Ärzte
nicht an die Vorgaben der gesetzlichen Kassen gebunden sind. Das heißt,
es können auch manchmal Behandlungen durchgeführt oder Medikamente
verschrieben werden, die die Krankenkasse sonst nicht erstatten würde.
Die Hetze zielt auf den Neid des gemeinen Kassenpatienten ab, der glaubt, er
würde schlechter als ein Sozialhilfe-Empfänger behandelt. Einerseits
erhoffen sich die Parteien durch diese volkstümliche Argumentation Prozentpunkte
bei der Wählerschaft zu ergattern, andererseits kommt der Kassenpatient
in diesem Zusammenhang nicht im Traum auf die Idee, ihm würde als Zweite-Klasse-Patient
eine optimale Gesundheitsversorgung verweigert.
www.terz.org - 27.09.2001