Von großen und kleinen Kriegen
1. USA contra Terror
Zur Rettung der zivilisierten Welt, der Ehre Amerikas, des amerikanischen
Traums, der amerikanischen Freiheit, des amerikanischen way of life etc. hat
George Bush zum Krieg gegen die Unzivilisierten, Feinde der Freiheit, Ungläubigen
etc. aufgerufen.
Und alle machen mit, freiwillig, mit Bauchschmerzen oder aus Angst vor drohenden
Sanktionen seitens der USA. Vom Grundschüler in Oer-Erkenschwick, über
die weisen Staatsmänner und --frauen in aller Welt bis zu einstigen Widersachern
amerikanischer Politik wie Castro und Arafat - alle vergießen Tränen
über den feigen Anschlag gegen das amerikanische Volk und fordern mutige
und besonnene Reaktionen gegen die Barbaren.
In linken Kreisen hat dies Erstaunen hervorgerufen. Warum regt sich bloß
die Welt so auf - haben nicht die Amis und ihre engsten Freunde erheblich mehr
Leichen auf ihrem Konto? Die Kriege gegen Vietnam, Irak und Yugoslawien haben
im Vergleich viel mehr Opfer gefordert. Nicht zu schweigen von der ökonomisch-sachlichen
Gewalt gegen die Dritte Welt, die täglich mehr Tote hervorbringt, als es
die Terroristen in den Jahrzehnten ihres Treibens geschafft haben.
Alles das scheint kein Grund für größere Aufregungen zu sein.
Vielleicht werden die hier anfallenden Opfer gerade mal eben ins Abendgebet
eingeschlossen - aber damit hat es sich auch.
Bedeutung von Leichen
für die Politik
Durchgeknallte Fanatiker haben Flugzeuge gekapert und tausende Tote produziert.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Übersetzung des Mordgeschäftes
in eine - so Bush - nationale Tragödie. Die Leichen werden für die
nationale Sache instrumentalisiert.
Aber genau darauf haben die Terroristen spekuliert. Sie wussten, wenn sie amerikanische
Staatsbürger hinrichten, so wird das staatlicherseits als Angriff auf die
amerikanische Souveränität begriffen.
Dahinter steht ein für uns selbstverständliches aber dennoch eigentümliches
Verhältnis von Staat und Bevölkerung. Jeder Staat nimmt sein Volk
in die Pflicht und verlangt Gehorsam. Umgekehrt ist der Untertan, vor allem
in demokratischen Gesellschaften, mit den Taten und Untaten der Herrschenden
in der Regel einverstanden. Schließlich beruht die Macht moderner Staaten
auf der Zustimmung durch die Beherrschten.
Daher schließt die moderne Kriegsführung, auch wenn sie es oft nicht
betonen möchte, den Terror gegen die Zivilbevölkerung direkt durch
Kriegshandlungen oder indirekt durch Wirtschaftssanktionen ein. Gleichzeitig
wird der feindliche Herrscher als Volksfeind diffamiert, der sein Volk unterdrückt,
es in kriegerische Auseinandersetzungen hetzt und der sogar in die eigene Tasche
wirtschaftet. Auf propagandistischer Ebene versucht man so einen Keil zwischen
Staatsführung und Volk zu treiben. Ob es zu einer Demoralisierung oder
zum "Zusammenschweißen" der Bevölkerung kommt, darüber
kann vorher nur spekuliert werden.
Was wollen die Terroristen?
Auch die Terroristen fühlen sich als Vertreter einer großen Idee,
mit der sie die Welt inklusive menschlichem Inventar beglücken möchten.
Unglücklicherweise fehlt ihnen die mächtige, anerkannte Staatsmacht,
die ihrem Vorhaben die notwendige Durchschlagskraft verleihen kann. In ihrer
Ohnmacht haben sie sich auf Bombenanschläge und Flugzeugentführungen
spezialisiert und scheuen als durch und durch gute Vertreter ihres Anliegens
auch nicht davor zurück, sich für ihre Mission zu opfern. Neidisch
können die "zivilisierten" Staaten das Engagement der Terroristen
für die große Sache bewundern, ist es doch in hiesigen Regionen nur
mit erheblichem Agitationsaufwand möglich, die Bevölkerung zur Abkehr
von der "Spaßgesellschaft" zu bewegen und die umstandslose Anerkennung
des kriegerischen Vorhabens einzuklagen.
In Form und Inhalt unterscheiden sich also Terroristen und moderne Staaten kaum,
wenn sie gegenseitig den Vernichtungswillen kundtun.
Fazit
Die anfangs erwähnte Agitation der Linken, die auf die Opfer des imperialistischen
Engagements der "zivilisierten" Welt verweist, muss erfolglos bleiben.
Die zur Schau gestellte Betroffenheit hat nicht den Grund in der Scheußlichkeit
des Terror-Angriffes, sondern in der Identifikation mit dem sich als angegriffen
erklären den Staats.
Für den hiesigen Staatsbürger gehen die Bomben auf Hanoi, Bagdad und
Belgrad bei der Durchsetzung der Ziele und Zwecke der "Freien Welt"
eben voll in Ordnung. Spiegelbildlich geht es beim Feind zu. So jubeln Palästinenser
über das Massaker in New York, aber zeigen sich tief bestürzt, wenn
es einen der Ihren erwischt hat. In jedem Fall dienen die Opfer der Illustration
der gedemütigten, beleidigten Nation, die nach Rache und Vergeltung schreit.
2. Israel contra Palästina
Vom großen Kriegsschauplatz nun zum kleinen. Hier finden sich Gemeinsamkeiten. Während die eine Seite mit einer hochgerüsteten Armee ihre Interessen kompromisslos durchsetzt, versucht die andere Seite mit den bescheidenen Mitteln des Straßenkampfes und des Terrors sich zu wehren und ihrerseits Anerkennung beim Gegner und in der Weltöffentlichkeit zu gewinnen. Denn das haben die Palästinenser gelernt: Ihre nationalen Pläne sind nur soviel wert, wie ihre militärische Stärke durchsetzen kann. Ansonsten bleibt ihnen nur das Hoffen auf für sie günstige weltpolitische Konstellationen.
Eine lesenswerte Schrift
Vor wenigen Monaten veröffentlichten die Marxistischen Blätter eine
Sonderausgabe zum Israel-Palästina-Konflikt. Zahlreiche Autoren aus Deutschland
und dem Nahen Osten versuchen in ihren Beiträgen die verschiedenen Aspekte
der kriegerischen Auseinandersetzungen zu beleuchten. Von Impressionen aus den
betroffenen Gebieten über Analysen interner Klassenverhältnisse in
Israel und Palästina, die auch die Bedeutung der Religion berücksichtigen,
bis zur Einordnung des Konflikts in weltpolitische Zusammenhänge bietet
das Buch umfassende Auskünfte über die aktuelle Situation.
Obwohl die Redaktion der Marxistischen Blätter und auch einige Autoren
des Sonderheftes aus ihrer Nähe zur DKP keinen Hehl machen, finden sich
kaum Stereotypen der alten DDR-Geschichtsdeutung, die ihr ML-Schema dem zu untersuchenden
Gegenstand überstülpte. Hier wird meist die Sache vorurteilsfrei zur
Kenntnis genommen, analysiert und die notwendigen Schlüsse gezogen, so
wie es sich für eine ordentliche materialistische Betrachtung gehört.
Frieden im Nahen Osten?
Dennoch seien hier zwei kritische Anmerkungen erlaubt. Der verständliche
Wunsch nach Frieden in den betroffenen Gebieten drückt sich bei allen Autoren
aus. Doch unter der gegenwärtigen Ausrichtung der Interessen und der Gewaltverteilung
können Vorschläge, die einen wirklichen Frieden befördern wollen,
entweder nur idealistisch sein oder einen Frieden meinen, der auf äußerer
Gewalt gründet. Beide Positionen werden in der vorliegenden Schrift beschrieben
oder unkommentiert dokumentiert.
So verlangt die "Erklärung des Bundesausschusses Friedensratschlag"
von Israel die Räumung der "israelischen Siedlungen auf dem Territorium
des Palästinastaates" oder die Anerkennung des Rechts "der Palästinenser
auf Rückkehr in ihre Heimat" (S. 124/125). Dass diese Forderung zur
Zeit verdammt idealistisch ist, weiß auch der Bundesausschuss. Darum verlangt
er entsprechenden Nachdruck von Seiten der EU und der Bundesregierung. Ein Frieden,
der so erreicht wird, lässt den Grund für den Krieg bestehen.
Noch schärfer wird die Position von Kinan Jaeger vertreten. Er fordert
von Deutschland die Abkehr von der "Scheckbuchdiplomatie" und die
Hinwendung zu machtvollen Eingriffen: "Als größte wirtschaftliche
und demographische Kraft in Europa hätte Deutschland hier die Fähigkeit,
starke politische Akzente zu setzen." (S. 102) Der so durchgesetzte Friede
läge "aus mehrfachen Gründen im europäischen Interesse.
Er könnte dazu beitragen ... dem zunehmenden Internationalen Terrorismus
entgegenzuwirken, die Radikalisierung insbesondere islamischer Fundamentalisten
zu verhindern (und) zunehmende Migrationsbewegungen und Flüchtlingsströme
nach Europa zu unterdrücken." (ebd.)
Diesen Beitrag hätte uns die Redaktion ruhig ersparen können. Die
regierungstreuen Blätter können das ohnehin besser.
Trotz dieser Ausfälle bleibt das Büchlein durchaus lesenswert - insbesondere
die Auseinandersetzung mit den Positionen von konkret und Bahamas. Doch dazu
mehr in der nächsten Ausgabe der Terz.
HENRICI
Marxistische Blätter Special: Israel, die Palästinenser und wir, Neue Impulse Verlag, Essen 2001, ISSN 0542-7770
www.terz.org - 27.09.2001