Auch wenn’s vielleicht nicht
ganz so deutlich scheint in unseren Jammertälern: Die
Weltwirtschaft boomt
derzeit wie seit 25 Jahren nicht mehr. Ja doch – der IWF rechnet mit
satten
4,9%, Leute! Im Klartext: Irgendwo muss es doch sein, dieses
ominöse Kapital,
das ja angeblich überall fehlt, das überall eingespart werden
muss und den
Leuten aus der Tasche gezogen wird. Und wir müssen noch weiter
sparen und
schlanken, und wenn nicht, steht morgen McKinsey auch vor deiner
Tür und guckt,
ob man dieses bisschen Restleben nicht noch rentabler gestalten oder
gleich
wegkürzen kann. Geil war ja, dass die 40-Jahre-McKinsey-Feier in
Berlin, zu der
Unter den Linden 4.000 Gäste, u.a. Wolle Clement, antanzten, von
500 Cops
geschützt werden musste. Da hat McKinsey aber sicher nicht den
Rotstift
angesetzt, denn da hätte man ja nu wirklich verschlanken
können! Bezahlt aber
die Stadt, ja dann... Noch was zum lachdenken? Helgolands Lange
Anna-Felsen
stürzt so langsam aber sicher ins Meer, furchtbar für das
insellose
Deutschland. Jetzt ist das Steinchen mit Lasertechnik
quadratmillimetergenau
komplett vermessen worden, dann kann man es mal für ville Jeld
wieder
nachbauen. Auf jeden Fall. Und man kann, so die Geologen, detailgetreue
Miniaturen als Souvenirs herstellen. Wie geil ist das denn? Können
wir das
bitte auch mit diesem unserem Ländchen oder gleich dem ganzen
Planeten machen?
Och bittebitte ... und vor allem, bevor McKinsey kommt!
V.A.: WARP
VISION (THE
VIDEOS 1989-2004) (Warp)
Der
Jahreshingucker: Die
knuffige DVD zeigt 32 der besten Videos des Warp-Lables. Was für
eine
Zeitreise! Die Glotzlegenden von Aphex, Squarepusher oder Autechre plus
marginal gebliebener Flicks – absolut stilbildende Klassik mit der
Lizenz zum
Selbstzitat und ein definitives Highlight! Gönnt euch das.
V.A.: BUT THEN
AGAIN (scape)
Noch mal Grund
zum Feiern:
Das Berliner Label um Stefan “Pole” Bethke darf sich zurecht zum
5jährigen
Bestehen feiern, eines der originellsten Quellen für organische
wie zugleich
futuristische Elektronik zu sein. Die 15 Tracks setzen ergo nicht auf
Erreichtes, sondern loten entspannt und gut gelaunt Mögliches aus.
NIOBE:
VOODOOLUBA (sonig)
Yvonne Cornelius
macht tolle
Musik, normal bekannt. And again: krachige Comic-Kaspermusik ohne
Rücksicht auf
Verluste. Selbstverliebt-verspielt und doch Arme und Arsch offen – love
it! Open your
mind,
and out come the freaks!
BROOKS:
RED TAPE (Soundslike)
Achtung! Brooks’
Musik
besitzt die Art von hedonistischer Dringlichkeit, zu der
Subkulturindustrieherrenreiter gerne nach wilden Träumen unter der
Bettdecke
wixen. Imaginäre Abenteuer vermischen sich mit absurder
Realität zu einem
Retro-Nerd-Queer-Szenario, das auch vor 10 Jahren Spaß gemacht
hätte. Schön!
MUGISON:
NICELAND
(accidental)
Scheiße!
Auch Mugison ist
spitze. Gibt’s denn nur Gutes hier? Offenbar: Der Isländer
verwöhnt unseren
sicken Hang zur Idiosynkrasie mit wundervoll unhippen Folk-Idiomen,
stört sich
und uns aber leider mit diversen unnötigen Experimenten. Wenn er
seinen
verquerten Humor mal wegtrinkt, wird’s besser.
THE KONKI DUET:
IL FAIT TOUT
GRIS
(Active
Suspension)
Vorsicht
fraulicher
Hauchgesang! Aber der Background aus Hardchor und Toypiano-Hooklines
ist
insgesamt so süß und geil künstlich, dass der Espresso
vor Freude verdunstet,
während du fassungslos auf deine Vergangenheit starrst.
PANDA
BEAR: YOUNG PRAYER (Paw Tracks)
Wah, bewegend!
Nach dem Tod
seines Vaters nahm Panda vom Animal-Collective diese introspektiven
Trauer-Tracks im ehemaligen Elternhaus auf und lässt Revue
passieren.
Soul-Folk, hervorragend zum Bücher ein- und ausräumen.
O.BLAAT: TWO
NOVELS:
GAZE
/ IN THE COCHLEA (Crónica)
Weil Blaat das
Konzept
“Audio-Environment” ernst nimmt, hält sie sich als Person bei
Auftritten total
heraus und lässt den mit dem Raum vernetzten Klang, der spannend
genug ist, für
sich sprechen. Collabs mit Kaffe Matthews oder Ikue Mori weisen den Weg
...
diese Erzählungen knistern vor Klarheit und Licht.
MYRAKARU:
TAMMETORU
(Expanding Records)
13
hochinteressante Tracks
des Duos aus Tallinn, das die elektronische Klanglandschaft Estlands
prägte.
Anfangs chaotisch und psychedelisch, schält sich nun ein
minimal-funkig-melodiöser Impressionismus aus der Musik heraus.
MARK
ONE: ONE WAY (Planet Mu)
Der
Drum&Basser aus
Sheffield verließ vor 5 Jahren seine enge Szene und schwenkte in
Richtung
dark-futuristischem ElectroHipHop. Zusammen mit dem Virus Syndicate
gibt’s
jetzt via Manchester sehr abgedunkelte urbane Szenarien.
SHITMAT:
FULL ENGLISH BREAKFAST
(Planet
Mu)
Herrlich!
Britischer
Speedbreak-Humor, wie wir ihn lieben! “Dis Dancehall Ting is Better
Than That TV Ting
Tony” – und das auf jeden! Ob
nu Blair
oder Marshall gemeint ist, völlig egal, hier gibt’s
Inselaffen-Corned Beef mit
Psylos.
V.A.: TEMPO,
TECHNIK,
TEAMWORK
(Staubgold)
(Bl)Öder
Titel und lasches
Artwork sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf
dieser Do-CD eines
der besten unabhängigen hiesigen Labels erneut als erstklassige
Austauschstelle
zwischen Tradition und Progression profiliert. Für Einsteiger
wirklich ideal,
zudem sei gesagt: Keine Compi wächst so sehr wie die.
V.A.:
KLANGBAD: NEXT STEP (Klangbad)
Doch umarmen tut
einen
sofort diese hier, nämlich die der Klangbad-Kollegen aus dem
Süden. Ur-Faustler
Irmler versammelt auf knappen 36 Minuten eine wahnsinnsgute und
kompakte
Essenz, von der man noch lange zehren wird.
ADRIANO
LANZI & OMAR SODANO:
LA
VITA PERFETTA (Klangbad)
Zum vertiefenden
Eintauchen
ins Klangbad nehmt das hier: Das groovt und knackst, das verwundert und
freut.
Und der erste Track heißt Russ Meyer. OK?
BENT: ARIELS
(Ministry Of
Sound)
Bent nicht
vergessen. Die
sind so gut, die werden’s nämlich oft hierzulande. Die Dritte
weicht völlig ab
vom bisherigen Weirdo-Samplezirkus und präsentiert
hochkomplex-griffigen
Luftgeister-Pop, immer noch verspleent genug für uns.
CHRISTIAN
HARDER:
GOODBYE
MONKEY GRAVITY (Wonder)
Ey! Hochschreck!
Haben wir
1984? Das ist keine Zukunftsmusik. Harder produziert auch die
völlig
überschätzte Mediengruppe Telekommander. Nach der Platte
bleibt unklar: Was
will er überhaupt? Nicht Fisch, nicht Fleisch.
OLAF
HUND: VALSEUSES (Lounge Records)
Hund tritt auf
wie Dandy,
zitiert Satie, Ravel, Tango und Charleston und strukturiert
Elektrobeats dazu.
Leider mehr lau als schlau und niemals wow.
DYNAMO
PRODUCTIONS: GET IT
TOGETHER (Unique)
Das Bristoler
DJ-Duo sampelt
sich als BigBeatRythm-Junkie plus Family nen Wolf aus dem amtlichen
Groove-Katalog und bringt zu fortgeschrittener Stunde wohl leidlich
Spaß in die
Bude. Oder auch nicht. Oder auch doch.
KENNY DOPE:
BRAZILIKA (Far
Out)
So, getz aba.
Endlich mal
richtige Klasse hier im Haus. Far Out feiert als originäres
Brazil-Imprint sein
10jähriges, und als Geschenk trat Kenny Dope himself heran und bot
einen Mix
an. Breathe
deep. Sowas wünscht man sich.
TERRY
CALLIER: LOOKIN’ OUT (Emarcy)
Die tiefe Seele
aus Cabrini
Green mit einem umwerfendem Soul-Jazz-Album. Instant-Klassiker, der so
einiges
vergessen lässt. Leute, wenn ihr schon auf gar nix mehr hört,
hört wenigstens
Terry Callier zu. Absolut großartig!
BLAZE: THE
INSTRUMENTAL
PROJECT
(Papa Records)
Als Garant
für zeitgemäße
Deepness war das New Jersey-Trio eine Bank. Neben den grandiosen und
typischen
Sunshine-Grooves verliert man sich jedoch hier leider zu oft auch in
Belanglosigkeiten. Diese Musik braucht den Sommer dazu.
LARS BARTKUHN:
DREAMLAND
(Needs)
Der Frankfurter
Needs-Aktivist mit perkussiv-melodischem Jazz-House zwischen Benson,
Metheny
und Montgomery. Das Passion Dance Orchestra versteht sich auf
lichtdurchstrahlte Musik, die entspannt und zugleich belebt.
JORANE:
THE YOU AND THE NOW (Emarcy)
Hier kommt dann
die wahre
Passion: die frankokanadische Cellistin mit ihren fragil-starken und
minimalen
Chansons, die vor klar delirierender Sehnsucht in all ihren
Vielschichtigkeiten
vibrieren. Intensität als Gefühl, nicht als Modewort.
V.A.: SHANHAI
LOUNGE DIVAS
(EMI)
Shanghai war vor
1949 das
Zentrum der chinesischen Film- und Musikindustrie und galt als
moralisch
verkommenes Paris des Ostens. Der CD-Player rumpelt wie ein Grammophon,
wenn
diese Diven ihre herzzerreißenden Songs singen. Bios und Texte
dabei, und,
Sensation, auf CD1 mal nicht überflüssige Remixe, sondern
ziemlich schlüssige
beatunterlegte Neuinterpretationen dieser hörenswerten
78er-Schellack-Mandarin-Popmusik.
CLANN
ZÚ: BLACK COATS & BANDAGES (G7)
Nach wie vor
schwer
verwundet von dieser Welt und mit Hang zu ihren
surreal-alltäglichen
Friedhofsprozessionen, beobachten die Iren-Australier die
Realität. Wie sich
aber aus Melancholie Aufruhr schält, lässt sich hier
hören.
WARSAWPACK:
STOCKS &
BOMBS (G7)
Die Labelmates
aus Hamilton
/ Kanada verpacken ihre politische Anliegen dagegen in eine
HipHopFunkRockJazz-Mixtur
und äußern sich extrem explizit: gegen
US-Außenpolitik, Betäubungsstrategien
der Medien, sogenannte Drogenkriege und mit Zeilen wie “What the fuck
were you
thinkin, chump? We
got business to run. Fat kids that need christmas gifts and stuff.” Worth checkin.
DIE SCHNITTER:
ORANGE
(costbar)
Die Kasseler
nach wie vor
streitbar: “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, wir woll’n uns mit
Pfaff und
Adel raufen” zitieren sie den fränkischen Robin Hood, singen
für Obdachlose,
gegen den Krieg und bleiben klar und integer.
DIE FALSCHEN
FREUNDE: ALLES
IST POP (Supermusic)
Die
Münchener dagegen
präsentieren sich smart und aufgeklärt, transformieren ihre
Garage-Wurzeln in
akkurate Mod-Beater und lassen Betrachtungen über die
allgegenwärtige
Subkulturindustrie und spießige Besitzhirnheimer vom Stapel.
ENDERS
ROOM: HUMAN RADIO
(enja
/ soulfood)
Enders ist ein
Unikum:
Klassesaxofonist, liebt Jazz genauso wie Elektronik, lebt das bei
Tied+Tickled
Trio aus, entspannt bei Familie und Heimstudio auf dem Weilheimer
Bauernhof und
schraubte dort ein Jahr an seiner Soloplatte herum. Das
organisch-weiche wie
hart-synthetische Amalgam ist absolut hörenswert.
LUCAS
NIGGLI / ZOOM ENSEMBLE: SWEAT (Intakt)
Noch ein Unikum,
und was für
eins! Der Züricher, einer der besten kontinentalen Drummer, mit
seinem
erweitertem Projekt Zoom. Erst Trio, dann Quintett, nun Ensemble mit
Phil
Minton an der Stimme und dem Ensemble Neue Musik Zürich, mit
unglaublich guten
Stücken, bei denen man nicht weiß, ob man die
intelligent-vitale Ambition oder
den Heidenspaß, den all das macht, mehr bewundern soll!
Komposition und
Improv-Vibrationen at it’s best!
MNOZIL BRASS:
RAGAZZI
(Kennen)
Zum guten
Schluss: mit
voller Hose und zartem Herzen – so präsentiert sich diese
unglaublich
mitreißend-gemächliche Blasmusik der sieben
Österreicher, die erstmals eine CD
und dann gleich ihren kompletten Backkatalog präsentieren. Ob
“Asylantenwalzer”
oder “Django”, Mnozil zeigt, dass wir selbst die Blasmusik nicht den
populistisch-konservativen Besetzungen überlassen brauchen. Und da
kommt
McKinsey – den blasen wir locker weg!
www.terz.org - 29.9.2004