Für die reale Welt hat sich Lars von Trier nie sonderlich interessiert.
In "Dogville" macht er sich deshalb an ihren Rückbau. Das Setting
des Filmes besteht aus aufgemalten Häuser-Grundrissen, sporadischen Interieurs,
einer vom Theater-Himmel baumelnden Kirchturm-Spitze und dem Wort "bushes"
statt wirklichem Grünzeugs. In dieser antinaturalistischen Kulisse spielt
sich aber wieder nur eine von Lars von Triers üblichen atavistischen Geschichten
ab, weshalb die Verfremdung keinerlei Effekte hat.
Die junge Grace gelangt im Amerika der Depressionszeit auf der Flucht vor Gangstern
nach Dogville. Sie bittet die kleine Gemeinde um Aufnahme, und aufgrund der
Fürsprache des verhinderten Schriftstellers und Moralpredigers Toms gewährt
ihr das Dorf auch Schutz. Grace möchte die "guten Seelen" durch
gute Taten für sich einnehmen, was ihr aber nur leidlich gelingt. Als sich
der Verfolgungsdruck erhöht, beginnt Dogville dann, "die Zähne
zu zeigen", wie es der Erzähler ausdrückt. Die Bewohner kürzen
erst Grace' Lohn, verbieten ihr daraufhin, dieselben Wege zu benutzen wie sie
selber, legen sie dann in Ketten und machen sie schließlich zu einer Sex-Sklavin.
Und am Ende hält auch Tom seine schützenden Hände nicht länger
über sie.
"Dogville" ist jedoch nicht wieder nur eines von Lars von Triers
Frauen-Martyrien. Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung. Ein
deus ex machina taucht auf und befreit sie von ihrem Joch: Der Ober-Gangster,
der sich als ihr Vater entpuppt. Zwischen den beiden entspinnt sich alsbald
ein Moral-Diskurs darüber, wie mit den Dogvillern zu verfahren sei. Über
die Wesensgleichheit von Mensch und Tier sind sie sich schnell einig, einzig
über die Möglichkeit der Domestikation besteht Dissens. Grace tritt
für Schonung ein, weil ein Tier doch nur seinen Instinkten folge und daher
ohne Schuld sei. Der Gangster-Boss will dagegen ein blutiges Exempel statuieren
und überzeugt seine Tochter zu guter Letzt. Damit wandelt sie sich vom
Opfer zum Täter - dazwischen gibt es nach Auffassung von Triers offenbar
keinen Platz für eine Frau in der Gesellschaft. So bleibt kein Guter übrig.
Übrig bleibt indessen sinnfälligerweise nur der Dorf-Hund, den Lars
von Trier zur Feier des Tages sogar leibhaftig Gestalt annehmen läßt.
Aber noch nicht genug des Miserabelismus. Im Abspann präsentiert der Regisseur
einen Reigen von in den USA aufgenommenen Elendsfotographien. Das hat ihm den
Vorwurf des Antiamerikanismus eingetragen - ohne Grund: Lars von Trier hasst
nämlich nicht die Amerikaner im besonderen, sondern nur die Menschheit
im allgemeinen.
Jan
www.terz.org - 29.9.2003