Seit drei Monaten sind die Roma nun in Düsseldorf. Von der Oberkasseler Wiese mussten Sie nun - wieder einmal wegen eines Zirkus' - nach Heerdt auf den Simon-Gatzweiler-Platz umziehen. Dorthin, wo sie kaum noch wahrgenommen werden. Nur eine Tankstelle ist in der Nähe. Doch ihre "Reise" durch Düsseldorf sollte auch dort kein Ende finden, denn am 27. September 2002 soll erneut über den weiteren Aufenthalt entschieden werden.
Für viel Wirbel hat die Auseinandersetzung mit dem Düsseldorfer Oberbürgermeister
Erwin gesorgt. Am 3. September 2002 leitete die Staatsanwaltschaft gegen Erwin
ein Ermittlungsverfahren ein wegen versuchten Eingriffs in die Versammlungsfreiheit,
Nötigung und - nicht gerechtfertigter Nutzung städtischer Fahrzeuge.
Diese Nachricht bekam er pünktlich zu seinem Geburtstag präsentiert.
Dementsprechend reagierte Erwin bei der von ihm einberufenen Pressekonferenz
und verbat sich jedes Nachfragen. Innerhalb von sechs Minuten war die Konferenz
beendet. Natürlich erhielt Erwin Unterstützung von seinem Ratskollegen
Jürgen Krüger (REP). Dem Express teilte der "Republikaner"
mit: "Von uns hat der OB die volle Rückendeckung". Dies untermauerten
die "Republikaner" mit einer versuchten "Informationsveranstaltung"
über die Roma in dem Düsseldorfer Stadtteil Garath und auf ihren Hetzplakaten:
"Roma abschieben!". Diese Zusammenarbeit hat Kontinuität im Stadtrat
Düsseldorf.
Wie üblich, kommen die Regierenden den Forderungen des rechten Randes nach.
Noch vor Ende des Wahlkampfes lässt Otto Schily, Innenminister des Bundes,
die Katze aus dem Sack: Das neue Abkommen mit Jugoslawien könne "die
Verfahren bei der Rückführung" von Flüchtlingen ab dem 1.
November 2002 "erheblich beschleunigen und die Arbeit der Ausländerbehörde
deutlich erleichtern". Bereits jetzt wurden einige Roma brutal abgeschoben.
Die JAT, staatliche jugoslawische Fluggesellschaft, übernimmt jeden Mittwoch
die Sammelabschiebungen aus Düsseldorf.
Dabei versuchten auch Bundestagsabgeordnete der SPD, sich aktiv im Wahlkampf
für die Roma einzusetzen. Michael Müller schrieb an seinen "Genossen"
Dr. Fritz Behrens, er möge doch die Abschiebungen aussetzen, bis das neue
Zuwanderungsgesetz in Kraft tritt. Zeitgleich waren in den großen Zeitungen
Briefwurfsendungen der rot-grünen Bundesregierung zu finden, damit auch
jedeR BürgerIn in der BRD versteht, was das Zuwanderungsgesetz beinhaltet.
Dort war u. a. zu lesen: "Das neue Zuwanderungsgesetz ist gut für
Deutschland. - Vorrang für deutsche Arbeitnehmer. [...] Abgelehnte Asylbewerber
können nicht in ein Zuwanderungsverfahren wechseln.", d. h. sie kommen
gar nicht erst in den "Genuss" des neuen Gesetzes.
In einer Bundesdelegiertenkonferenz der Bündnisgrünen wurde dagegen
folgender Beschluss gefasst: - Altfallregelung für Roma-Flüchtlinge.
Das würde immerhin für diejenigen Roma, die seit acht Jahren in der
BRD leben, bedeuten, Bleiberecht zu erhalten. Und ausgerechnet aus dieser Richtung
kommt jetzt das "Angebot", die Roma der "Einzelfallprüfung"
zu unterziehen, was für den größten Teil von ihnen die sichere
Abschiebung bedeuten würde.
Für die Roma stehen harte Zeiten bevor. Nicht nur, dass für sie die
soziale Kälte zunimmt, steht auch der Winter vor der Tür, was im Roma-Camp
zu unhaltbaren Zuständen führen wird. Selbst an Lagerfeuern dürfen
sie sich nach dem Willen der Polizei zur Zeit nicht wärmen. Wo sollen sie
hin? Draußen können Sie nicht mehr lange bleiben, da scheint das
Angebot der Einzelfallprüfung eine neue Hoffnung zu sein. Genau wie vor
zehn Jahren, als ebenfalls Roma in Düsseldorf um ihr Bleiberecht kämpften,
wird so versucht, den Protest zu beenden, um dann doch abzuschieben.
Immer wieder werden seitens des Oberbürgermeisters Vorwände gesucht,
das Protestcamp aufzulösen. Trotz alledem haben es Flüchtlingsinitiativen
und UnterstützerInnen geschafft, die Roma-Kinder in Düsseldorfer Schulen
unterzubringen. Auch medizinische Hilfe wird ihnen dank hilfsbereiter Ärzte
und Ärztinnen zuteil.
Dass sich Roma gegen all die Repressionen zur Wehr setzen müssen, verwundert
vielleicht nicht. Denn Antiziganismus hat in Deutschland Tradition. Bundesdeutsche
Behörden ziehen sich rein juristisch auf das Asylverfahren zurück
und ignorieren beharrlich die besondere Situation der Roma, die in fast jeder
Familie Opfer des NS-Regimes zu beklagen haben. Der damalige Hamburger Innensenator
Hackmann warf den Roma 1989 in einer Diskussion vor, ihre Forderung "mit
der Erinnerung an das Naziverbrechen der Zigeunerverfolgung zu verknüpfen"
und damit zugleich "erpresserisch" vorzugehen. In ähnlicher Weise
wiederholte diesen Vorwurf der nordrhein-westfälische Innenminister Dr.
Fritz Behrens kürzlich in einem Brief an den Flüchtlingsrat NRW.
CLAUDIA
www.terz.org - 24.9.2002