"Gegen die große Koalition der Sozialräuber" war das
Motto, unter dem rund 750 TeilnehmerInnen einer landesweiten Demonstration in
Düsseldorf am 6. September ihren Protest gegen den "in der Geschichte
der Bundesrepublik beispielslosen Sozialkahlschlag" (Flugblatt) kundtaten.
Obwohl einige mehr oder weniger bekannte Organisationen zu dieser Veranstaltung
aufgerufen hatten, war die Anzahl der TeilnehmerInnen - für die Brisanz
des Themas - doch ziemlich bescheiden. Und das lag nicht nur an der Strategie
des Totschweigens durch die Düsseldorfer Presse.
Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, kaum ein Betroffener
- und das sind bisweilen schon eine ganze Menge - hege die Absicht, öffentlichen
Widerstand zu leisten. Das immer wieder in persönlichen Gesprächen
vorgebrachte Argument, man könne ohnehin nichts dagegen machen, sollte
man ernst nehmen: Und zwar nicht seine inhaltliche Aussage - denn die meisten,
die es vorbringen, haben es ja nie im Leben versucht -, sondern als Kundgabe
ihres Unterwerfungswillens unter die Ansprüche von Kapital und Staat.
Linke Theoretiker zerbrechen sich seit Jahrzehnten den Kopf darüber, weshalb
die Opfer staatlicher und privater Maßnahmen zur Effektivierung des Wirtschaftssystems
in der Regel die letzten sind, die dagegen Einspruch einlegen. Zum einen wird
der autoritäre Charakter des Proletariers verantwortlich gemacht. Dabei
interessieren nicht die Gründe, die der Untertan für sein Mitmachen
und Fügen vorbringt, - es ist eben die Folge der charakterlichen Eigenart
des gebeutelten Subjekts, dass es sich anpasst und unterordnet. Zum anderen
sollen die Medien manipulativ das Bewusstsein der unteren Schichten derart bearbeiten,
dass sie von einem ursprünglichen Widerstandswillen Abstand nehmen. In
jedem Fall wird unterstellt, das Proletariat entscheide sich nicht selbstbewusst
für eine Gesellschaftsordnung, die ihm zum Schaden gereicht.
Die praktische Umsetzung der Theorien über das Arbeiterbewusstsein war
und ist entsprechend. Während die Anhänger der Fiktion des "autoritären
Charakters" diesen per kritischer Erziehung verhindern und kritische Staatsbürger
erziehen wollen, spüren die anderen insbesondere in den von den Massen
studierten Medien die offenen und versteckten manipulativen Elemente auf und
erwarten den großen Aha-Effekt bei den nun aufgeklärten Bürgern.
Während die Generation der kritischen Kritiker nun die staatliche Autorität
stellt, bleibt das von Linken am stärksten angefeindete Blatt, die Bildzeitung,
Deutschlands beliebteste Tageslektüre.
Linke Theorien nach dem oben beschriebenen Muster streichen die willentliche
Entscheidung der Opfer für das kapitalistische Gesellschaftssystem, und
die Gründe, die sie dafür anbringen, durch. Die Agitation, wenn man
sie überhaupt so bezeichnen darf, sieht entsprechend aus. Mit besonders
markigen Worten werden die Maßnahmen des Sozialabbaus angeprangert, als
ob der Bürger davon bisher noch nichts mitbekommen hätte. Äußerst
zurückhaltend ist man hingegen, wenn es um die fälligen Maßnahmen
von Seiten der Betroffenen geht. Die staatlichen Maßnahmen werden als
ungerecht gegeißelt. Unvernünftig aus staatlicher Sicht soll die
Verarmung weiter Teile der Bevölkerung sein, denn durch die verlorene Kaufkraft
komme die deutsche Wirtschaft nie mehr in Schwung. Außerdem versündige
sich der Staat an seinen eigenen, sozialstaatlichen Idealen. Auf eine Mobilisierung
einer möglichen Gegnerschaft verzichtet man lieber, weil man das dem verkorksten
Proletariat wohl nicht zumuten kann.
Im Folgenden werden die Gründe der Betroffenen für das Mitmachen ernst
genommen. Die Bild-Zeitung bietet hier als meistgelesene Arbeiterzeitung das
notwendige Material. Sie ist das Spiegelbild des Bewusstseins der Leserschaft
und gleichzeitig Stichwortgeber für die Debatten am Stammtisch, in der
Familie und am Arbeitsplatz. So hat sich der Schreiber dieser Zeilen die Ausgabe
vom 29. August zu Gemüte geführt, um der proletarischen Lebensanschauung
auf die Schliche zu kommen.
Mörder, Sexbesessene und Säufer
"Der Todesdrängler", "Schöne Ehefrau flieht vor Sex-Professor",
"Muss Juhnke ans Bett gefesselt werden?" Die Überschriften aus
der Bild-Zeitung vom 29. August lassen keine Volksverführung erwarten.
Vielmehr wird das Interesse der Leserschaft bedient, sich zu jedem unmaßgeblichen
Quatsch eine Meinung zu bilden, auf die es garantiert nicht ankommt. Mit seinem
gesunden Volksverstand entscheidet der geneigte Leser, was richtig oder falsch,
gut oder böse, krank oder gesund, normal oder pervers ist. Empört
kann er dem "Todesdrängler", der Mutter mit Kind in den Tod gejagt
hat, lebenslange Haft an den Hals wünschen. Neidisch darf er das Bild der
Ehefrau von Jörg Immendorf betrachten. Seine Alte hat ein leicht anderes
Design, wenn sie um 22 Uhr von ihrer Putzstelle nach Hause kommt. Aber jetzt
ist Oda Immendorf weg. Recht geschieht dem "koksenden Malerfürsten"!
Mitfühlend begleitet er das Schicksal eines Harald Juhnke, und hofft, dass
sein Alkoholkonsum nicht auch ihn in die Irrenanstalt treibt.
Politik
Dass der Bürger durch Bild nicht hinreichend über Maßnahmen
seiner Regierung aufgeklärt wird, darf man der Zeitung nicht vorwerfen.
Unter der Vorgabe, dass wir alle sparen müssen, wird glasklar die Marschlinie
der rot-grünen Koalition kundgetan: "Null-Runde für alle Rentner
und arbeiten bis 67". Und - als besonderer Service - die notwendige Bewertung
der Sparvorhaben an den Rentnern liefert Bild gleich mit. Von "Gerecht"
über "Insgesamt gerecht" bis "Ungerecht" werden die
einzelnen Rürup-Vorschläge beurteilt. Das erspart dem Arbeitsmann,
der ja bekanntlich den lieben langen Tag noch was anderes zu tun hat, als Zeitung
zu lesen, zermürbendes Kopfzerbrechen.
Volkszorn
Nicht nur die Regierungspolitik wird dem gemeinen Volk appetitlich serviert,
umgekehrt ist Bild Sprachrohr der Volksmassen: "Sozialmissbrauch - Kanzler
Schröder geht gegen Florida-Rolf' vor". Die einfühlsam
formulierte Hetze gegen den bekannten Sozialbetrüger aus Florida konnte
den Kanzler nicht kalt lassen, und er kündigte laut Bild an: "Dies
sei ein wirklich schlimmes' Beispiel für den Missbrauch von Sozialleistungen,
der gesetzlich ausgeschlossen werden müsse." Beruhigt kann sich der
Volkszorn nun einem neuen Skandal widmen: "Staat zahlt Segelkurse für
Straftäter". Unser Düsseldorfer Leserbriefschreiber Hans Joachim
Schuh meint dazu: "Das wird immer besser, erst werden wir von Sozialschmarotzern
verarscht und ausgelacht, und nun auch noch von den Straftätern. Ist doch
schön, jetzt können sie auch noch Segelboote stehlen. Wo soll das
enden? Da kann ich nur sagen: ARMES DEUTSCHLAND!"
Soziales
Ein Herz nicht nur für Tiere, sondern auch für arme Mitbürger
zeigt Bild: "Familie Engel kann nichts fürs Alter sparen - So viel
kosten unsere Kinder!" Die Diagnose sozialer Schieflagen gehört zum
täglichen Repertoire der Zeitung. Die kleinen Leute sind eben immer die
Dummen - da kann sich der eine oder andere Leser durchaus wiederfinden. Seine
Zeitung zeigt Verständnis für seine Lage: Das Schicksal des kleinen
Mannes oder der kleinen Frau kommt in der Bild nicht zu kurz. Wenn mal wieder
eine "Seniorin (80) um 15.000 Euro geprellt" wurde, steht Bild mit
Rat und Tat zur Seite. Sie befragt Fachleute von der Polizei und bekommt zur
Antwort: "Überzeugen sie sich persönlich, ob wirklich ein Verwandter
um Hilfe bittet." Das ist konkrete Lebenshilfe!
Auto aktuell
Der Deutschen liebstes Kind ist Bild eine ganze Seite wert. Zwar kann sich kaum
jemand die Nobelkarossen um die 70.000 Euro leisten, die die "Große
Freiheit XXL" versprechen, aber die von Bild vermittelten Detailkenntnisse
"Hat bärenstarke 325 PS und schafft Spitze 158 km/h" werden im
Fachgespräch des Freundeskreises gut ankommen. Im unteren Preissegment
hat Bild auch eine Familienkutsche im Angebot: Der Opel Meriva 1,7 CDTI für
schlappe 16.065 Euro. Da ist sogar noch ein Eis für die Kids drin.
Fernsehen
Die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke (35) hat Pech mit der Familie.
Sie kennt ihren leiblichen Papi nicht! Also veröffentlicht sie in Bild
einen "offenen Brief". Bild kommentiert: "Es ist der letzte Hilferuf
von Deutschlands einsamster Tochter." Die wird sich doch hoffentlich nichts
antun?
Sport
Borussia Dortmund ist aus der Champions-League-Qualifikation geflogen. Daher
entgehen dem Verein in dieser Saison Einnahmen in Höhe von 15 Millionen
Euro. Laut Bild verkündete der Präsident: "Wir müssen zur
Bescheidenheit zurückkehren." Manager Meier wird "deutlicher":
"Wir werden mit dem Trainer und auch mit den Spielern über Gehaltskürzungen
sprechen müssen."
Das kennt der lebenserfahrene Arbeitsmann: Geht es dem Betrieb schlecht, müssen
die Lohnabhängigen bluten. Und die Jungs aus der Chefetage von Borussia
Dortmund finden bei Bild und der Leserschaft ungeteilte Zustimmung.
Fazit
Nach dem Studium seiner Zeitung kann der Bild-Leser ungeachtet seiner tatsächlichen
Situation mit sich und der Welt zufrieden sein. Er findet hier die Bestätigung
für alle seine Anschauungen über Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig
bietet die Bild-Zeitung nicht nur Verständnis für die Notlagen der
Mitmenschen, sondern auch praktische Tipps zur Bewältigung von Lebenskrisen.
Gebildete und eingebildete Menschen schauen mit Verachtung auf Bild. Sie denken
zwar nicht großartig anders über Gott und die Welt, aber sie können
stolz darauf sein, diese Meinung sich selbst gebildet zu haben nach der Lektüre
der FAZ, der FR, der SZ. Die Drangsale der Nation kennen sie nicht minder gut
als der durchschnittliche Bild-Zeitungs-Leser, aber sie leisten sich eine kritische
Distanz, die das Mitmachen als Resultat eigener Entscheidungen erscheinen lässt.
Man ist eben nicht manipuliert!
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Bild-Zeitung ist gleichzeitig Kritik
des aktuellen Arbeiterbewusstseins. Wer die staatlich verordnete Verarmung so
widerstandslos über sich ergehen lässt, der muss neben seiner trostlosen,
realen Welt wenigstens in der Einbildung alle Attribute eines erfolgreichen,
selbstbewussten, überlegenen Menschen besitzen. Bekanntlich beruft sich
der Arbeitsmann vehement auf die eingebildeten Vorzüge seiner Person und
lässt sich diese ungern durch linke Agitation nehmen. Er glaubt tatsächlich,
seine spezielle Tour, sich durchs Leben zu schlagen, müsse sich auch irgendwann
materiell auszahlen. So mancher Linker kapituliert, wenn er sich dem Bewusstseinszustand
seiner Klientel nähert und begibt sich daher lieber in einen etwas erfolgreicheren
Kleinkrieg mit durchgeknallten Nazis.
Henrici
www.terz.org - 29.9.2003