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Quo vadis, Antifa? |
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Die Düsseldorfer Linke stellt sich die Frage über Orientierung und Fallstricke antifaschistischer Strategie. In TERZ 9/00 wendete sich "Carl Zeland" gegen die Bündnispolitik des Antifa-KOK bei der antifaschistischen Demonstration am 5.8. in Düsseldorf. Durch Kooperation mit PDS, Grünen und SPD sowie durch Orientierung auf die Reste bürgerlicher Zivilgesellschaft, so Carl, mache sich die Antifa zur Fußtruppe des "guten Deutschlands" und verharmlose den etablierten Rassismus. Radikale Faschismuskritik und Bündnispolitik schließen sich nach Carl gegeneinander aus. In einer Entgegnung forderte "MAS" den Ausbau der Bündnisfähigkeit der Antifa mit bürgerlichen Parteien, Gruppen und Organisationen. Eine politische Verwässerung linker Kritik an dem etablierten Rassismus, so MAS, könne der Antifa nicht mit dem bloßen Hinweis auf ihre Bündnisarbeit vorgeworfen werden. "Daredevil" wiederum betonte, daß die Antifa sehr wohl radikale Politikansätze vertrete; allerdings im Reich des Möglichen. Mit "Germanicus" und "Lotte Weimar" werfen nun zwei weitere DiskutantInnen ihren Handschuh in den Debattenring. Weitere Beiträge erwünscht! |
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Genossen, die zum "Rassistenpack" gehören, und "längst
gescheiterte Figuren" hat Carl ins Visier genommen. Dafür bekommt
er es dicke von der Gegenseite: Den PDS-Stadtrat Laubenburg derartig niederzumachen,
sei eine "Frechheit", "Eklig" die Demaskierung des
Schriftstellers Ralph Giordano. Außerdem befinde sich Carl "in
würdiger Gesellschaft" mit dem "Neonazi Mechtersheimer". |
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Von MAS erfahren wir, dass Laubenburg und Giordano sich als hervorragende
Antifaschisten bewährt haben und folglich von harscher Kritik auszunehmen
sind. Wer es trotzdem tut, hat Übles im Sinn: "Er ist lediglich
an einer Diskredition erfolgreicher antifaschistischer Praxis in (pseudo-)
linksradikalen Kreisen interessiert ..." (Daredevil) |
Quod est demonstrandum |
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Was die Freunde der Antifa am meisten erregt, ist die
Vermutung, Carl wolle die Antifa-Bewegung sabotieren: "Giordano hat
sich die Verachtung von Zeland zugezogen, weil dieser zum Handeln, zur
Gegenwehr aufruft. Das will Zeland nicht; für ihn wird die faschistische
Bewegung nicht durch den Kampf besiegt, sondern er hofft, daß die
Sozialdemokratie aus Rücksicht auf das Verwertungsinteresse des internationalen
Kapitals doch die einheimischen Nazi-Mörder vom Morden abhalten."
(MAS) Hier wäre es angebracht, mal kritisch die Argumentation zu
prüfen, bevor man Carl des Verrats bezichtigt. Schön wäre
es doch wirklich, wenn Faschismus, Rassismus, Kapitalismus und Imperialismus
sich selbst erledigten und der Antifa-KOK sich am Krankenbett des Systems
- nach Sichtweise von Carl - als Antifa-AOK (natürlich in subversiver
Mission) bewähren könnte, ohne dass die Genossen sich dabei
die Köpfe einschlagen lassen müssten.
Nun sieht es danach jetzt leider wirklich nicht aus. Gerade in einer Zeit, wo der Kapitalismus den Kommunismus bis auf wenige Enklaven weltweit vernichtet hat, und - ob es stimmt oder nicht, jedenfalls schreibt Carl es so - selbst Politiker wie Bundeskanzler Schröder zu seinem "Laufburschen" macht, vom Sterbebett des Kapitalismus zu reden, ist schon ziemlich verwegen. Nun könnte man sich vorstellen, dass Carl sich mit seiner ungewöhnlichen Diagnose von der politischen Tribüne verabschiedet. Im Gegenteil, er wird auf einmal richtig kämpferisch. Und das kommt daher, weil er ein exklusives Anliegen verfolgt: Carl will die barbarischen Deutschen zivilisieren. Er denkt, die Deutschen seien von Haus aus ein ziemlich ungehobeltes Volk, dem die rechten (d.h. richtigen) Flötentöne beizubringen sind. Und da greift er nach jeder Pfeife, die sich ihm bietet. Alle, die nur irgendwann und irgendwie irgendwas gegen Deutschland veranstaltet haben, bekommen seinen Zuspruch. Da scheut er noch nicht einmal zurück, einen Kommunisten-Hasser wie Winston Churchill vor Kritikern in Schutz zu nehmen, weil dieser am Sieg gegen Hitler-Deutschland beteiligt war. Auch im Inland entdeckt Carl Bündnispartner. Das sind erstaunlicherweise die Großkapitalisten mit ihrem "Laufburschen", die auf Grund ihrer Rechnungsweise mit dem volkstümlichen Rassismus einige Probleme haben. Deren grenzenlose Suche nach Verwertungsmöglichkeiten ihres Kapitals und nach entsprechenden Lohnarbeitern übersetzt Carl in eine politische Strategie für Linksradikale: " ... dem Gerhard Schröder mangelt es an Courage, das, was er Deregulierung' nennt, in gleichbedeutende bürgerlich-demokratische Vokabeln zu übersetzen: Grenzen auf für alle! Aufhebung des Arbeitsverbots und Freizügigkeit für alle Asylbewerber, wie es der deutsche Hotel- und Gaststättenverband fordert. Doppelte Staatsbürgerschaft! Immer herein mit den polnischen Spargelerntearbeitern und den brasilianischen Fußballspielern, den indischen Computerexperten, den philippinischen Krankenschwestern und den portugiesischen Bauarbeitern. In diesen Fragen muß und kann die Antifa-Linke gegenüber ihren Bündnispartnern' unerbittlich hart bleiben. Sodann gilt es gleich nachzustoßen: Legalisierung aller Illegalen, wie es der amerikanische Gewerkschaftsverband AFL-CIO fordert - Nieder mit der fascho-proletarischen Bauarbeitergewerkschaft IG BAU! Gleiche Rechte für alle und Abschaffung des deutschen Blutsrecht! So könnte eine radikale Antifa-Linke vielleicht - wenn das überhaupt irgendwie möglich ist - bei einer kleinen Minderheit den völkisch-nationalistischen Kitt auflösen, der die deutsche Gesellschaft von dem Arbeitslosen über den Kapitalisten bis hin zum Nazi zusammenpappt." Den von allen Fesseln selbstbefreiten Kapitalismus feiert Carl. Die absolute Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, die Reduktion des Menschen auf die Verwertbarkeit für den kapitalistischen Betrieb idealisiert Carl im Sinne seiner Strategie. Dabei kümmert es ihn nicht, dass die beschäftigten Asylbewerber im Gaststättengewerbe oder die polnischen Spargelstecher mit einem Hungerlohn abgespeist werden und die brasilianischen Fußballspieler oder die indischen Computerexperten zu den Spitzenverdienern zählen. Mit so ordinären Dingen wie dem Klassenkampf hat Carl eben nichts am Hut.
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Die kämpferische Perspektive |
| Carl ist ein Propagandist des modernen Deutschlands.
Er verabscheut jegliche völkisch-nationalistische Traditionen auch
in den anerkannten bürgerlichen Institutionen. Widerlich findet er
sie, weil sie politisch rückständig sind. Das moderne Deutschland
muss weltoffen sein! Die Antifa mag Carl nicht. Er zerstört ihr Bild von Deutschland, das sie bedroht sehen von den ewig Gestrigen, den Glatzen, Faschos und Skins. Feinsinnig differenzieren die Antifaschisten darum zwischen den Mördern von damals und dem "rot-grün regierten Abschiebeland wie NRW" (Daredevil) nicht, weil die Agitation gegen faschistische Bestrebungen inhaltlich wie formal anders aussehen muss als gegenüber bürgerlich-demokratische Herrschaftsformen, sondern weil ihnen prinzipiell die bürgerliche Demokratie ganz gut gefällt. Lediglich auszusetzen haben sie daran deren angeblichen Drive nach rechts. Dieses den Bürgersleuten mehr oder weniger radikal auszutreiben, haben sich die Antifas zum Ziel gesetzt. Nun haben Regierung und Opposition das Anliegen der Antifas zu ihrem Programm gemacht. Das hat zu einem intensiven Grübeln in den Reihen der Antifaschisten geführt. (siehe Terz, 10/00, "Düsseldorf gegen Rechts") Irgendwie kümmern sich doch beide, Carl wie die Antifa, rührend um Deutschland! Hat es das verdient? Und wer hat den Nutzen davon? GERMANICUS |
Watt nu? |
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Bislang scheint sich - lassen wir einmal persönliche
Anwürfe und Empfindlichkeiten außen vor - die Bündnisfrage
vor allem am Problem der moralischen Integrität einerseits (CZ),
der Effektivität und Handlungsfähigkeit andererseits (D) zu
entzünden. Tatsächlich ist aber weder das Eine noch das Andere
in der Lage, die eigentlich dringenden Fragen zu klären: Was, nämlich,
ist die Antifa, wo will sie hin und wie will sie das schaffen. In welchem
Maße ist antifaschistische Aktion ein Ausdruck linksradikalen Bewußtseins,
d.h. des Wissens um die Existenz von Alternativen zur gegenwärtigen
Gesellschaftsordnung und des entschiedenen Wunsches, diese zu verwirklichen.
Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, wie das Bündnisproblem
zu klären ist. LOTTE IN WEIMAR |