Die vorletzte Nummer der
Terz überraschte ihre geneigte Leserschaft mit einem kleinen Fake.
Handzettel
zum Ausschneiden listeten die verschiedenen Einsparmöglichkeiten
im
öffentlichen Leben auf. Dass die eine oder andere Regel unserer
freiheitlich-demokratischen
Eigentumsordnung nicht immer beachtet wurde, könnte durchaus
beabsichtigt
worden sein. Denn die Urheber aus dem Kreis des Antifa Kok verstehen
sich nicht
als Verbraucher- oder Schuldnerberater, sondern ärgern sich
über die
systembedingte ungerechte Verteilung der Güter im kapitalistischen
System.
Bundesweit
werden im linken
Lager “Umsonst-Kampagnen” gestartet oder “Aneignungsbewegungen”
initiiert,
deren Anliegen es ist, aufzuzeigen, “dass bestimmte menschliche
Bedürfnisse zum
Leben dazugehören und daher für jeden erfüllbar sein
müssen.”1 Sehr bescheiden
mutet das Anliegen der SozialrevolutionäreInnen an, erscheint aber
durch die
Art und Weise der Durchsetzung und den internationalen Touch als so
etwas wie
eine neue, weltumspannende Strategie des Klassenkampfes: “So sind
‚Aneignungsbewegungen’ unterschiedlicher Art weltweit zu beobachten,
sei es in
Venezuela oder in Chiapas, in Argentinien oder Brasilien, Indien,
Hamburg oder
Berlin.”2 Der bloße Hinweis auf eine Bewegung ohne eine
Untersuchung der
Ursachen und Folgen legitimiert das eigene politische Tun, weil alles
irgendwie
unter dem Begriff “Aneignung” zu subsumieren ist. Dass die
FabrikbesetzerInnen
in Argentinien mit niedrigen Löhnen, absoluter Flexibilität
und sonstigen
Feinheiten, die das Lohnarbeiterdasein zu bieten hat, in die
kapitalistische
Konkurrenz eintreten, die Landlosen in Brasilien, wenn sie Felder
besetzt
haben, mit den Großgrundbesitzern und deren Maschinenparks
mithalten müssen3 –
denn erst auf dem Markt, wo sich die Konkurrenzsubjekte als Gleiche
gegenübertreten, erweist sich, ob sich die Produktion
überhaupt gelohnt hat* –,
interessiert die BegutachterInnen weniger in der Hinsicht, ob der
Aufstand sich
gelohnt hat, sondern vielmehr unter der Perspektive, dass ein
Lernprozess
stattgefunden haben könnte. “Wichtig sind dabei vor allem die
Erfahrungen von
Aneignung in kollektiver Form”, heißt es entsprechend bei
Azzellini.
Pädagogik des Widerstands
Seit über
150 Jahren schlagen
sich Linke mit dem Problem herum, dass das auserkorene Subjekt der
Revolution,
das Proletariat, von jener offenbar nichts wissen will. Anstatt den
Grund für
die Bindungen des Lohnarbeiters an das ihn schädigende System zu
untersuchen
und in der Agitation die schlechten Gründe für das Festhalten
am
Lohnarbeiterdasein zu kritisieren, versucht ein Teil der Linken, dem
vermeintlich revolutionären Subjekt als Wegweiser seines
Glücks zu dienen.
Bei der
ständigen Suche nach
Ansatzpunkten, um sich dem gemeinen Volke anzubiedern, trifft man auf
das
Phänomen, dass der eine oder andere Volksgenosse mit seiner Knete
vorne und
hinten nicht zurecht kommt. Die Beobachtung, dass überall geklaut
und betrogen
wird, interpretiert man voluntaristisch als Berührungspunkt mit
der Perspektive
der Aufhebung der kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse,
denn “politisch
subversiv werden diese Formen der Aneignung … durch den Übergang
von der
individuellen zur kollektiven Aneignung …”4 Die neue linke Bewegung
verhilft so
dem vermeintlichen Bedürfnis nach Aneignung gesellschaftlichen
Reichtums auf
die Sprünge, indem sie es einfach vormacht. Kollektiv fährt
man “schwarz” mit
öffentlichen Verkehrsmitteln, geht “bargeldlos” einkaufen, pfuscht
sich durch
die Hintertür in kulturelle Veranstaltungen. Die öffentliche
Reaktion geht über
die Duldung linken Spinnertums, über verständnisloses
Kopfschütteln bis hin zur
Kriminalisierung. Die Beachtung der Aktionen – wie auch immer sie
ausfällt –
wird von den AktivistInnen in jedem Falle positiv bewertet. Erstere
Reaktion
wird als verhaltene Zustimmung betrachtet, letztere getreu dem Motto
des alten
chinesischen Revolutionärs: “Wenn der Feind uns bekämpft, ist
das gut und nicht
schlecht” als Bestätigung der Gegenseite interpretiert, dass die
Aktionen an
den Grundfesten der Gesellschaft rütteln. Da aber die Aktionen
nicht über
symbolträchtige Events hinausgehen, mag der Spaß noch
gewährleistet sein.
Theorie des Widerstandes
Die
Notwendigkeit, eine neue
Strategie des Klassenkampfes zu entwickeln, wird aus der
veränderten
weltpolitischen und ökonomischen Lage begründet, die durch
Neoliberalismus und
die in Folge grundlegende Transformation des Staates gekennzeichnet
ist. “Seine
Funktion als Ordnungs- und Wettbewerbshüter tritt deutlicher zu
Tage, seine
sozialpolitischen Funktionen werden zurückgedrängt”,
heißt es bei der
Vorbereitungsgruppe zum buko-Kongress.5 Einerseits erhält die alte
Ordnung den
sozialpolitischen Heiligenschein, schließlich sei es der auf die
Versorgung der
Bevölkerung angekommen, und die neue Ordnung lasse dies vermissen.
Die Funktion
von Sozialpolitik im Kapitalismus, ein funktionsfähiges
Proletariat zu
erhalten, wird nicht benannt oder einfach ignoriert. Tatsächlich
hat sich in
den letzten Jahren so einiges verändert. Aber diese
Veränderungen entsprechen
genau den “sozialpolitischen Funktionen” des Staates: Immer weniger
Arbeitskräfte werden für eine immer produktivere
Ökonomie vernutzt. Für eine
ordentliche Mehrwertproduktion müssen diese immer mehr und
intensiver arbeiten.
Gleichzeitig wird der Kostenaufwand für den
überflüssigen Rest der
Arbeitsmannschaft drastisch reduziert. Dies wirkt einerseits
erpresserisch auf
die Betroffenen, denn sie sind gezwungen, zu jedem Preis eine Arbeit
anzunehmen. Andererseits werden diejenigen, die noch Arbeit haben,
durch die
industrielle Reservearmee derart unter Druck gesetzt, dass sie – zwar
mit
einigem Murren – jeder Arbeitszeitverlängerung und
Lohnkürzung zustimmen.
Die Ignoranz
gegenüber den
tatsächlichen Veränderungen und die Verklärung der alten
Verhältnisse sind
Wesensmerkmale der neuen linken Bewegung. Inhaltlich fordert sie nicht
mehr,
als die Sozialhilfe ihrem Anspruch nach bislang und auch in Zukunft
gewährleistet: “Der notwendige Lebensunterhalt umfasst
insbesondere Ernährung,
Unterkunft, Kleidung, Körperpflege, Hausrat, Heizung und
persönliche
Bedürfnisse des täglichen Lebens. Zu den persönlichen
Bedürfnissen des
täglichen Lebens gehören in vertretbarem Umfang auch
Beziehungen zur Umwelt und
eine Teilnahme am kulturellen Leben.”6 Wie schön passen doch die
Forderungen
der zu Beginn des Textes erwähnten Dresdener Umsonst-Gruppe mit
den
Formulierungen der staatlichen Sozialgesetzgebung überein! Nur das
Outfit und
das radikale Auftreten unterscheiden die linken Aktivisten vom
engagierten
Sozialarbeiter.
Geschichte des Widerstandes
1 Dresden.
Umsonst – in “die
zeitung zum buko 27 Kongress 20. – 23. mai in kassel”, Beilage zu
Contraste
April 2004
2 “Soziale
Umwälzung von
unten” von Dario Azzellini, in iz3w Juni/ Juli 2004, zitiert nach
alhambra Juli
04
3 vgl. Stephan
Günther: “Ein
bisschen mehr Bescheidenheit!” in iz3w a.a.O.
* Falls
überhaupt die
Absicht oder Möglichkeit besteht, mit der regulären
Wirtschaft in Konkurrenz zu
treten, und nicht lediglich die Aktionen dem puren Überleben
dienen sollen.
4 Azzellini
a.a.O.
5 die zeitung
zum buko 27
kongress a.a.O.
6
Sozialgesetzbuch, Zwölftes
Buch, § 27 in der Neufassung vom 27. Dezember 2003,
gültig ab
1.1.2005
7 Dario
Azzellini a.a.O.
8 die zeitung
zum buko 27
kongress, a.a.O.