bookBastard
Ein Bastard ist
ein
Kreuzungsprodukt zweier eng verwandter Pflanzen- oder Tierformen. Als
Bastard
fühlen sich aber auch viele ImmigrantInnenkinder. Fremd in
Deutschland, fremd
im Land ihrer Eltern. Im Roman von Raul Zelik geht es um die Themen
Migration
und Fremdheit. Allerdings ist dies kein weiteres Buch, das sich mit der
Situation von Immigrantinnenkindern in Deutschland auseinandersetzt,
sondern
Zelik verlegt den Schwerpunkt nach Süd-Korea.
Carla Lee ist
die 27jährige
Tochter eines nach Deutschland emigrierten
südkoreanischen
Gewerkschaftsführers und einer Portugiesin. Leid, immer wieder wie
eine
Aussätzige behandelt zu werden, geht sie in das Land ihres Vaters,
wo sie zum
ersten Mal nicht als Fremde wahrgenommen wird. Sie versucht sich als
Freelancerin im Journalismus und recherchiert die Umstände eines
Kaufhauseinsturzes einige Jahre zuvor. Aber nicht nur die Fremdheit der
Sitten
und Gebräuche machen ihr zu schaffen, sondern auch die
Behörden. Denn offiziell
darf sie als Auslandskoreanerin dort nicht arbeiten. Ihrer
deutsch-koreanischen
Freundin gelingt die Akzeptanz nur mit der totalen Anpassung, der sich
Lee
widersetzt. Wieder ist sie die Fremde in einem Land.
Aus der Sicht
von Lee liest
man sich förmlich in die Welt von ihr hinein und führt die
Fragen, die sich Lee
zum Fremdsein stellt, in einer gedanklichen Auseinandersetzung fort.
Die
Methodik der unterschiedlichen Erzählebenen erinnern an den
mexikanischen Autor
Taibo II, ohne sie nur zu kopieren.
Lässt sich
richtig gut lesen
und stellt wichtige Fragen – ohne sie beantworten zu können.
bookZweierlei
Kriegsgreuel
Manchmal frage
ich mich, ob
man Bücher wie “Deutsche Kriegsgreuel 1914 – Die umstrittene
Wahrheit” lesen
muss. Denn angenehm ist dies auf Grund der geschilderten Ereignisse
sicherlich
nicht. Aber wenn ich darüber nachdenke, dann halte ich es für
zwingend
notwendig für die politische Willensbildung, wie noch
begründet werden soll.
John Horne und Alan Kramer, beide vom Trinity College in Dublin, haben
ein
besonders wertvolles Buch geschrieben. Im Original ist es bereits 2001
erschienen, die deutsche Übersetzung kommt vielleicht erst jetzt
wegen des “Jubiläums”
(zum 90. Jahrestag des Anfangs des Ersten Weltkrieges) in die
Buchläden. Es
handelt sich hier also nicht um eines der Jahrestagsbücher, wie in
der
vorletzten Terz vorgestellt, in denen im wesentlichen nichts Neues
enthalten
ist. Nein, hier handelt es sich um eine detaillierte Darstellung des
deutschen
Einmarsches in Belgien und Frankreich 1914 und der daraus
resultierenden
Verbrechen. Worin liegt nun aber die meines Erachtens nach besondere
Bedeutung
dieses monumentalen Werkes? Weil es Fragen behandelt, die politisch
aktueller
nicht sein können – was den Autoren sehr wohl bewusst ist, wie in
einigen
seltenen Anmerkungen z.B. zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien
aufblitzt.
Es werden ausführlich die Verbrechen vor allem in Belgien 1914
geschildert. Wie
sie entstanden, wo die Motive lagen, wer die Verantwortung trug usw.
Ein ganz
wichtiger Teil des Buches beschäftigt sich mit der
propagandistischen Benutzung
der Ereignisse auf beiden Seiten. Da die Archive zu diesen Fragen
mittlerweile
offen sind, gelingt eine genaue Studie, was an Übergriffen
wirklich geschehen
ist – Übergriffe, die von der deutschen Seite über Jahrzehnte
hinweg nicht als
solche angesehen wurden. Es wird aber auch deutlich gemacht, wie die
Entente-Mächte jenseits der Realität die Deutschen zu den
neuen Hunnen
erklärten und den Krieg in einen Kampf der Zivilisation gegen die
Barbarei
umdeuteten. Faktum ist, dass in den ersten Kriegswochen von deutschen
Truppen
zu verschiedenen Anlässen etwa 6.500 belgische und
französische Zivilisten
ermordet, über 20.000 Menschen zwangsweise nach Deutschland
deportiert und
zwischen 15.000 und 20.000 Häuser verbrannt wurden. Die Deutschen
negierten
dies an sich nicht, gaben aber an, dass sich diese Zivilisten als
“Franktireurs” (illegale Freischärler) an den Kämpfen
beteiligt hätten, also
z.B. die Massenerschießungen gerechtfertigt gewesen seien. Dieser
angebliche
Freischärler-Kampf wird von den Autoren als halluzinierter Mythos
entlarvt. Für
die Verbrechen werden verschiedene Gründe angeführt. Deutsche
Truppen gerieten
in Panik, als sie erkennen mussten, dass der Durchmarsch durch Belgien
enorme
Opfer kostete. So kommt es zu den ersten Massakern an Zivilisten nach
einem
vorerst vergeblichen Sturm auf die Festung Lüttich, bei der man
über 5.000 Mann
verlor. Die Traumatisierung durch die kriegerische Realität der
modernen Waffen
griff um sich. Viele dieser Massaker entstanden während
Plünderungen und
Besäufnissen; die preußische Armee war bei weitem nicht so
diszipliniert wie
ihr Ruf es suggeriert. Fing im Rausch ein Soldat an zu ballern, machten
die
anderen mit, und der Eindruck eines richtigen Gefechts entstand. War
aber kein
Feind da, blieb nur die Zivilbevölkerung
als Gegner bzw. Sündenbock übrig. Das ist grob die
psychische Lage der
meisten einfachen Soldaten. Bei den Befehlshabern sah die Motivlage
etwas
anders aus. Die Deutschen waren festgelegt auf einen schnellen
Vormarsch, der
nicht gestört werden durfte, schon mal gar nicht von renitenten
Zivilisten, da
sonst der Schlieffenplan (ein Plan, der vorsah, schnell durch Belgien
zu
ziehen, um die französische Armee zu umfassen) in Gefahr geraten
wäre. Der
Terror wurde also als Einschüchterungsinstrument
eingesetzt. Gemeinsam war
vielen der vor allem preußischen Soldaten auch ein vehementer
Antikatholizismus,
der sich in der Ermordung von Priestern und der Zerstörung von
Kirchen und z.B.
der Universitätsbibliothek der Stadt
Löwen zeigte. Es wird aber auch
hergeleitet, dass sich das deutsche Militär im Gegensatz zu seinen
Gegnern von
vornherein nicht an die unterschriebenen Landkriegskonventionen halten
wollte.
Das Buch ist
reich
illustriert mit Propagandamaterial, welches verdeutlicht, in welche
Richtung
der Krieg um die Köpfe der Menschen (vor allem in den neutralen
Staaten)
getrieben wurde. Für die Alliierten waren die Deutschen die Macht,
die keine
Gefangenen machte (beide Seiten brachten Gefangene um), die im
großen Stil
Länder und ihre Bewohner schändete, die gerne Kinder
ermordete usw. Es
entstanden, basierend auf den realen Untaten, wiederum bei den
Allierten Mythen
ohne Wahrheitsgehalt wie z.B. die Kinder mit den abgehackten
Händen,
gekreuzigte alliierte Gefangene und eine Fabrik, in der die Deutschen
ihre
Gefallenen zu kriegswichtigen Stoffen verarbeiten würden. Hier
will ich nun
noch ein paar Sätze zu der Aktualität dieses Buches sagen.
Der Erste Weltkrieg
war die bis dahin größte Propagandaschlacht, in
dem keine Lüge zu dreist war.
Die maßlos übertriebenen alliierten Darstellungen hatten
allerdings einen sehr
wahren Kern, eben jene in diesem Buch geschilderten Verbrechen. Im
Zweiten
Weltkrieg war man viel vorsichtiger, den Deutschen ihre Greuel
vorzuwerfen, was
eine direkte Folge der Maßlosigkeit von 1914–1918 war. Die
Menschen z.B. in
England glaubten der Regierung nicht mehr, wenn die Rede von
Kriegsverbrechen
der Deutschen war – ein Umstand, der den Holocaust erleichterte. Die
Fragen,
die Horne und Kramer bearbeiten, stellen sich heute identisch zu den
Konflikten
z.B. in der Golfregion und im ehemaligen Jugoslawien. Ohne in einer eh
schon
langen Buchrezension auf diese Dinge eingehen zu können,
möchte ich aber doch
dazu raten, so gut wie niemandem so gut wie nichts zu glauben ... siehe
Hufeisenplan der Serben, Massenvernichtungswaffen der Iraker, ermordete
Babies
in Brutkästen in Kuwait und und und ...
Passend zum
Thema möchte ich
noch auf eine vielversprechende Veranstaltung im Zakk am 12.10.2004 um
20 Uhr
hinweisen. Es wird der Dokumentarfilm “Auf der Schwelle des
großen Vergessens”
von Thom Verheul über die Razzia im niederländischen Dorf
Putten 1944 gezeigt,
eine Diskussion mit dem Regisseur ist anschließend möglich.
“Putten” ist in den
Niederlanden so bekannt wie z.B. Oradour in Frankreich. Hunderte
verschleppte
Dorfbewohner starben gegen Kriegsende bei der vollkommen unsinnigen
Aushebung
eines sogenannten Friesenwalls, der Norddeutschland vor einer
alliierten
Invasion schützen sollte. Auch in diesem Fall gibt es fundamental
verschiedene
Sichtweisen. In Deutschland ist selbst Antifas fast nie bewusst, wie
denn so
eine deutsche Besatzung in einem kleinen Nachbarland, in das man gerne
in die
Ferien fährt, ausgesehen hat. Und in Darstellungen aus
konservativen Kreisen
kann man bis heute z.B. lesen, dass der verantwortliche
Kriegsverbrecher Oberst
Fullriede, nie in den Niederlanden gewesen wäre und wegen
gefälschter
Dokumente der Briten verurteilt worden sei (so in Hans Jürgen
Eitner: Kolberg –
ein preußischer Mythos ; Fullriede war der letzte Kommandant der
Festung
Kolberg 1945). Wer also etwas über die “Sühnemaßnahme”
der Deutschen 1944 in
Putten wissen möchte, hat also am 12.10.04 im Zakk die seltene
Gelegenheit
dazu!
Fehri
www.terz.org - 29.9.2004