VON PIERRE BRIEGERT, JAN SPREUK UND WOLFGANG BLUM
Neonazistische Demonstrationen in NRW reissen nicht ab. In unschöner Regelmässigkeit steht der braune Mob auf der Strasse. Dennoch ist festzustellen, dass sich nach Grossevents, wie z. B. nach dem 2.500-köpfigen bundesweiten "Rudolf-Hess-Gedenkmarsch" am 17. August in Wunsiedel, an dem auch reihenweise Neonazis aus Düsseldorf und dem Umland teilnahmen, neonazistische Stimmen häufen, die die Sinnhaftigkeit permanenter Kleinstaufmärsche in Frage stellen und diesen fernbleiben. Seit Drucklegung der letzten TERZ fanden diverse derartige Minidemonstrationen mit unter 150 TeilnehmerInnen statt.
Von Schwelm ...
Am 26. August demonstrierten in Schwelm bei Wuppertal rund 60 Neonazis unter
dem Motto "Todesstrafe für Kinderschänder - nur das ist 0 Prozent
Rückfallquote". Um Gegenaktionen und eventuelle Verbote zu vermeiden,
war der Auflauf erst am Freitag zuvor für den Montagabend angemeldet worden.
Vor Ort liess sich einmal mehr auch eine Delegation der "Kameradschaft
Düsseldorf" um Sven Skoda sowie Neonazis aus Dortmund, Hagen und Wuppertal,
dem nördlichen Ruhrgebiet, dem Sauerland und dem Ennepe-Ruhr-Kreis blicken.
Diese lauschten den drei Rednern Ronald Guziewski, Maik Falkenrath und Björn
Koch, sowie dem Anmelder Mark vom Ort. Letzterer ist, bzw. war verantwortlich
für die seit längerem nicht mehr aktualisierte Homepage der Kleinstgruppe
"Initiative der weißen Art" (I.d.w.A). Die I.d.w.A hatte im
Dezember letzten Jahres auch zu einer Demonstration in Dortmund-Brechten aufgerufen.
Am 5. Januar 2002 wollte sie zudem die Kameraden an der Wewelsburg bei Paderborn
aufmarschieren lassen. "Ruhm und Ehre der Waffen-SS" sollte das Motto
sein. Während diese Veranstaltung schon wegen des provokativen Mottos und
des nicht minder provokativen Ortes verboten blieb, sah die Polizei in Schwelm
eigenen Angaben zufolge keine Möglichkeit, den Aufmarsch zu verhindern.
über Stolberg und Wuppertal ...
Rund 130 Personen folgten am 7. September dem Aufruf der NPD zu deren NRW-Wahlkampfveranstaltung
nach Wuppertal. Unter dem Motto: "Gegen Korruption und Globalisierung -
soziale und nationale Gerechtigkeit für Deutsche!" hatte der NRW-Landesvorstand
der NPD diese Wahlkampfveranstaltung angemeldet, nachdem der Wuppertaler/Remscheider
Kreisverband keine Genehmigung erhalten hatte. So sollte zwei Jahre nach dem
überwiegend von NPD-Funktionsträgern verübten Überfall auf
eine Gedenkveranstaltung am Wuppertaler KZ-Denkmal Kemna die geplante Route
der NPD-Demonstration ausgerechnet am jüdischen Neujahrsfest Rosch Ha-Schana
an der Neuen Synagoge vorbeiziehen. Doch diese unverhohlene Provokation war
selbst den Behörden zuviel, und die NPD erhielt hierfür keine Genehmigung.
Statt dessen wurde dem NRW-Landesvorstand lediglich unter Auflagen eine Wahlkampfkundgebung
zugebilligt. Als Redner traten der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt sowie Willibert
Kunkel auf. Der Stolberger Ratsherr Kunkel, der erst kürzlich der DVU den
Rücken zuwandte und inzwischen bereits Chef des NPD-Kreisverbands Aachen
und NPD-Bundestagskandidat im Aachener Land ist, tummelt sich derweil auf vielen
Bühnen für seine neue Partei. Im Ennepe-Ruhr-Kreis kandidiert er für
den Posten des Landrats. In Stolberg hatte er dieses Jahr bereits zwei kleine
Demonstrationen organisiert, eine am 16.02.2002 mit nicht mehr als 30 TeilnehmerInnen
unter dem Motto "Die Rechten gegen das Schächten" und zuletzt
eine mit 60 Personen am 24. August - diesmal unter dem Motto "Deutsche
Arbeitsplätze für Deutsche". Begleitet wurde er in Wuppertal
von Nico Ernst von der NPD-nahen "Kameradschaft Rhein/Ahr" und einer
größeren Gruppe neonazistischer Skinheads. Jüngere Skinheads
stellten auch das Gros der KundgebungsteilnehmerInnen. An weiteren NPD/JN Funktionsträgern
waren vor Ort noch der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende Bernd Kremer (Essen),
der bis zum Frühjahr diesen Jahres als kommissarischer JN-Landesvorsitzender
fungierende heutige NPD-Vorsitzender Herne/Gelsenkirchen Claus Cremer (Wattenscheid),
der im Frühjahr gewählte neue JN-Landesvorsitzende und Kemna-Attentäter
Nico Wedding (Duisburg), das NPD-Landesvorstandsmitglied Axel Hellmann (Schwelm)
sowie der NPD-Vorsitzende im Märkischen Kreis Axel Schoppmann (Lüdenscheid)
anzutreffen. Im Gegensatz zu diesen glänzten reihenweise NPD-Landesvorstandsmitglieder
und Vorstandsmitglieder regionaler NPD-Kreis- und Ortsverbände durch Abwesenheit.
Auch sämtliche relevanten "Freien Kameradschaften" (FK) aus NRW
liessen sich nicht blicken.
... bis Iserlohn.
Die FK fehlten auch trotz Ankündigung ihres Starredners Friedhelm Busse
eine Woche später am 14. September bei der NPD-Wahlkampfkundgebung in Iserlohn.
Was in Freiburg und Potsdam an jenem Samstag nicht gelang - in Iserlohn war
es möglich. Ungestört von GegendemonstrantInnen und zur besten Tageszeit
marschierte die NPD eine Woche vor der Bundestagswahl durch den Stadtteil Hombruch.
Mitten in einem Wohngebiet konnte sie eine Kundgebung mit ihrem NRW-Spitzenkandidaten
Voigt abhalten. Auf den angekündigten zweiten Redner, den früheren
FAP-Vorsitzenden Busse, mussten die rund 90 NPD-AnhängerInnen verzichten.
Der hatte sich Zeitungsberichten zufolge für einen Auftritt bei der für
den selben Tag geplanten NPD-Demonstration in Freiburg entschieden, war dort
aber mit einem Redeverbot belegt worden. Er wurde in Iserlohn von dem "freien
Nationalisten" Hartmut Wostupatsch vertreten. Auch für die musikalische
"Unterhaltung" war bei der mehr als dreistündigen Demonstration
gesorgt. Mit den Tücken der Lautsprechertechnik kämpften die als "Liedermacher"
angekündigten Frank Körner und Detlef Schumann.
Deutscher Heldenmut
Insgesamt fanden also vier Aufmärsche in den letzten Wochen statt. Aber
nicht immer war der Grund des Fernbleibens diverser Nazis strategischer oder
inhaltlicher Natur. So schrieb ein Wuppertaler Neonazi im Internet: "Ich
als Wuppertaler war auch nicht in Wuppertal vor Ort, weil ich einfach kein bock
hatte nicht mehr sicher in die Stadt zu gehen ohne eine aufs maul von irgendwelchen
Abschaum zu bekommen."
www.terz.org - 24.9.2002