Der
Marathonlauf der
Bedürftigenolympiade ‘04
An
einem Dienstag, den 17.08
beschloß ich aufgrund akuten Geldmangels und der Einsicht,
daß es mit meinem
Job als Selbstständiger nicht mehr läuft, zum Sozialamt zu
gehen.
Dort stand ich erst einmal
vor verschlossener Tür; den Öffnungszeiten konnte ich
entnehmen, daß das
Sozialamt wegen Überlastung am Dienstag und Freitag immer
geschlossen ist.
1.Verpflegungsstelle
Am nächsten Tag bekam ich an
der Rezeption des Sozialamtes einen Termin für den 09.09. und
einen Zettel mit
der Auflistung der mitzubringenden Unterlagen.
Einen Tag vor diesem Termin
wollte ich mir beim Arbeitsamt noch schnell den Ablehnungsbescheid
abholen, der
besagt, daß ich vom Arbeitsamt keine Leistung beziehe. Wie sich
herausstellte,
war es sehr blauäugig von mir zu glauben, daß dies schnell
und unkompliziert
vonstatten gehen könne, denn dort wollte man von mir auf den Tag
genaue Angaben
haben, die ich so leider nicht mehr im Kopf hatte.
Also ging ich am nächsten
Tag nochmal hin, um diese Daten nachzureichen. Bis zum nächsten
Termin beim
Sozialamt hatte ich dazu noch knappe drei Stunden Zeit. Mit Hängen
und Würgen
schaffte ich es, mit ca. 11 minütiger Verspätung in das
Büro meines Sachbearbeiters
beim Sozialamt zu gelangen. Dort teilte man mir mit, daß ich nun
nicht mehr
aufgenommen werden könne und der nächst mögliche Termin
der 11.10. sei.
Offensichtlich war ich an jenem Tag der letzte Termin gewesen, denn in
der
Wartezone war niemand mehr, und zu meiner großen
Überraschung nahm sich mein
Termin-geplagter Sachbearbeiter immerhin noch 45 Minuten Zeit, mich
über meine
Möglichkeiten und Pflichten aufzuklären. Ich bekam eine
Adresse einer
Zeitarbeitsfirma, zu der ich gehen sollte. Wenn ich einen
Arbeitsvertrag in der
Tasche hätte, könnte ich dann telefonisch einen Notfalltermin
beantragen.
Gesagt und am selben Tag noch getan, rief ich also ein paar Stunden
später
wieder an, um mitzuteilen, daß ich am folgenden Montag einen auf
zwei Monate befristeten
Vertrag für 6.01 Euro die Stunde unterschreiben könne. Gut,
diesen Vertrag
sollte ich dann am Mitwoch den 15.09. mit gezogener Wartenummer der
Rezeption
vorlegen und um einen Notfalltermin bitten. Leider bekam ich am
Dienstag
Nachmittag von meinem neuen Arbeitgeber telefonisch die Aufforderung,
dort am
nächsten Tag um 10:00 Uhr zu erscheinen, es ginge um wichtige
Hinweise, die
eine Schulung betreffen.
2.Verpflegungsstelle
So ging ich also
am nächsten
Tag den 15.09. erst einmal zum Sozialamt, zog mir eine Nummer und
wartete in
der überfüllten Wartezone gut 1-1/2 Stunden, begab mich dann
flux zum nächsten
Termin bei der Zeitarbeitsfirma, wo mir lediglich der Termin der
anstehenden
Schulung und eine Dienstanweisung ausgehändigt wurde. Als ich mit
qualmenden
Fahrradreifen wieder beim Sozialamt ankam, sah ich, daß die
aktuelle
Wartenummer zwei Nummern weiter war als meine eigene. Also neue Nummer
gezogen
und weitere zwei Stunden gewartet. An
der Rezeption teilte man mir mit, daß Notfalltermine vor allen
anderen gehen
und ich den anderen Termin hätte sausen lassen müssen. Da
diese Woche nichts
mehr ginge, sollte ich es also nochmal in der folgenden Woche
versuchen. Da am
Montag der folgenden Woche diese Schulung laufen sollte, bot sich also
Mittwoch, der 22.09. an. Ich solle möglichst um 8.00 Uhr da sein,
wieder eine
Nummer ziehen und bei der Rezeption vorsprechen. Als ich also am 22.09.
kurz
nach acht Uhr, die Wartezone betrat, die wie immer schon wieder
überfüllt war,
zog ich die Wartenummer 32. Während meiner Wartezeit bekam ich
plötzlich einen
Tumult mit, der von der Rezeption ausging. Mit lautem Geschrei
beschwerte sich
jemand, er würde nun mehr als drei Wochen auf seine “Kohle” warten
und wie sich
die Herrschaften das denn vorstellen würden, wie er über die
Runden kommen
soll. Eine Frage, die ich mir im Stillen auch des öfteren selbst
gestellt habe.
Ein fast zwei Meter großer, korpulenter Beamter mit echten
Rausschmeißer-Qualitäten gab dem Herrn
unmißverständlich zu verstehen, er solle
nun sofort gehen und ihm drohe nun Hausverbot.
Kurz vor 11 Uhr
wurde
endlich auch meine Nummer aufgerufen. An der Rezeption teilte man mir
mit, ich
hätte meinen Termin um 8:00 Uhr nicht pünktlich wahrgenommen.
Große Verwirrung
auf meiner Seite; die Tatsache, daß ich gegen 8:00 eine
Wartenummer ziehen und
bei der Rezeption vorsprechen sollte,
hatte mir nicht vermittelt, daß es sich hierbei um einen
konkreten Termin
handelte. Auf meine Frage, warum ich also dazu aufgefordert worden bin,
eine
Nummer zu ziehen und mich wie alle anderen in die Wartezone zu begeben,
bekam
ich nur die Antwort, wenn ich Punkt 8:00 eine Nummer gezogen
hätte, wäre
vielleicht an diesem Tag noch ein Notfalltermin drin gewesen.
3.Verpflegungsstelle
“Zum Glück” bekam ich
diesmal einen wirklich konkreten Termin, der auf den Freitag, den
24.09. fiel.
Nanu, dachte ich im Stillen, es geht also doch auch an Tagen, an denen
keine
offiziellen Öffnungszeiten sind, Notfalltermine. Warum also nicht
schon eher?
Vielleicht habe ich ja an diesem Tag besonders unglücklich
ausgesehen, denn
meine finanzielle Notsituation habe ich zu allen Zeitpunkten klar und
deutlich
vermittelt.
Wenn ich keine Freunde
gehabt hätte, die auch nicht über einen üppigen
Geldbeutel verfügen, mir aber
dennoch in der Notzeit vom 18.08. – 24.09. mit dem Nötigsten
ausgeholfen haben,
wüßte ich nicht, wie ich über die Runden gekommen
wäre. Nun habe ich wenigstens bis
zum nächsten offiziellen Termin etwas Geld für Nahrungsmittel
bekommen; in der
Zwischenzeit stapeln sich bei mir die Mahnungen mit immer
unfreundlicherem und
bedrohlicherem Wortlaut. Zu Strom, Telefon und Fernsehen kann ich wohl
bald
leise Servus sagen. Wie es mit der Wohnung weitergeht, ist auch
ungewiss.
Da ich nun einen neuen Job
habe, ist dieses in die Verantwortung des Amtes für Wohnungswesen
gelegt
worden, wo ich möglicherweise Wohngeld beantragen kann.
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www.terz.org - 29.9.2004