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Schweigen. Ein Mädchen (eindringlich: Birgit Stöger) liegt
auf der Couch. Sie ist schwanger. Sie ist allein. Und fühlt sich
einsam. Macht ihrem abwesenden Freund (Christoph Luser) Vorwürfe,
weil er nicht bei ihr ist. Dann kommt er. Und wird mit Vorwürfen
empfangen. Ihm sei alles egal. Seine Reaktion: Er liest. Liest wenn er
angesprochen wird, liest, wenn alle am Tisch sitzen, liest, wenn Besuch
kommt. Er rettet sich in das Buch. Und Rettung hat er nötig, denn
seine Situation - und die seiner Freundin nicht minder - ist trostlos
genug: Sie sind um die zwanzig, bekommen ein Baby, haben keinen Job, keine
Perspektive, keine großartigen Interessen und wissen auch nicht
so recht, was sie miteinander anfangen sollen. Sie sind zu den Eltern
des Mädchens geflüchtet, deren Lebenskonzept jedoch auch nicht
gerade überzeugend und nachahmenswert erscheint. Im Gegenteil: Sie
hat die Gesellschaft krank gemacht: Als körperliche und geistige
Invaliden humpeln sie auf der Welt herum. Der Vater (Peter Siegenthaler)
hat den herrschenden Leistungsdruck verinnerlicht, er kann nicht mehr
schlafen: "Nein, schlafen kann ich nicht, ich hab fast Angst davor,
ins Bett zu gehen." Die Mutter (groß: Marianne Hoika) ist geistig
verwirrt und kann sich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten. Die beiden
Eltern stellen die trostlose Lebensperspektive dar, die auch die beiden
jungen Leute erwartet.
"Mir geht es nicht um die Kritik an promisken Verhältnissen
in Norwegen", sagt Jon Fosse, "in denen Kinder von einem Elternteil
verlassen werden. Die Bilder der Leere, die ich schreibe, können
etwas über unsere Gesellschaft sagen, sie zeigen das jedoch implizit.
In dieser Hinsicht ist mein Schreiben durchaus ein kritischer Kommentar,
gewissermaßen politisch, wenn man so will."
Fosse setzt in seinem Stück die ganz normalen Jugendlichen des 20.
bzw. 21. Jahrhunderts in Szene: Leute ohne großartige Ziele, politisches
Bewusstsein oder gar Sendungsbedürfnis; solche, die "nichts
machen", die keine konkreten Zukunftsaussichten haben. "Die
Leute, über die ich schreibe, sind ein bisschen außenseiterisch,
aber nicht im sozialen Verständnis. (...) Ich kann allerdings sagen,
dass ich aus der Perspektive der Verlorenen schreibe", beschreibt
Fosse seine Hauptfiguren.
Der norwegische Autor erlebt derzeit einen wahren Aufführungsboom
an deutschsprachigen Theatern. Laut Süddeutscher Zeitung hat dies
etwas damit zu tun, dass Fosse "Archetypen der Moderne auf die Bühne
bringt, dabei aber jede psychologische oder soziologische Erklärung
verweigert." (SZ vom 12. 9. 2000). Das durch seine Knappheit bedeutungsvoll
wirkende Stück sorgt zusammen mit dem intensiven Spiel der DastellerInnen
für eine eindrucksvolle Aufführung.
JULIA
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