"Wir haben nur Befehle ausgeführt"
Im Rahmen der Reihe "Foreign Affairs: Afrika" im Forum Freies
Theater thematisieren Hans-Werner Kroesinger und Rob Moonen in ihrem Stück
"Truth part one" die Aufarbeitung der Apartheid in Südafrika.
"Ich werde mich nicht entschuldigen", so lautete die sture Aussage
Joe Vesters vor der südamerikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission
(TRC), die sich seit 1995 mit der Aufklärung der Verbrechen des überwundenen
Apartheidregimes befasst. Vester war Chef des Civil Corporation Bureau (CCB),
einer Abteilung des südafrikanischen Geheimdienstes, die mit der illegalen
Kriegsführung gegen die Anti-Apartheidsaktivisten beauftragt war. Jetzt
beantragt er vor dem Versöhnungsausschuss Amnestie für seine Taten.
Das Besondere an diesem Ausschuss ist, dass er die Täter nicht notwendigerweise
verurteilt. Ein Schuldspruch kann ohne weiteres mit einem Freispruch enden.
Wahrscheinlich nehmen auch deshalb die Angeklagten kein Blatt vor den Mund.
1980 detonierte in einem Ausbildungszentrum in Athlone eine Bombe. Ihr Ziel:
führende Apartheidgegner. Der Verantwortliche: Joe Vester. Heute sitzt
er den Leuten, die er damals töten wollte, im Gericht gegenüber und
betont, er sei immer noch stolz auf seine Taten von damals. "Vielleicht
haben die anderen auf der politischen Ebene gewonnen, aber sie werden uns niemals
besiegen", so seine Worte. Spricht er von der ANC-Regierung, redet er von
dem "former enemy of state, who is in charge now". Und eine Entschuldigung
komme sowieso nicht in Frage, das sagt er den Opfern ins Gesicht. Seine Ausreden
muten bekannt an: "Wir haben nur auf Befehl gehandelt", entblödet
Vester sich nicht, auszusagen. Vermutlich weiss er nicht einmal, in welcher
Tradition er mit einer solchen Aussage steht.
Hans-Werner Kroesinger und der bildende Künstler Rob Moonen begreifen das
Apartheidregime in Südafrika als Produkt des Kolonialismus. Deshalb beziehen
die beiden Autoren die Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Erzählung
Joseph Conrads "Das Herz der Finsternis" und die Berliner Kongo-Konferenz
von 1884, bei der die Aufteilung des Afrikanischen Kontinentes an die Kolonialmächte
beschlossen wurde, in ihre Theaterproduktion mit ein. In Conrads Erzählung
geht es um einen Menschen, der Kapitalinteressen völlig unterliegt und
sich als Chef eines Elfenbeinhandels als Diktator mit dem Bewusstsein, einer
überlegenen Rasse anzugehören, geriert. "In dieser Figur des
Kurtz", so Kroesinger, "erscheinen für mich in verwandelter Form
die Agenten des CCB, leitende Angestellte einer Organisation, deren Arbeitsfeld
das Aufspüren und Eliminieren potenzieller Staatsfeinde zum vorgeblichen
Schutz der Bevölkerung war. Die reale Situation der Anhörung vor dem
Untersuchungsausschuss der TRC ist voller theatraler Aspekte, die ihre Brechung
in Conrads Erzählung und in den Dokumenten der Kongo-Konferenz finden soll."
"Truth part one" ist am 4., 6. und vom 11.-13. Oktober in den FFT Kammerspielen zu sehen
www.terz.org - 27.09.2001