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Drei
Wochen nach dem Brandanschlag auf die Jüdische Gemeinde, zwei Wochen
nach Beginn der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern
und unmittelbar vor den großen Samstagskundgebungen sprach die Terz
mit Esra Cohn, dem Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf
über die Auswirkungen des Gewaltaktes auf das Gemeindeleben, den
steigenden Antisemitismus, Lokalpolitik und extreme Rechte und über
den "Aufstand der Anständigen".
TERZ: Ein Journalist von der "Zeit" hat die Jüdische
Gemeinde in Düsseldorf unmittelbar nach dem Anschlag besucht und
schrieb, dass am Jom Kippur-Feiertag deutlich weniger Besucher in der
Synagoge waren, als sonst bei diesem Anlass üblich und dass viele
Eltern ihre Kinder aus Angst nicht mehr in den Kindergarten schickten.
Esra Cohen: Es trifft zu, dass an Jom Kippur ca. 20 % weniger Menschen
als sonst die Synagoge besuchten. Ob allerdings nur der Anschlag dafür
verantwortlich war, ist nicht ganz klar, denn es waren auch Herbstferien.
Es stimmt auch, dass ein Drittel der Kinder im Kindergarten fehlten. Das
hat sich inzwischen fast wieder normalisiert. Da haben die Ferien wieder
eine Rolle gespielt, aber der Anschlag hat sicherlich ebenfalls einen
Einfluss auf die Eltern gehabt.
TERZ: Der Anschlag fand am Vorabend des Tages der deutschen Einheit
statt. Letztes Jahr hat es in Berlin am 3. Oktober Grabschändungen
gegeben. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Wiedervereinigung,
einem erstarkten Nationalbewusstsein und einem wachsenden Antisemitismus?
C: Der steigende Antisemitismus hat mit der Wiedervereinigung nichts
zu tun - der steigende Rechtsradikalismus unter Umständen schon.
Dass der Anschlag auf die Gemeinde gerade an diesem Tag verübt wurde,
halte ich für einen Zufall. Ein gesunder Nationalismus ist in meinen
Augen nichts Schlechtes. In jedem Land gibt es das. Die Leute sollen zu
ihrem Land stehen. Aber es sollte ein Nationalismus sein, der zu dem Land
steht und nicht gegen andere.
TERZ: In der Woche vor dem Anschlag wurde Paul Spiegel eine Bomben-Attrappe
zugeschickt. Viele Jüdische Gemeinden erhalten antisemitische Hetzbriefe,
die Düsseldorfer auch?
C: Ständig. Es vergeht keine Woche, in der nicht ein anonymer,
antisemitischer Brief kommt, etwa mit dem Inhalt: "Haut ab von hier!"
TERZ: Sind es mehr geworden in letzter Zeit?
C: Nein, früher gab es solche Briefe nicht, aber seit drei,
vier, fünf Jahren ist ihre Zahl gleich geblieben.
TERZ: Mitarbeiter des Zentralrat-Büros sagten gegenüber der
FAZ, dass diese Briefe nach der Walser-Debatte ihren Charakter geändert
hätten und zunehmend ganz offen mit Namen und Absender versehen sind.
C: Es scheint leider so, als sei der Antisemitismus in vielen Gesellschaftsschichten
salonfähig geworden. Man kann wieder antisemitisch sein. Paul Spiegel
hat in einem Interview einmal von 20-30 % latenten Antisemiten gesprochen.
Auf einmal wachen sie auf und haben keine Angst mehr zu sagen, dass sie
es sind. Antisemiten gibt es auf der ganzen Welt, aber in Deutschland
ist es etwas anderes. Wenn ich in Deutschland mit meinem Käppchen
auf die Straße gehe, drehen sich die Leute um und schauen mich an.
Tue ich das in London oder Paris, schert das keinen Menschen. Es stimmt,
was die Berliner sagen. Heute bekommen wir die Briefe teilweise nicht
mehr anonym. Sie schreiben uns: "Wir sind Antisemiten". Wenn
jemand seine Meinung äußert - das geht ja noch, aber die Radikalität
... "Raus hier" ... das gibt es in anderen Ländern nicht.
Es wird gleich so brutal hier.
TERZ: Erwarten Sie vor diesem Hintergrund viel von dem "Aufstand
der Anständigen"?
C: Ich hoffe, dass es auf der Kundgebung am Samstag zu einem Aufstand
der Anständigen kommen wird und wirklich 20.000 Menschen erscheinen,
wie es in der Rheinischen Post stand. Das ist für uns ein Zeichen,
dass die Stadt zu uns steht, dass sie sagt: "Wir wollen bei uns in
Düsseldorf keine Rechtsradikalen haben". Ich sehe die Demonstration
als den Anfang einer Entwicklung. Aber es muss weitergehen.
TERZ: Kann man sich dabei denn wirklich auf einen Bürgermeister
Erwin verlassen, der vor alten Soldatenverbänden auftritt, die im
Verfassungsschutzbericht erwähnt sind, und der sich vor einem Vertriebenen-Verband
rühmt, verhindert zu haben, dass die Wehrmachtsausstellung nach Düsseldorf
kommt und der dabei mit dem Republikaner im Rat gemeinsame Sache machte?
C: Das ist schwierig zu beantworten, ob man sich darauf verlassen
kann. Im Moment haben wir das Gefühl, der Bürgermeister und
die Stadtverwaltung stehen zu uns. Sie sehen die Notwendigkeit, hier etwas
zu tun - den Eindruck haben wir. Auch wenn in der Vergangenheit Fehler
gemacht wurden wie diese Aussprüche, die uns sicherlich missfallen
haben. Augenblicklich aber sehen wir - und das ist mir das Wichtige: -
es hat sich etwas getan.
TERZ: Hat die Düsseldorfer Politik und Polizei das Phänomen
"Rechtsextremismus" in der Vergangenheit richtig eingeschätzt?
C: Nein, eben nicht. Ich meine, in der Vergangenheit hat man das
ein bisschen lasch gehandhabt, als ob man übersehen hätte, dass
sich hier etwas entwickelt. Ich schreibe das einer unnötigen und
falschen Naivität zu. Ich meine nicht, sie wussten was vorging und
wollten nichts machen. Es gab eine gewisse Nonchalance in dieser Sache,
und da sind sie jetzt aufgewacht. Sie tun was - sie tun noch nicht genug,
aber es ist ein Anfang.
TERZ: Aber gerade jetzt die Berichte über die zu stark belastete
Polizei, die nicht mehr rechtzeitig zu Unfällen kommen könne,
weil sie so viele jüdische Einrichtungen bewachen müsse ...
Die Polizei klagt über Personalnot und hofft auf mehr Stellen.
C: Die Polizei nutzt es aus, was ja verständlich ist. Wir
haben zur Polizei gesagt: Wir wollen Schutz für unsere Gemeinde und
für das Nelly-Sachs-Haus, unser Altersheim. Was darüber hinaus
geht, ist gut - z.B. werden 8, 10, 15 jüdische Friedhöfe bewacht
- aber wenn es Personalmangel gibt, dann sollen sie die Bewachung auf
die Gemeinde, das Altersheim und noch ein paar gezielte Sachen konzentrieren.
Bei den Friedhöfen kann man etwas lockerer lassen. Wir wollen die
Lebenden schützen und nicht die Toten.
TERZ: Obwohl diese Art von Abwägung zynisch ist.
C: Richtig, aber irgendwo muss man eine Abgrenzung machen. Was
ich nicht akzeptiere, ist der Umgang mit dem Schutz für die Gemeinde.
Überall werden sie permanent bewacht, in Frankfurt, in Berlin, in
München - und in Düsseldorf seit 3 Wochen ...
TERZ: Hat sich in der Jüdischen Gemeinde etwas verändert
seit dem Anschlag?
C: Das Leben der Gemeinde hat sich nicht verändert. Alles
läuft ganz normal weiter. Aber wir verschließen uns der Problematik
nicht. Sie erzeugt bei uns die Tendenz zu sagen: "Wir müssen
etwas tun". Deshalb haben wir uns auch aktiv an der Vorbereitung
der Demo beteiligt. Vielleicht ist das der Einfluss Israels, so etwas
wie im Dritten Reich wird nicht mehr passieren, die Juden werden kämpfen.
TERZ: Ruth Rubinstein vom Gemeindevorstand sagte, seit einiger Zeit
würden vor allem jüngere Juden ihre Zukunft nicht mehr in der
Bundesrepublik, sondern eher im englisch-sprachigen Ausland sehen.
C: Es gibt diese Tendenz, aber das hat auch mit beruflichen Chancen
zu tun und nicht unbedingt etwas mit dem Judentum. Es ist eine sehr kleine
Gruppe von Menschen, die sagt: Wegen der Verhältnisse in Deutschland
gehen wir weg. Ich bin aber sicher, dass es Eltern gibt, die gerne sehen
würden, dass ihre Kinder weggehen. Das sind immer verschiedene Dinge:
Ich kann mich kämpferisch geben und sagen, wir müssen etwas
tun, aber wenn es um meine Kinder geht, bin ich ganz vorsichtig.
TERZ: Wo leben ihre Kinder?
C: Meine Kinder sind im Ausland. Einer studiert Psychologie in
London, hat dort inzwischen geheiratet und wird wahrscheinlich dort bleiben.
Vielleicht aber auch nicht, wenn er hier einen guten Job kriegt. Der andere
ist wegen einer Forschungsarbeit drei Jahre in den USA und kommt dann
zurück.
TERZ: Auf der Kundgebung am Tag nach dem Anschlag haben Sie gesagt,
dafür könnten sowohl rechte wie linke Kräfte verantwortlich
sein. Das ist auf einigen Unmut gestoßen.
C: Das hat man nicht richtig verstanden. Ich habe gesagt, dass
ich gegen jeglichen Radikalismus bin. Ich habe das nicht ausführlich
genug gesagt. Es kamen Leute auf mich zu: "Kommen Sie, sagen Sie
schnell ein paar Worte!" Ich war nicht vorbereitet und habe wahrscheinlich
etwas Falsches gesagt. Aber ich bin im Prinzip gegen jegliche Art von
Radikalismus, linken, rechten, religiösen ...Wenn es so verstanden
worden ist, dass ich die Möglichkeit sehe, dass von Linken etwas
gegen die Jüdische Gemeinde gemacht worden sein könnte, dann
hat man es falsch verstanden. Ich bin absolut der Meinung, das ist nicht
drin.
TERZ: Finden Sie den israelisch-palästinensischen Konflikt in
den Medien richtig dargestellt.
C: Nein, die Ereignisse in Israel werden hier falsch aufgearbeitet.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Da veröffentlichen die Zeitungen ein
Bild, auf dem ein Mann mit einem Stock zu sehen ist. Vor ihm kauert blutüberströmt
ein Junge. Die Bildunterschrift lautet: Ein israelischer Soldat und ein
Palästinenser auf dem Tempelberg in Jerusalem. Wenig später
erhalte ich ein Fax von dem Vater des blutig geschlagenen Jungen, der
mir schreibt, wie es wirklich war. Der Israeli ist kein Soldat, sondern
Polizist. Er schützt diesen Jungen - Grossmann heißt er, stammt
aus Chicago und studiert in Jerusalem - vor dem palästinensischen
Mob, der ihn geschlagen hat. Die Tanksäule im Hintergrund - auf dem
Tempelberg gibt es keine Tankstellen, und wenn es welche gäbe, hätten
sie Aufschriften in arabischer und nicht in hebräischer Schrift.
Sehen sie, wie da manipuliert wird. Die Israelis machen dort auch Fehler,
aber man muss neutral berichten.
TERZ: Vielen Dank für das Gespräch
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