“Vielleicht
wäre sie
verhungert”
Düsseldorfer Sozial-terror
Anfang
Mai 2004 ging die
49-jährige, stark sehbehinderte Karin Dewies zur Zweigstelle des
Düsseldorfer
Sozialamtes in Flingern. Sie wollte Hilfe – und wurde abgewiesen. Warum
das so
war? Sie hat einen Verdacht. So übel, wie sie auf der
für
sie zuständigen Sozialbehörde behandelt wurde, sagt sie, sei
es ihr in ihrem
ganzen Leben noch nicht ergangen. Dabei hätte die an Diabetes
schwer erkrankte
Frau dringend Hilfe gebraucht. Seit acht Jahren
leidet die
gelernte Textilfachverkäuferin unter dieser Krankheit, die sie
nach 32 Jahren,
in denen sie fast durchgehend gearbeitet hat, arbeitsunfähig
machte. Durch einen Sturz in ihrem
Badezimmer brach sie sich mehrere Knochen im Rückenbereich. Bei
der ärztlichen
Untersuchung wurde festgestellt, dass sie auch an Arthrose und Gicht
leidet.
Seit dieser Zeit ist sie arbeitslos. Schließlich erkrankte sie
zusätzlich an
Diabetes und ihre Sehfähigkeit nahm auf drei Prozent ab. Lesen
kann sie nur
noch mit Hilfe einer starken Lupe und ihre Bewegungsfreiheit ist massiv
eingeschränkt – sie braucht Hilfe.Karin
Dewies lebt allein,
sowohl ihre Tochter (28), als auch ihr Sohn (24), leben außer
Haus. Bislang
lebte sie von Arbeitslosengeld (334 Euro). Das ist jetzt vorbei, und
sie
stellte einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe. “Nun gab es aber bei der
Agentur
für Arbeit in meinem Fall Verrechnungsprobleme”, sagt sie.
“Angeblich hätten
sie mir zu viel Arbeitslosengeld bezahlt.” Deshalb bekam sie kein Geld.
Krank und wenig Hilfe
Sie ging zur
Außenstelle des
Sozialamtes im Stadtteil Flingern, um wenigstens Sozialhilfe zu
erhalten. Am
Tag der Antragsabgabe legte sie dort die erforderlichen Unterlagen vor.
Es
fehlten lediglich zwei Kontoauszüge ihrer Postbank und ein
Dokument ihrer
“Riester-Rente”, das dort hinterlegt war. Da das Bankinstitut sich
sechs Wochen
Zeit ließ, ihr die angeforderten Papiere zu schicken, verging
wertvolle Zeit.
Als die nötigen Unterlagen endlich vorlagen, stellten sich die
Sozialbürokraten
stur.
Wochenlang fragte die
Betroffene bei der Stelle nach, da sie mittlerweile nichts mehr hatte,
um ihren
Lebensunterhalt zu sichern. Fehlanzeige! Und sie brauchte dringend das
lebenswichtige Insulin.
Seit dem 2. Mai diesen
Jahres war sie auch nicht mehr krankenversichert, da es keine Zahlung
seitens
der “Agentur für Arbeit” gab. Frau Dewies wies die Sachbearbeiter
darauf hin,
dass sie krank und auf ihr Medikament angewiesen sei. “Das hat die
überhaupt
nicht interessiert”, sagt sie. Dann gab es Streit mit der
Vermieterin ihrer Wohnung (70 qm), da sie die Miete für die Monate
Mai und Juni
nicht mehr zahlen konnte. Karin Dewies: “Die hat mich auf offener
Straße schon
fertig gemacht.”
Die Vermieterin rief den für
Frau Dewies zuständigen Sachbearbeiter Felsenträger an und
sagte ihm, dass sie
Frau Dewies kündigen müsse, wenn sie keine Miete erhalte.
Felsenträger
kommentierte das mit den Worten: “Das ist mir doch egal.” In ihrer Not wandte Karin
Dewies sich an den Teamleiter Schorrn des Sozialamtes. Der habe ihr in
barschem
Ton gesagt: “Sind Sie nicht die Frau Dewies?” Sie bejahte. Schorrn:
“Wenn Sie
jetzt eine Entscheidung haben wollen, dann muss ich das ablehnen.” Als sie ihn darauf hinwies,
dass sie auf das Insulin angewiesen sei und auch kein Geld mehr zum
Essen habe,
ließ er sie wortlos stehen und verschwand. “Wenn mein Ex-Mann, der
selbst behindert ist, mir nicht mit Essen geholfen hätte”, sagt
Karin Dewies,
“wäre ich verhungert”. Auf dem Wohnungsamt war man
ihr behilflicher. Dort hörte man sich die Probleme der
Hilfesuchenden an und
nahm Kontakt mit der Hauptstelle des Sozialamts auf. Hier befasste sich
dann
eine Sachbearbeiterin, die für Schwerbehinderte zuständig
ist, mit dem Fall.
Nach zwei Monaten und einigem Verlust von Nervenkraft wurde der Frau
endlich
geholfen.
In dieser Zeit konnte sie
sich keine Medikamente kaufen. Sie wandte sich an die Caritas, die sie
an die
Obdachlosen-Hilfe auf der Neusser Straße vermittelte, wo es eine
Stelle für
Medikamente gibt. Dort erhielt sie dann auch das Insulin. “Das kann man
alles
nicht begreifen”, meint sie nachdenklich. “Das kann man wirklich nicht
begreifen. Und diese menschenverachtende Logik, die die haben. Gut,
jetzt bekomme
ich auch nicht allzu viel, aber zumindest etwas.” Sie erhält jetzt anteilig
die Miete. “Das sind 252 Euro”, fährt sie fort. “162 Euro Wohngeld
werden an
die Vermieterin gezahlt. Dazu muss ich von meinen paar Kröten noch
73 Euro
zuzahlen. Ich muss 162 Euro Gas und Strom zahlen, bekomme aber 77 Euro
Blindengeld für schwer Sehbehinderte. Und dann sehen Sie, was noch
übrig
bleibt. Zum Leben ist das effektiv zu wenig. Damit komme ich nicht
klar. Die
Miete beträgt 500 Euro.” Sie will nun unbedingt aus
ihrer Wohnung im vierten Stock ausziehen, aber es sei schwer, eine
andere zu
finden.
Amtsleiter findet alles in
Ordnung
Der Teamleiter Schorrn, der
mittlerweile in der Außenstelle des Sozialamtes Dienst tut, war
auf normalem
Weg nicht erreichbar. Wer in Gerresheim das Sozialamt besuchen
möchte, steht
vor verschlossener Tür, welche sich nur dann öffnet, wenn von
innen auf den
Knopf gedrückt wird. Die Herrschaften
sind verbarrikadiert, als hätten sie etwas zu verbergen. Am
Telefon weigerte
sich Schorrn, etwas zu dem Fall zu sagen. Angeblich dürfe er sich
dazu nicht
äußern. Roland Buschhausen, Leiter des Sozialamtes
Düsseldorf, meint, nach
seinen Nachforschungen sei die Frau “angemessen behandelt worden”. Er
kenne den
Herrn Schorrn schon länger und könne sich für ihn
verbürgen. Dieser sei ein
freundlicher Mensch. Aus “datenschutzrechtlichen Gründen”
dürfe Schorrn sich zu
dem Fall nicht äußern.
Warum sie so behandelt
worden sei? Frau Dewies glaubt, dass das mit Absicht gemacht wurde.
“Ich denke
mir, da ich nicht der einzige Fall bin, und da das nicht das einzige
Sozialamt
ist, das so reagiert, dass das von oben gesteuert wird, um die Leute
abzuschrecken.” Das diene dazu, die Menschen mutlos zu machen, damit
sie den
Kopf in den Sand stecken und sich alles gefallen lassen. Wo sie recht
hat, hat
sie recht.
Jürgen Stein
www.terz.org - 29.9.2004