In einer ehemaligen öffentlichen unterirdischen Toilettenanlage in Bilk passiert Merkwürdiges: Menschen stehen mit Getränken in der Hand zwischen Pissoirs und Klokabinen, betrachten Bilder an den Wänden oder wippen mit den Knien zu den Beats, die aus den Boxen wummern. "Reinraum" heißt das Experiment, das versucht, Kunst und Klo zusammenzubringen. Ist, wo Untergrund draufsteht, auch Underground drin? TERZ sprach mit Lutz Pakendorf, einem der Mitbegründer des KunstVereins.
TERZ: Was ist der Reinraum?
Der Reinraum ist eine Plattform für uns privat und für zeitgenössische
Kunst. Wir, das sind die acht Mitbegründer des Vereins und mittlerweile
über 40 Mitglieder, die sich aus den verschiedensten Berufen zusammengefunden
haben. Alle haben gemeinsam, dass wir uns in der Freizeit für Kunst interessieren.
Deswegen haben wir uns gewünscht, ein Projekt aufzuziehen, in dem wir uns
mit diesem Hobby ein bisschen besser entfalten können. Der Reinraum ist
eigentlich auf der Suche nach einer kultigen Partylocation entdeckt worden,
bei einem Spaziergang. Da sind uns die Glasbausteine aufgefallen, die ja sehr
präsent sind, vor allem wenn sie von unten beleuchtet werden. Und dann
ging das ganz unkompliziert: Die Stadt hat uns aufgeschlossen, wir haben uns
das angesehen und waren eigentlich erstaunt darüber, dass alles noch so
gut in Schuss war. Dann haben wir uns dahinter geklemmt, und das bedurfte einiger
Geduld, weil zig Ämter daran beteiligt waren. Nach drei Jahren hatte schließlich
die Sachbearbeiterin gewechselt - und plötzlich kam Bewegung in die Sache.
TERZ: Ihr seid also selbst nicht KunstproduzentInnen, die aus eigenem Interesse
einen Raum gesucht haben, sondern es ging euch darum, Partys zu machen und Leuten
die Möglichkeit zu geben, Kunst zugänglich zu machen?
Genau. Uns war es ganz wichtig, die Verknüpfung hinzukriegen zwischen Party,
Meeting-Point und der Beschäftigung mit moderner bzw. zeitgenössischer
Kunst. Der Fördergedanke steht dabei auch im Vordergrund. Die Leute, die
hier ausstellen, sind noch nicht so bekannt und freuen sich über eine solche
Gelegenheit. Das ist dann auch kostenlos. Das Einzige, was sie abdrücken
müssen, ist eine Jahresgabe, die wir dann zu einem bestimmten Termin -
in diesem Jahr kurz vor Weihnachten - unter den Mitgliedern versteigern.
TERZ: Was unterscheidet den Reinraum, abgesehen von dem coolen Partyraum,
von anderen Galerien?
Grundsätzlich wär's natürlich schön, wenn wir uns ein bisschen
in die Galerienlandschaft, die schon da ist, eingliedern könnten, allerdings
schon eher in die subkulturelle, wie BRAUSE oder Galerie Revolver, eben diese
Off-Räume. Wir haben auch vor, mit diesen Veranstaltern Kontakt aufzunehmen
und eine Kooperation oder eine Ringveranstaltung vorzuschlagen.
Von den klassischen Galerien, wie sie in Düsseldorf ja zuhauf anzutreffen
sind - diese schönen, weißen, gelackten Galerien - unterscheiden
wir uns dadurch, dass wir nun mal nicht weiß, sondern halt ein Klo sind,
mit nikotingelben Kacheln. Und dadurch, dass wir ziemlich unkompliziert sind,
was den ganzen Ablauf angeht. Das Wesentliche am Konzept ist, dass die Künstler
hier ihre eigenen Ideen umsetzen können; wir wollen sie da soweit wie möglich
gewähren lassen und nicht einengen.
TERZ: In der Presse seid ihr im letzten Sommer als Ort für Underground-Kultur
gehypt worden, weil hier vorwiegend junge Künstler ausstellen können,
die noch nicht etabliert sind. Ist das Programm, "unkommerzielle"
oder "Underground-Kunst" zu machen, oder macht ihr eher aus der Not
eine Tugend - und letztlich wollen eure KünstlerInnen später doch
in die "weißen Würfel", wie K 21 zum Beispiel?
Da möchte ich jetzt nicht für alle Künstler sprechen...
TERZ: Es geht auch mehr um euer Konzept. Der Begriff der "Subkultur"
hat in der Presse ja schon eine Rolle gespielt, und das impliziert ja mehr,
als dass man KünstlerInnen ausstellt, die noch nicht etabliert sind.
Also ich kann das Anliegen der Künstler verstehen, wenn sie auch etwas
verkaufen wollen, weil die sich ja teilweise davon ernähren müssen,
und in diesem Rahmen hätte ich natürlich nichts gegen "Kommerz".
Wir können allerdings gar nicht viel dazu beitragen. Wir sind ein Ausstellungsraum
- eine richtige Galerie ist ja eher ein Makler. Wir aquirieren keine Kunden
und sprechen auch keine Empfehlungen aus. Wir sind einfach nur eine Plattform
und von daher unkommerziell - ein gemeinnütziger Verein nämlich. Was
der Künstler dann daraus macht, ist sein Bier.
TERZ: Du hast in einem Interview mal gesagt, der Reinraum sei gut für
Düsseldorf, weil er nicht so schicki-micki ist; der Reinraum sei was, woran
man sich stoßen könne. Woran stößt man sich im Reinraum?
Es stoßen sich bestimmt einige Leute an dem unterschwellig noch vorhandenen
Geruch ... (lacht). Ich könnte mir schon vorstellen - und wir hatten auch
schon Künstler , die sich daran gestoßen haben -, dass diese gelben
Kachelwände nicht immer die Kunst unterstützen. Sie sind ja ein sehr
präsenter Hintergrund, und entweder die Kunst kann damit klar kommen oder
nicht. Dass es eine Toilette ist, mag auch nicht jedermann gefallen, aber das
Publikum, das wir bisher angezogen haben, war eher alternativ und mochte dieses
besondere Flair.
TERZ: Ein "Reinraum" ist im Bereich der Mikroelektronik ein Raum,
in dem man frei von äußeren Einflüssen arbeiten kann. Ist das
Spaß oder Programm? Wollt ihr zurück zu einer Kunst, die sich von
sozialen und politischen Einflüssen freimacht? Wollt Ihr zurück zur
L'art pour l'art?
Erstmal war es ein Joke. Das ist auch nicht richtungsmäßig gemeint,
im Sinne von: weg von etwas, hin zu etwas anderem. Der Reinraum für die
Kunst soll eben keinen Einfluss auf die Kunst ausüben, in dem Sinne, daß
wir etwas vorgeben. Wir wollen nicht ein bestimmtes Genre anziehen und auch
kein bestimmtes Publikum ansprechen.
Frei von äußeren Einflüssen heißt, wir entscheiden privat,
also aus unserer subjektiven Motivation heraus, wer hier ausstellen soll, ob
uns das gefällt, und ob das in diesem Raum zur Geltung kommt. Dieses Entscheiden
läuft zwar als Dialog zwischen uns und dem Künstler, aber letztlich
haben wir das Ding ja angemietet, um in unserer Freizeit einem spannenden Hobby
nachzugehen. Von daher sind die einzigen Einflüsse, die es auf den Reinraum
gibt, wir selber und die Künstler, die sich bei uns melden.
TERZ: Was wären für Euch Kriterien, eine Ausstellung abzulehnen?
Das haben wir bisher noch nicht gemacht. Vielleicht ... Sexismus hoch zehn würde
ich sagen. Die "Porno-Ausstellung" von Ongart ist bei einigen sicherlich
schon ein bisschen schlüpfrig angekommen. Wir selber fanden sie super,
weil die Technik des Arbeitens im Vordergrund stand. Ansonsten wäre ein
Grund, wenn die Einstellung zu dem ganzen Konzept nicht auf der selben Welle
schwingt - also wenn wir uns eben nicht grün sind.
TERZ: Ihr sagt, ihr würdet Euch wünschen, dass sich die KünstlerInnen
mit dem Raum auseinandersetzen. Was gab es da bisher?
Bei der "Häkelausstellung" von Claudia Breuer - "Unter deutschen
Dächern" - da gab es aus Wäscheleinen gehäkelte Objekte,
die dem Sanitärbereich entlehnt waren: gehäkelte Toilettenbecken,
Handtücher, Zahnbürsten und so weiter, was so ein bisschen die deutsche
Reinlichkeit und Spießigkeit aufs Korn nehmen sollte. Das war sehr gelungen.
Im Oktober kommen Oliver Störmer und Cisca Bogman. Die haben sich den Raum
im Mai angesehen und sich daraufhin ein Konzept überlegt. Die machen eine
Ausstellung namens "Blitzblank", und werden hier mit diversen Medien
arbeiten. Das ist toll! Aber das kann man natürlich nicht immer verlangen
...
TERZ: Die Kloanlage war ja lange Zeit geschlossen, bevor Ihr sie wieder nutzbar
gemacht habt. Vorher hat sie in einem anderen Sinne als "underground-location"
funktioniert, nämlich als Treffpunkt für Schwule, als Rückzugsort
für Wohnungslose und Druckraum für Junkies, der bewusst von der Stadt
dicht gemacht worden ist. Hat sich im Rahmen einer ortsspezifischen Arbeit schon
mal eineR von euren KünstlerInnen mit der Geschichte dieses Ortes befasst,
oder ist in dieser Hinsicht was in Planung?
Nein, bisher ist nichts in Planung, ist aber in der Tat naheliegend. Doch man
kommt sich natürlich auch blöd vor, wenn man den Künstlern gegenüber,
deren Beruf das ja ist, irgendwelche laienhaften Vorschläge macht. Entweder
das kommt mal von allein, oder halt nicht.
TERZ: Was war dein persönliches Highlight der letzten Monate, deine
Lieblingsausstellung?
Eigentlich ist das Highlight, wenn man trotz der Arbeit, die das Ganze verursacht,
und die ja doch an einem harten Kern hängen bleibt, wenn man nach einer
gelungenen Vernissage rausgeht und so einen Teamgeist verspürt, weil's
an der Theke gut geklappt hat, es mit der Musik gut geklappt hat, der Künstler
zufrieden war und eine runde Sache dabei rausgekommen ist - wenn es so funktioniert,
wie wir uns das erträumt haben.
KRÜMEL
Reinraum, Adersstraße 30a, Düsseldorf-Bilk,
geöffnet Mo. und Mi. 19.30 bis 22.00 Uhr.
Ab 27.9. "Blitzblank", eine Raumgestaltung von Cisca Bogman und
Oliver Störmer, Berlin, mit abschließendem Diavortrag am 20.10.,
der Erhellendes zur Ausstellung beitragen soll: "Blitzblank - Ein Lichtbildvortrag
über das Essen von Pellkartoffeln, über Martin Luther und den 2. Juli
1505, über strong moments', über ein Pferd im Gewitter und über
Dinge auf dem Tisch von George Braque".
more infos: www.reinraum-ev.de
www.terz.org - 24.9.2002