TERZ 06.11 - STRAFVOLLZUG
Einen Bankraub, mit dem er Geld für linke Projekte beschaffen will, hält Thomas Meyer-Falk 1996 für eine gute Idee. Damals ist er gerade 25 Jahre alt und identifiziert sich mit den "Red and Anarchist Skinheads". Die Aktion scheitert, Verletzte gibt es keine, aber er wird 1997 zu elfeinhalb Jahren Knast verurteilt. Mit anschließender Sicherungsverwahrung. Weil er Politiker_innen, Justizangestellten, Richter_innen und Staatsanwält_innen gegenüber nicht verschweigt, was er von ihnen hält, kommen weitere Strafen wegen Beleidigung und Bedrohung hinzu, insgesamt mehr als fünf Jahre. Bis 2007 verbringt Meyer-Falk elf Jahre in Isolationshaft, das heißt 23 Stunden pro Tag allein in einer sieben Quadratmeter großen Zelle. Danach sitzt er auch im "normalen Vollzug" in einer Einzelzelle.
Entschieden und hartnäckig verweigert er die von Gefangenen erwarteten Reue- und Unterwerfungsrituale, widersetzt sich allen Versuchen, ihn zu psychiatrisieren und lehnt auch die Sozialtherapie ab, die die Richter zur Voraussetzung einer Entlassung machen. Ohne Aussicht, jemals aus dem Knast zu kommen, wird die Schreibmaschine für Thomas Meyer-Falk zum Mittel des Überlebens und des Kampfes. Ungebeugt und ungebrochen schreibt er Briefe und Texte, die seine Freund_innen auf seiner Webseite veröffentlichen. 2010 erscheinen Auszüge seiner Essays und Gedichte in Buchform unter dem Titel "Nachrichten aus dem Strafvollzug". Der Wuppertaler Schauspieler Uwe Neubauer, der Meyer-Falk für einen der besten linken Journalist_innen in der BRD hält, hat aus diesen Texten eine Lesung zusammengestellt. Für die TERZ sprach Nora Hansen mit dem Vorleser.
TERZ: Wie bist du auf die Idee zu der Lesung gekommen?
Uwe: Als Schauspieler ist für mich Theater genuines Instrument politischer Arbeit. Theater muss Stellung nehmen, tut es aber oft nicht, weil es zwischen öffentlicher Finanzierung und Publikumswünschen viele Rücksichten nehmen muss. Jenseits meiner Arbeit am Theater habe ich deshalb Lesungen für mich als einen Weg der politischen Arbeit gewählt und bin damit schon einige Jahre auf Tour, etwa mit Lesungen zu Tucholsky oder Irmgard Keun.
TERZ: Wie hast du Thomas Meyer-Falk kennen gelernt?
Uwe: Da ich schon lange in der Antifa engagiert bin, war mir der Name nie unbekannt. Durch einen Freund kam schließlich der Anstoß, mich näher für Thomas zu interessieren. Das Seltsame ist, dass ich, seit ich ihn kenne, sehr viele interessante Leute kennen gelernt habe, weil er eine ganz besondere Art hat, Menschen zusammenzubringen. Das muss man sich vorstellen: Er sitzt in einer Einzelzelle und sorgt dafür, dass sich außerhalb des Knasts Menschen treffen, die viel miteinander anfangen können. Ich denke, da hat er eine einzigartige Fähigkeit.
TERZ: Bist du ihm persönlich begegnet?
Uwe: Bislang leider noch nicht. Er sagt, er liebt die Distanz des Briefes. Aber ich hoffe dennoch, dass es im Sommer zu einem Treffen in Bruchsal kommen wird.
TERZ: Habt ihr die Lesung gemeinsam konzipiert?
Uwe: Er hat mir sehr freie Hand gelassen und war mit meinen Vorschlägen einverstanden. Allerdings hatte er den Wunsch, dass es auch etwas zu lachen gibt, deshalb sind auch einige seiner satirischen Texte über die Absurditäten des Knastalltags dabei, etwa über das Verbot, Luftballons zu besitzen oder eigene Besen. Oder über die Anregung einer Anstaltsleiterin, sich mit einem imaginären Springseil fit zu halten.
TERZ: Vor welchem Publikum liest du?
Uwe: Vorwiegend in Antifa-Kreisen. Im Osten ist Thomas übrigens sehr viel bekannter als im Westen, vielleicht, weil dort die Knastarbeit einen höheren Stellenwert hat. Insgesamt ist das Thema Knast bei Linken ja nicht sehr beliebt. Dabei sollte sich eigentlich jeder politisch arbeitende Mensch damit befassen, weil es jeden ganz plötzlich selbst betreffen kann.
TERZ: Hat Thomas eine Chance durch die Neuregelung der Sicherungsverwahrung frei zu kommen?
Uwe: Das betrifft ihn leider nicht, weil die Sicherungsverwahrung schon in seinem Urteil steht. Betroffen von neuen Regelungen sind nur solche Fälle, bei denen die SV im Nachhinein angeordnet wurde.
TERZ: Das Strafmaß und die anschließende Sicherungsverwahrung sind unfassbar hart. Gleichzeitig erleben wir regelmäßig, dass Nazis nach Gewaltexzessen gegen Linke auf Bewährung freikommen.
Uwe: In diesem Urteil hat sich die Klassenjustiz selbst völlig demaskiert.
TERZ: Wie übersteht einer elf Jahre Isolationshaft und ein Leben ohne die Aussicht, jemals entlassen zu werden?
Uwe: Thomas hat eine sehr große innere Stärke. Er ist ein sehr klarer, kämpferischer und ungeheuer intelligenter Mensch. Natürlich ist ihm die Unterstützung von draußen eine große Hilfe. Wichtig ist aber auch, dass er sich keine großen Hoffnungen macht auf eine Entlassung, sondern seine Situation illusionslos sieht. Erstaunlicherweise leidet er nicht unter den Langzeitfolgen, die die Isolationshaft bei vielen hinterlässt. Viele Betroffene zerbrechen ja psychisch und physisch daran.
TERZ: Wenn ihn eine Sozialtherapie aus dem Knast bringen könnte, warum lässt er sich nicht einfach zum Schein darauf ein?
Uwe: Das wäre für ihn eine Kapitulation und Anerkennung des Systems, das er ablehnt und bekämpft.
TERZ: Welche Unterstützung hilft ihm am besten?
Uwe: Jede Art von Solidarität ist gut, auch Briefe, die freilich alle kontrolliert und willkürlich weitergegeben werden oder auch nicht. Insgesamt ist öffentlicher Druck wichtig, das heißt, die Justiz muss wissen, dass alles, was dort geschieht, öffentlich wahrgenommen wird. Betroffen von Isolationshaft und Sicherungsverwahrung sind immer häufiger Leute aus dem linken Spektrum, gerade im Zusammenhang mit Verfahren im Umfeld des Paragraphen 129. Auch wenn wir das lieber weit wegschieben von uns, müssen wir uns klar machen: Es sind unsere Gefangenen und sie brauchen unsere Solidarität.