Krieg für "freedom & democracy"
oder "Deutscher Weg!" gegen USA?
Angesichts wahrscheinlicher militärischer Eskalation im Nahen Osten sollte die Linke Abstand nehmen vom dualistischen Freund-Feind-Denken und aus dem vorherrschenden Werte-Fundamentalismus aussteigen.
Antimilitarismus
Mit deutscher Antikriegs-Rhetorik, gemischt mit nationalistischen und antiamerikanistischen
Tönen, werden hierzulande Wahlen gewonnen - ein Zustand, der bedenklich
stimmen sollte bei antimilitaristischen Aktivitäten. Die Rot-Grünen,
welche die Militarisierung der deutschen Außenpolitik durchgesetzt haben,
erhielten nun mit Antikriegs-Parolen ihre Zustimmung zu einer weiteren Regierungsperiode.
Doch mit dem populistischen Pazifismus wird es schon bald nach der Wahl wieder
vorbei sein, denn im Gegensatz zum deutschen Imperialismus ist dessen Antikriegs-Geplapper
nur ein Papiertiger. "Wir" - das wird nun deutlich - sind eben erklärtermaßen
doch nicht "alle Amerikaner", sondern gehen einen "Deutschen
Weg"; so die sozialdemokratische Wahlkampf-Botschaft ans völkische
Kollektiv. Symbolische Politik sollte jedoch nicht eins zu eins übersetzt
werden. Die Außenpolitik der BRD wird nach dem 22. September weder pazifistisch
noch pro-irakisch sein. Antiamerikanische Töne haben in Deutschland völkische
Tradition und demonstrieren imperialistisches Konkurrenzstreben. Die deutsche
Politik beruht gleichwohl auf der Erkenntnis, dass aktuell weltpolitisch gegen
die USA keine Realpolitik gemacht werden kann.
Zivilisation gegen Barbarei?
In der radikalen Linken hat die - mittlerweile nur noch zum Kopfschütteln
anregende - Debatte um Antisemitismus von links und Antiamerikanismus dazu geführt,
dass in sog. antideutschen Zirkeln die Parolen von einem "Kreuzzug gegen
das Böse" (ursprünglich von Ronald Reagan als Kampfparole gegen
die Sowjetunion kreiert) Anklang finden. Saddam Hussein = Adolf Hitler - jenes
den Holocaust verharmlosende Gleichnis des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger
zur Zeit des letzten Golfkrieges findet sich mittlerweile in Flugblättern
und Medien von Leuten, die sich in der radikalen Linken verorten. Aus einer
notwendigen Kritik an linkem, antiimperialistisch verkleidetem Befreiungsnationalismus
mit antiamerikanistischer Tönung hat sich in linken Zirkeln ein monokausales
Weltbild herauskristallisiert, das die alten Feindbilder der Linken lediglich
umtauscht. Somit wird in Blättern wie der "Bahamas" der drohende
US-Angriffskrieg auf den Irak als Notwendigkeit zum Schutze Israels verkauft,
- die US-Parole vom Krieg der "Zivilisation gegen Barbarei" wird dort
wörtlich genommen - ein Abschied aus der Linken mit linksradikalem Impetus
unter falschen Prämissen.
Erstens stellt die US-amerikanische Außenpolitik keine bedingungslose
Unterstützung Israels dar, sondern läuft je nach Anlass auch konträr
zur israelischen Außenpolitik. Als beispielsweise Israel 1981 mit Berufung
auf das Recht zur Selbstverteidigung einen irakischen Atomreaktor zerstörte,
verurteilte der UN-Sicherheitsrat einstimmig - also inklusive den USA - diese
Aktion als rechtswidrig. Zu jener Zeit wurde der "Schurke" Hussein
noch vom Westen gehätschelt und von der US- wie von der europäischen
(besonders der deutschen) Rüstungsindustrie hochgepäppelt.
Zweitens stellt eine militärische Eskalation im Nahen Osten durch
einen US-Angriffskrieg auf den Irak keinen Schutz dar, sondern im Gegenteil
eine unkontrollierbare Bedrohung für Israels Bürger, - sowohl in Bezug
auf Terroranschläge, als auch in Bezug auf die Gefahr eines kriegerischen
Flächenbrandes.
Drittens unterschlägt ein solcher "Aufklärungs-Bellizismus"
das zerstörerische Potenzial der militaristischen US-Aussenpolitik, die
innen- wie außenpolitisch rassistische Komponenten aufweist. Es sind nicht
nur die "Bush-Krieger", die sog. Falken in der US-Politik, die den
"Kreuzzug gegen das Böse" proklamieren. Auch die mit der wertefundamentalistischen
Bush-Administration verbündete rassistische rechte Intelligenz befürwortet
die aktuelle Symbiose aus Nationalismus und Kriegsimperialismus. Ein gewisser
Dinesh D'Souza von der Hoover-Institution, der vor einiger Zeit mit der rassistischen
Theorie auf sich aufmerksam machte, Afroamerikaner seien "von Natur aus"
minderwertig, verkündete im "Christian Science Monitor" dieses
Jahr unter dem Titel "Lob des amerikanischen Empires", dieses Empire
sei "das edelmütigste, das die Welt je gekannt". Der Direktor
des Oline Institute for Strategic Studies in Harvard, Stephen Peter Rosen, verkündete
in der Harvard Revue vom März dieses Jahres: "Unser Ziel ist nicht
die Bekämpfung eines Rivalen - denn es gibt keinen - , sondern die Aufrechterhaltung
unserer imperialen Ordnung."
Nach dem Zusammenbruch des sog. Realen Sozialismus hat sich die ökonomische,
politische und militärische Vorherrschaft der kapitalistischen Machtblöcke
USA/NAFTA, EU und Japan unter Führung der USA etabliert - die Globalisierung
des Kapitalismus unter wirtschaftsliberalistischen Vorzeichen und unter konkurrierenden
Macht- und Interessenblöcken. Das Interesse des transnationalen Kapitals
und dessen Umsetzung auch unter militärischen Gesichtspunkten ist das Ziel
allgemeiner Durchsetzung von Freihandel und Marktwirtschaft. Die USA als nunmehr
alleinige "Supermacht" nutzt ihren konkurrenzlosen militärisch-industriellen
Komplex für einen militaristischen Hyperimperialismus, der bei Eskalation
im Nahen Osten ein neues "Zeitalter der Extreme" im 21. Jahrhundert
zu errichten droht.
Für oder gegen wen?
Die Linke tut gut daran, sich gegen solche militaristischen Entwicklungen zu
stellen. Es geht dabei nicht um "Zivilisation oder Barbarei" im Sinne
von "freedom & democracy" gegen böse arabische Horden und
erst recht nicht um Sammlung für einen "Deutschen Weg".
Die teilweise hysterisch geführten Debatten in der Linken um "für
oder gegen Israel", "für oder gegen Amerika" berühren
im Fall eines wahrscheinlichen US-Angriffskriegs auf den Irak überhaupt
nicht den Kern des Problems. Es stellt vielmehr einen Akt intellektueller Unredlichkeit
oder Niveaulosigkeit dar, fundamentalistische Kampfparolen nachzuplappern und
zu fordern, sich "für oder gegen" Saddam oder George W. aussprechen
zu müssen.
It's the economy, stupid!
So wenig dem mörderischen irakischen Diktator der Islam oder das Palästinenser-Problem
real von Bedeutung sind, so wenig interessieren den als Erz-Engel auftretenden
US-Präsidenten die Befreiung der geknuteten und hungernden irakischen Bevölkerung
oder das Leid der Unterdrückten in den anderen diktatorischen Staaten im
Nahen Osten.
Eine ernst zu nehmende Linke sollte von derartigen Albernheiten Abstand nehmen.
Es geht um den Ausstieg aus den fundamentalistischen Wertesystemen religiöser
wie liberalkapitalistischer Prägung und um die Neuformulierung einer zeitgemäßen
Kritik an Imperialismus und Krieg.
AlC
www.terz.org - 24.9.2002