Terz: Seit wann besteht die Initiative zur Gründung einer Freien Schule?
Ulla Dörnemann: Seit 1998. Der Anlass war eher zufällig. Mich sprach
eine Bekannte an: "Du hattest in der Alternativ-Bewegung doch einmal im
Kopf gehabt, bei der Einrichtung einer Freien Schule mitzumachen. Willst Du
das eigentlich immer noch?" Da habe ich einen Moment gestutzt und dann
gesagt: "Ja, eigentlich schon". Ich hab' ganz lange im Regelschul-Bereich
gearbeitet. Das ist also jetzt nicht so etwas Spinnertes. Meine Vorraussetzungen
sind heute natürlich ganz anders als damals, als ich noch in der Martinstrasse
in der Stadtteil-Politik aktiv war.
TERZ: Sind sie alle in der Gruppe Lehrer?
U. D.: Die meisten, aber nicht alle. Uns verbindet die Erfahrung, dass ganz,
ganz viel Energie und Innovationskraft schnell aufgebraucht wird, und nicht
das herauskommt, was einem früher einmal vorschwebte. Wir wollen einerseits
inhaltlich, fachlich etwas Gutes bieten, den Kindern richtig etwas beibringen.
Die andere Seite ist die, die eher vom Herz des Pädagogen ausgeht: Ganzheitliche
Erziehung, die Schüler zu kreativen Menschen ausbilden, die sich in dieser
Gesellschaft behaupten können, die selbstbewusst und kritisch sind.
TERZ: Wie sieht das Konzept der Freien Schule aus?
U. D.: Es ist eine reform-pädagogische Schule, mit allen Wurzeln, die Reform-Pädagogik
hat: ganzheitliches Lernen, Aufhebung von Jahrgangsstufen. Denn durch die Zwangsverklammerung
von Kindern in einem Klassenverband orientiert man sich an so einem "normalen"
Schüler, den es gar nicht gibt. Man focussiert Lehrer-Verhalten und Unterricht
auf eine imaginäre Mitte - und wer fällt da alles raus? Im Erwerb
einer Fremdsprache z. B. gibt es am Anfang den gleichen Leistungsstand. Darauf
baue ich auf. Das vernachlässige ich aber, sobald die Kinder ein wenig
älter sind, denn der eine ist wesentlich schneller mit seinem Pensum fertig.
Da setzt dann die Montessori-Pädagogik ein und arbeitet z. B. mit Freiarbeit.
Es gibt einen offenen Schulanfang - nicht dass da die Glocke läutet und
dann geht's los. Die Kinder kommen morgens rein und gehen so jedes in seine
Ecke. Der eine nimmt sich die Hausaufgaben von gestern vor, die andere beginnt
zu spielen, ein weiterer setzt sich vor den Lern-Computer. Man geht davon aus,
wenn man Kindern so viele schöne Sachen anbietet, dann nehmen sie sie auch
und lernen daraus. Das ist natürlich eine sehr idealisierte Vorstellung.
Da haben wir unsere Ähnlichkeiten, aber auch ganz große Unterschiede,
indem wir sagen, man muss Kinder auch deutlicher fordern, sich mit bestimmten
Sachen auseinanderzusetzen.
TERZ: Was sind weitere Unterschiede zur konventionellen Schule?
U. D.: Ein weiterer wichtiger Punkt ist sicherlich die Klassenstärke. (...)
TERZ: Was frustriert sie am normalen Schul-Alltag besonders?
U. D.: Die Reibungsverluste. Der riesige Aufwand, den die einzelnen Lehrer aufbringen
müssen und das wenige, dass dabei herauskommt. Es gibt ein immer höheres
Ausmass an Verwaltung und Organisation. (...)
TERZ: Geben Sie Noten?
U. D.: Wir halten den Leistungsstand der Schüler in so genannten Pensen-Büchern
fest: Hat er den Stoff ordentlich abgearbeitet, entspricht das "gut"
bis "sehr gut". Hat er das nur so "gerade mal", entspricht
das einer Vier. Hat er sich gar nicht damit beschäftigt, kommt das einer
Fünf gleich. Ich kann das jederzeit wieder in eine konkrete Note umsetzen.
Das ist so ein Zwischending.
TERZ: Haben sich seit den 70er Jahren die alternativen Erziehungsmodelle
geändert?
U. D.: Die Alternativschul-Bewegung ist in den 70er Jahren entstanden und eine
Art Verlängerung der antiautoritären Erziehung. Aber das Gesicht hat
sich gewandelt. Das war eine absolute Gegenbewegung, die antiautoritäre
Erziehung. Wir Erzieher sind ja oft beschimpft worden, dass das "Laissez
Faire" zu so einer Wurstigkeit geführt hat. Ich würde heute nicht
mehr in so einer Form eine Freie Schule miteröffnen, wie ich sie mir früher
sehr optimistisch und idealistisch vorgestellt habe. So von alleine lernen Kinder
nicht. Und so nur unter Selbstregulierung klappt es nicht. Ich muss sie da schon
immer anleiten und ihnen Grenzen setzen. Menschen brauchen auch Grenzen, um
sich zu reiben, um sich zu entwickeln.
TERZ: Was hat sich von den damaligen Konzepten als nicht praxis-tauglich
erwiesen?
U. D.: In den 70er Jahren wurden Fehler in der entgegengesetzten Richtung begangen.
Die Kinder kann man auch nicht idealisieren, auf die Weise, dass man sagt, in
der Selbstregulation finden die zu einem sozialen Verhalten. Das hat in vielen
Fällen zu 'ner Art von Sozialdarwinismus geführt. Was aber sicherlich
geblieben ist, ist die Diskutierbarkeit, die Auseinandersetzung über Regeln.
TERZ: Wie frei kann sich eine Freie Schule bewegen bei festgelegten Lehrplänen
und anderen Vorschriften?
U. D.: Natürlich haben wir einen Lehrplan, den wir erfüllen müssen.
Wir müssen den Kindern genau das beibringen, was sie an den Regelschulen
lernen. Und wir gehen ganz optimistisch davon aus, dass sie bei uns wesentlich
schneller lernen, weil die Rahmenbedingungen einfach besser sind.
TERZ: Wie finanziert sich die Schule?
U. D.: In dem Moment, wo wir genehmigt werden, zahlt das Land NRW einen erheblichen
Anteil, 96 % der Gesamtkosten. 4 % müssen wir selber aufbringen. Das hört
sich wenig an, aber bei einem Etat von 1,5 Millionen Euro ist das schon ganz
erheblich was. Und die 4 % sind wir gezwungen, durch Förder-Beiträge,
Eltern-Spenden und Sponsoren aufzubringen. Der Ehrlichkeit halber muss ich aber
auch sagen: Wir wünschen uns schon eine Eltern-Spende in Höhe von
150 Euro. Für Eltern, die überhaupt nichts bezahlen können, haben
wir interne Sponsoren.
TERZ: Das kann eine soziale Schieflage innerhalb der Schülerschaft hervorrufen
U. D.: Ja. Diese Schule spricht - unabhängig vom Geld - ein bestimmtes
Klientel an. Da müssen wir uns nichts vormachen. Sie spricht gebildete,
wache Menschen an, die überhaupt erstmal Mängel im Regelschul-System
feststellen. Das ist irgendwo eine Auslese. Aber es ist unsere Aufgabe, mit
Grundschul-Lehrern in Kontakt zu treten und ihnen zu sagen: ,Wenn ihr ein Kind
habt mit einer besonderen Begabung, das einer besonderen Förderung bedarf,
dann ermutigt die Eltern, zu uns zu kommen. Da werden wir schon eine finanzielle
Lösung finden.'
TERZ: Ist es eine Schule für Hochbegabte?
U. D.: Dadurch, dass wir reformpädagogisch sind, sind wir für Eltern
interessant, die Schwierigkeiten mit ihren Kindern haben. Und Schwierigkeiten
kann man haben, weil man körperlich oder geistig behindert ist - aber auch,
weil man zu schlau ist. In unserer Gesellschaft ist unstrittig, dass wir die
Schwachen sehr gut ausstatten müssen. Und ich finde, man kann daraus ableiten,
dass diese Wertschätzung eigentlich jedem Kind zukommen muss - auch den
Hochbegabten. Es ist den wenigsten Menschen klar, wieviel persönliches
Elend bei vielen Kindern dahinter steckt.
TERZ: Das hat natürlich den Ruch von Elite-Schule ...
U. D.: (seufzst) Also, da muss man dann selbstbewusst sagen: ,Wenn jemand uns
so ein Mäntelchen umhängen will, dann ist das so. Elite - das ist
ja leider innerhalb der aufgeklärten Intelligenz ein diffamierender Begriff.
Wenn ein Kind mehr kann, dann ist es doch auch ein Bedürfnis, dass es da
weiter kommt. Die haben ganz schnell etwas begriffen und langweilen sich dann.
Das ist gesamtgesellschaftlich betrachtet doch auch eine Verschleuderung von
Ressourcen, die ist unverantwortlich. Das sind ja auch für uns Gesellschaftsträger,
die müssen wir doch auch besonders miterziehen, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen
Rolle auch bewusst werden.
TERZ: Da kann man ja gerade sehr skeptisch sein. Dass man sagt: "Ganz
egal, was die Chaoten machen, wir müssen gucken, dass wir die Leute, die
Potenzial haben, da rausfiltern. Die steigern dann das Bruttosozialprodukt."
U. D.: Nein, darum geht es überhaupt nicht. Bleiben Sie gerne im linken
Bereich. Woran krankt es denn, dass da überhaupt nichts zu Potte kommt?
Dann hat man einen, bei den Grünen, den man herumträgt wie Ichweißnichtwas.
Das hat doch auch etwas damit zu tun, dass es kaum Menschen gibt, die bereit
und in der Lage sind und sagen: "So geht es aber nicht". In der Linken
ganz besonders werden die dann heruntergemacht als Geschäftsführer,
wenn sie den Mund aufmachen. Wir haben verschiedene Fähigkeiten, wir Menschen.
Da muss ich doch dem einen nicht verbieten, seine Verschiedenheit konstruktiv
auszuleben und zudem auch noch für uns nützlich zu sein. Ich kann
ihnen ganz viele hoch begabte Kinder aufzählen, die keinen Hauptschulabschluss
haben. Es gibt so z. B. so viele islamische Mädchen, die da völlig
rausfallen.
TERZ: Es gibt ja auch spezielle pädagogische Konzepte für lernschwache
Schüler. Haben Sie da auch was anzubieten?
U. D.: Das ist genau der Punkt. Ich bin der Meinung, man muss auch sagen: "Das
kann ich und das kann ich nicht". Ich kann nicht alle Kinder zugleich angemessen
betreuen, weil sie eben so verschieden sind. Da werde ich ihnen nicht gerecht.
Da mach' ich dann doch genau das Gleiche, was heute an den Regelschulen gemacht
wird.
TERZ: Es gibt ja in Düsseldorf schon Schulen, die sich einen "guten
Ruf" erarbeiten, beispielsweise zur Aufnahme einen Segelschein verlangen.
Und wenn man dann in Flingern wohnt, heißt es, "Du kannst dein Kind
doch nicht da einschulen, wo die Klassen voller Unterschichtsangehöriger
und Migranten-Kinder sind. Da lernt es doch nichts!"
U. D.: Sie beschreiben da doch etwas, was an unseren Regelschulen de facto passiert,
und es weiß jeder. Zu sagen, dass das der falsche Weg ist und sein Kind
dann an eine Brennpunkt-Schule zu schicken, und ich erlebe dann bei ihm den
Lernfrust, es fängt an zu schwänzen, wird verkloppt und was auch immer
... da überlege ich mir doch als Elternteil, ob ich meine soziale Verantwortung
auf dem Buckel meiner Kinder austragen soll.
TERZ: Sie haben das nicht gemacht?
U. D.: Nein, ich habe das nicht gemacht. Ich habe aber auch das Glück gehabt,
in einer relativ "wohlanständigen Nachbarschaft" zu leben. Hier
in Wersten haben wir einerseits viele Akademiker, und andererseits gibt es die
Plattenbauten und die Stahltor-Siedlung. Diese Kinder kommen an ein und derselben
Grundschule zusammen und werden innerhalb der Schule oft in verschiedenen Klassen
untergebracht, damit man diese Probleme nicht hat.
TERZ: Das ist ja pädagogische Apartheid!
U. D.: Ja, der Status Quo ist teilweise schlimm.
TERZ: Aber müsste man nicht gerade als linkes Projekt versuchen, dagegenzuarbeiten?
U. D.: Sollen wir jetzt eine Hauptschule aufmachen?
TERZ: Würde ich nicht schlecht finden.
U. D.: Da kann ich einfach nur ganz schlicht sagen - das mögen sie jetzt
vielleicht als blöd empfinden: "Ich bin ausgebildete SEK I-, SEK II-Lehrerin.
Meine Aufgabe besteht eigentlich darin, Kinder zum Abitur zu bringen. Und ich
möchte gern ganz viele verschiedene Kinder zum Abitur bringen, und ich
wäre da überfordert, in einer Grundschule zu arbeiten. Ich denke,
ein jeder sollte auch sehen, was er kann und was er nicht kann.
TERZ: Es ist aber auch insgesamt so, dass Hauptschulen nicht die beliebtesten
Orte für Lehrer sind.
U. D.: Dass die Hauptschulen zu "Rest-Schulen" geworden sind, ist
ein großes Versagen der Politik. Hauptschulen werden geschlossen, damit
die Schüler auf die Gesamtschulen gehen. Und die Gesamtschulen haben so
nicht mehr ihre Normalverteilung mit einem Drittel Gymnasiasten, einem Drittel
Realschüler und einem Drittel Hauptschüler. Aber wenn ich 60 - 80
% Hauptschüler habe, wie will ich dann die lernwilligen Gymnasial-Schüler
bedienen?
TERZ: In die Gesamtschul-Konzeption ist ja auch viel von der Reform-Pädagogik
eingeflossen ...
U. D.: Von der Struktur her finde ich Gesamtschulen prima. Nur wie es umgesetzt
wird ...Die Realität ist vom Mangel bestimmt. Ich hab so eine kleine Decke,
und entweder sind mir die Füße kalt oder der Kopf, und innerhalb
der SPD-Ägide - ich sag das nur beschreibend - ließ man eher den
Kopf kalt.
www.terz.org - 24.9.2002