“Wir
sind das Volk”
und andere untertänige,
national gesinnte Beschwerden
Mit Agenda 2010 und
Hartz-Gesetzen wird ein Verarmungsprogramm in Gang gesetzt, das – so
der Aufruf
des NRW-Netzwerks gegen Sozialkahlschlag – “in einer
Abwärtsspirale Millionen
Menschen ins Elend treibt.” Eine klare Aussage! Doch diejenigen, die
dem Aufruf
folgten und am 18. September zur Demo nach Düsseldorf kamen,
wurden vielfach
mit anderen Sorgen und Beschwerden bekannt gemacht – ähnlich wie
im Osten, wo
sich Volk wieder mal von Führung betrogen sieht.
Ob Ost …
Die beschlossene
Verarmung
(in deren Ausmalung sich übrigens viele Flugblätter und
Statements erschöpfen)
und das am Standort D bereits existierende (von rotgrünen Armutsberichten
kunstvoll ermittelte) Elend wären allemal ein Grund für
ostdeutsche Werktätige,
auf die Berliner Politik zu pfeifen. Denn sie erfahren in besonderer
Weise, wie
unverträglich Schröders Reformen zur nationalen
Standortsanierung mit ihren
eigenen materiellen Interessen sind: einmal dadurch, dass mit dem
wirtschaftspolitischen Abschreiben des Aufbruchsprojekts Ost – zuletzt
durch
Köhlers Korrektur am Versprechen der “blühenden Landschaften”
beglaubigt – auch
sie ihre Wünsche beerdigen können, irgendwann auf halbwegs
gesittetem Niveau in
ihrem neuen Vaterland durchs Leben zu kommen; das andere Mal dadurch,
dass das
Ersetzen von Rechten aus einer Arbeitslosenversicherung durch
reduzierte
Leistungen nach Maßgabe sozialer Bedürftigkeit zwar
überhaupt nicht speziell
auf sie gemünzt ist, sie aber ganz speziell trifft.
Doch scheint das
nicht
hinzureichen, an dem Grundvertrauen irre zu werden, das sie in ihre
Herrschaft
und deren Wirken setzen. Vielmehr stellen sie sich unter der
Demo-Parole auf,
mit der sie bei ihren Herren schon einmal Eindruck gemacht haben.
Diesmal aber
nicht, um der Staatsmacht den Gehorsam aufzukündigen und zu einer
anderen
überzulaufen, die sie gerne bei sich aufnimmt. Sie erinnern nur an
den Dienst,
den sie seinerzeit für Deutschland geleistet haben und für
den sie heute noch
bei jedem Jubiläumstag größte Anerkennung
genießen. Und daraus leiten sie für
sich das Recht ab, von ihrer Obrigkeit auch weiterhin in entsprechender
Weise
gewürdigt zu werden. “Wir sind das Volk!” - lassen sie sich
vernehmen, um
erstens ihre besondere Betroffenheit durch die Berliner Politik zum
Ausdruck zu
bringen und um zweitens wegen dieser Betroffenheit auch besonderen
Respekt
einzufordern. Leute stellen sich da auf, die auf ihre politische
Herrschaft
ausgerechnet mit dem Argument Eindruck machen wollen, dass sie wirklich
nur die
Manövriermasse sind, die “Volk” heißt und die ein Staatsvolk
auch nur ist.
Ausgerechnet von der Instanz, die sie zu Opfern macht, möchten sie
bitteschön
nicht auch noch offiziell als solche abgeschrieben werden. Sie
möchten partout
gegen jede Erfahrung und gegen die ziemlich anders liegenden Absichten
von
Hartz I-IV weiter an die Arbeitsplätze glauben können, die
man ihnen einmal
versprochen hat.
... ob West
Auch das
NRW-Netzwerk macht
sich bemerkenswerte Sorgen – dass z.B. durch die zu erwartenden
“Kaufkraftverluste” die “Binnennachfrage” leiden werde.
Fazit:
“Hunderttausende Arbeitsplätze sind gefährdet.”
(Düsseldorfer Aufruf) Nicht das
Loch, das in Otto Normalverbrauchers Geldbeutel gerissen wird, ist hier
das
Problem, sondern die gefährdete Geschäftsbilanz von
Handelskapitalisten oder
Automobilherstellern. Ja, wie wollen diese Leute weiterhin und
ungestört Profit
machen, wenn ihnen keiner ihren Krempel abkauft? Da versagt doch die
ganze
Ausbeutung, die noch so weltrekordmäßig ihre Leute im
Produktionsprozess
verschleißen mag, aber keinen Dummen mehr findet, der (wie es ein alter
Rheinländer ausdrückte)
Wert samt Mehrwert realisiert, sprich das Warenkapital
in den einzig realen Reichtum, nämlich Geld, umwechselt. Dann
kommt es am
Schluss wegen Absatzschwierigkeiten gar zu einer Abnahme der
Arbeitsplätze,
also einer der Kennziffern, in denen Staat und Kapital die
Wachstumserfolge am
Standort bilanzieren.
Oder gleich ganz
konstruktiv
formuliert: “Arbeit für alle!” (Motto der Kölner
Montagsdemonstration) Die
zweite Forderung heißt dort folgerichtig “Kapitalflucht
verbieten!” und deckt
sich - fast - mit des Kanzlers Klage über den mangelnden
Patriotismus deutscher
Unternehmer: Die sollen nicht ins Ausland abwandern, sondern die
hiesigen
Ausbeutungsbedingungen nutzen bzw. mitteilen, was an ihnen zu
verbessern wäre,
damit noch mehr Kapital die auswärtigen Standorte verlässt und an den
deutschen
flieht. Nur dass Schröder dazu keine drastischen Mittel wie
Verbote benutzen
würde…
Fazit
Bei so viel
Anteilnahme am
nationalen Erfolgsweg, das Zusammenwirken von Kapital & Arbeit
betreffend,
wundert es kaum, dass nicht nur Enttäuschte, Erniedrigte und
Beleidigte auf den
Demos auftauchen, sondern auch leibhaftige Faschisten. Da muss man
leider
Freerk Huisken zustimmen, der zuletzt in der Jungle World (37/04)
schrieb:
“‚Linke’ und ‚Rechte’ haben sich längst zu kaum noch
unterscheidbaren Angriffen
auf das Hart IV-Konzept vorgearbeitet, in deren Zentrum nichts als
Sorgen um
nationale Anliegen stehen.”
www.terz.org - 29.9.2004