Beuys kriegt sein Fett weg
Die Ausstellung "Inkarnationen" in der Produzentengalerie
plan-d kratzt an einem Mythos
Wenn sich in Düsseldorf eine Kunstausstellung dem großen Joseph
Beuys widmet, hat man gemeinhin nicht viel Neues zu erwarten. Spätestens
seit die Kunstsammlung unter der Leitung Achim Zweites den an der Akademie verschmähten
Fetteckenmann mit dem Filzhut rehabilitiert hat, ist sein erweiterter Kunstbegriff
über jeden Verdacht erhaben und der dazugehörige Claim "Jeder
Mensch ein Künstler" so gängig, dass ihn jeder Grundschüler
zitieren kann. Warum sich also die Mühe machen, eine weitere Ausstellung
zu rezensieren? Weil sie am Sockel des Helden kratzt und sein Werk ins rechte
Licht rückt.
Albert Markert und Heinz Hachel untersuchen in ihren Arbeiten die völkischen
Bezüge der Arbeiten Joseph Beuys', seine Umsetzung anthroposophischer Lehren
und seine Nähe zu neurechten Theorien.
Markert forscht seit über zehn Jahren zu diesem Thema und zeigt nun Collagen,
die einerseits unterhaltsam, andererseits aber auch ausgesprochen aufschlussreich
sind. So wird mit der einen oder anderen Legende aus dem Leben des Künstlers
aufgeräumt, beispielsweise der auch durch die Kunstwissenschaft immer wieder
kolportierten Anekdote, Beuys' Affinität zu Fett und Filz sei seinem zweiwöchigen
Aufenthalt bei den Tartaren auf der Krim geschuldet, die ihn nach einem Flugzeugabsturz
gesund gepflegt hätten. In Markerts Collagen hingegen findet man das Wehrmachtsdokument,
daß die Einlieferung Beuys' ins Lazarett einen Tag nach dem Absturz verzeichnet.
Wer also hat seinen lädierten Wehrmachtsschädel mit Fett beschmiert
und in Filzlappen gehüllt? Wo ist Beuys mit dem angeblich ursprünglichen
Sozialismus der Tartaren in Berührung gekommen? Auf der Krim jedenfalls
nicht, denn als der Meister dort vom Himmel fiel, waren sie bereits größtenteils
wegen Kooperation mit den Nationalsozialisten verschleppt worden.
Nicht nur hier nimmt es die Forschung offenbar nicht so genau, auch über
eindeutige Bezüge zu völkisch-esoterischem Denken sieht man gern großzügig
hinweg. Hachel und Markert geht es deshalb darum aufzuzeigen, daß Beuys
durch seine Theorie des erweiterten Kunstbegriffs rechte Ideologie reproduziert.
Das kann durch ironische Kommentierung seines "Wärmeprinzips"
geschehen, wenn Markert in einer seiner Arbeiten die "Umschmelze"
vom Wehrmachtssoldaten zum Künstler nachzeichnet, aber auch durch das Zusammentragen
von Fakten. Eine der Collagen zitiert Beuys mit den Worten: "Die Lage,
in der sich die Menschheit befindet, ist Auschwitz, und das Prinzip Auschwitz
wird in unserem Verständnis von Wissenschaft und politischem System, in
der Delegation von Verantwortung an Spezialisten und im Schweigen der Intellektuellen
und Künstler fortgeführt. (...) Ich meine zum Beispiel, daß
wir heute Auschwitz in seiner zeitgenössischen Ausprägung erleben.
Dieses Mal werden Körper von außen konserviert (kosmetische Mumifizierung),
nicht vernichtet. Dafür wird anderes ausgemerzt. Talent und Kreativität
werden ausgebrannt, eine Art Hinrichtung im geistigen Bereich, eine Atmosphäre
der Furcht wird geschaffen, die durch ihre Subtilität eher noch gefährlicher
ist."
Die Säkularisierung der Welt ist für Beuys also eine Art "geistiges
Auschwitz". Frei wird der Mensch nur durch den Gebrauch seiner Kreativität,
die es ihm erlaubt, die geistige Welt zu schauen und mit Hilfe der Kunst die
materielle Welt nach ihr zu formen. Ganz dem völkischen Denkmodell der
Anthroposophie verpflichtet, schreibt er dabei dem "deutschen Genius"
eine besondere Rolle zu. Die Arbeiten Heinz Hachels versuchen daher, die ideologischen
Grundlagen von Beuys' Werk näher zu beleuchten. In mehrschichtigen Objektkästen,
die zum Teil verspiegelt sind, werden Beuys-Zitate mit Zitaten Steiners, Wagners
und Fichtes verknüpft und durch ergänzende Texte kontextualisiert.
Im Inneren der Kästen finden sich dann ironische Kommentare Hachels in
Form von Objekten, beispielsweise genau etikettierte Blutkonserven verschiedener
"Rassen", für die im anthroposophischen Denkmodell verschiedene
Aufgaben vorgesehen sind.
Beuys, den "Schamanen", als Vertreter eines völkischen Okkultismus
zu entlarven, ist Ziel dieser Ausstellung. Das ist in Düsseldorf mehr als
überfällig - und vor dem Hintergrund, daß der als "legitimer
Nachfolger Beuys'" gehandelte Schlingensief zur nächsten Kommunalwahl
mit Nazi-Kasper Torsten Lemmer eine eigene Partei zu gründen gedenkt, gleich
doppelt interessant.
KRÜMEL
INKARNATIONEN. Joseph Beuys und die Mission des deutschen Genius in der
Welt.
plan.d produzentengalerie, Erkratherstr. 88, Düsseldorf-Flingern
Mittwoch 17.00 - 21.00 h, Samstag 16.00 - 20.00 h und nach Vereinbahrung (0211-273534)
Zum Weiterlesen: Frank Gieseke / Albert Markert: "Flieger, Filz und Vaterland.
Eine erweiterte Beuys Biographie" Elephanten Press, Berlin 1996.
www.terz.org - 29.9.2003