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GEBT GNADENBROT FÜR MEDIAJUNKIES! |
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Vor ein paar Wochen hatte ich von Benjamin v. Stuckrad-Barre nicht eine
Zeile gelesen. Wozu auch? Ich muss mich permanent um die Entsorgung von
multiplen Mediaschrott kümmern, und habe mir bestimmte Techniken
beigebracht, die stetigen "Wichtig! Wichtig!" skandierenden
Impulse der Kulturindustrie, ohne dass etwas hängenbleibt oder allzulange
beschäftigt, astralkörpergleich durch mich hindurchgehen zu
lassen. Jetzt wurde ein neues Buch von Radkapp-Ade angekündigt, "Black
Box", und das schnellte, mit einer 100.000er Auflage gestartet, natürlich
wieder sofort in die Verkaufscharts, und da ich wusste, dass sich die
Bücher von diesem Menschen wie geschnitten Brot verkaufen, machte
ich mich mal auf, um zu gucken, was der denn überhaupt so schreibt.
Ich wusste nur, dass es zum guten Ton gehört, ihn scheisse zu finden,
coole Leute kennen ihn eh nicht - ergo bin ich ab sofort uncool -, nur
die Doofen finden ihn gut. Eben die zig LeserInnen, die seine autobiographisch
erfundenen Bücher "Soloalbum", "Livealbum" oder
"Remix" aus den Läden kaufen. Also liess ich mir "Black
Box" schicken und begann die Lektüre standesgemäss beim
Scheissen. Bald legte ich das Buch weg, da ich doch die Ahnung hatte,
es hier mit jemand zu tun zu haben, den man früher "Modeschriftsteller"
nannte und bald wieder nennen wird. Zur Erinnerung: in den 80ern gab es
mal Peter Glaser, der schreibt heute noch irgendwo digitale Anekdötchen
für Zwischendurch, oder auch das sogenannte "Brat Pack"
aus USA, Janowitz, Ellis, McInnery, Leute, die sich vor allem durch einen
luxuriösen Zynismus und einen mitunter recht bemitleidenswerten Stil
auszeichneten, der schon damals häufig langweilte. Oder auch ein
Journalist und Zeitgeistzombie wie Moritz von Uslar, der mir letztens
beim Papierentfernen überraschend zwischen die Finger fiel, und der
im Spiegel 38 / 1994 auf S. 77 als Lebensziel "Sex mit Madonna"
angibt und auch sonst konsequent keine Gelegenheit auslassen will, sich
als "young senile person" (schöner Ausdruck von Andy Warhol)
zu profilieren, weil er doch alle Gutmenschen so schwer ärgern will.
Oder Wiglaf Droste, der notorische literarische Kinderschänder und
Hardcore-tabubreaker, dessen Provokationen so vorhersehbar sind wie das
Regelwerk einer Verkehrsampel, oder der aufregend onkelhafte Max Goldt.
Gerade letzteren beiden verdankt Benjamin Spucknapf-Ole, um den es ja
hier gehen soll, ziemlich viel. Denn auch er sucht sich natürlich
die unglaublich lohnenswerten und topaktuellen brandgefährlichen
Feindbilder aus: Birkenstockträger, Tigerentenfans, Esoteriker aller
Art, Beziehungshansel, Medien-dummis, Gutmenschen, eigentlich alle, die
gerade nicht so sind wie man selbst. Das kennen wir und sind eigentlich
zu müde zum Gähnen. Aber der Typ ist Phänomen und natürliches
Thema für viele: einige meinen, dass er auf ihre Hassliste zu kommen
habe, andere, von denen ich das nicht erwartet hätte, outen sich
als ganz selbstverständliche Leser, da ist es immer gut, mal eine
Lupe draufzuhalten, dann sieht das nämlich alles schon ganz anders
aus. Ich dachte bislang immer, wer ein Ziehkind des populistischen Poplers
Harald Schmidt ist, verdient eh keine nähere Betrachtung. Strickrupf-Achje
war nämlich mal einer von dessen Gagschreibern, nachzulesen in "Remix",
wo diverse Artikel für taz, Stern und andere gegenkulturelle Medien
noch einmal aufgekocht werden. Auch bei der FAZ landete der ehemalige
Rolling-Stone-Schreiber und Promoter des "Motor"-Labels folgerichtig,
aber nur, um bald wieder rauszufliegen. Danach ist er nach Berlin gezogen
und gibt den Medien-Punkrocker. Bösartig könnte man auch erwähnen,
dass er zudem auf Oasis und Robbie Williams steht, was einen Menschen
selten interessanter macht. Das ist aber alles eh uninteressant, und bevor
ihr Euch fragt, warum ich mich mit diesem Typen überhaupt abgebe,
seid beruhigt, denn das wollte ich ja selber erst herausfinden. So liess
ich mich mit Jan als Fotografen und Anstandswauwau - nicht dass ich Buback-Hochsee
noch heimlich zugejubelt hätte! - ins Zakk einweisen, wo der "Jungliterat"
und Vorzeige "Popschreiber" eine Lesung hofhalten wollte. Die
letzte war wohl ausverkauft gewesen, und der damalige Eintrittspreis von
10 / 12 DM war nun in kurzer Zeit auf sagenhafte 20 / 25 emporgeschnellt
- ein ziemlich uncooler Preis für eine Lesung, aber eben: Pop, und
es war natürlich brechend voll, die Leute standen von der Kasse bis
auf die Strasse. Das Publikum bildete sich aus Schnöseln und Normalos,
wenig aufregend, es roch irgendwie studentoid und nach RTL, so diese Mischung
halt. An den Wänden MTV und Amazone-Banner, das gibt gutes Extrageld
oder ein Busticket für Benni, und dann kam er auch schon: natürlich
im Punk-T-Shirt, ist ja alles Punk heute. Schnickschnack-Ichgeh legte
mit einem Text über einen jungen Mann vor, der 25.000 DM von seiner
Ex geschenkt bekommt, damit die grossen Fluchtträume hegt und in
die exotische Ferne jettet, dort aber nur Schwierigkeiten bekommt. Fazit:
das Gras ist anderswo nicht grüner und man nimmt sich ja immer mit.
Bald verwandelte sich der Abend in eine Gameshow: ein Fan wurde überraschend
von der Bühne aus angerufen (nicht da, die feige Sau), es gab Publikumsratespielchen,
eine junge Dame durfte den denkwürdigen Dialog "Alfred Biolek-Helmut
Berger beim Kochen" in verteilten Rollen mitlesen, dann gab es noch
eine lustige Solopassage aus Bergers Autobiografie (worin dieser auf einem
Ball in Monaco bei Tisch seinen weissen Anzug vollscheisst und dann stundenlang
ausharrt, bis er der letzte Gast ist), es gab "Blumfeld"-Kommentare
vom Band ("ein falscher Freund mehr, der nicht lockerlässt"),
ein Slavoj Zizek-Cover als Dia und hahahippe Spökenkiekereien mehr
- solchermaßen gab es also Show und Entertainment statt normaler
Lesung, und das Publikum liess sich ziemlich euphorielos, aber unbedingt
unterhaltungswillig mitziehen, ganz so wie Mutti und Pappi früher
bei der grossen Samstagabendshow. "Wahrscheinlich ist er der Held
der Abiturienten", maulte Jan, und ich zweifelte erst. Als die Zugabe
dann aber aus einer endlosen Variation von Abi-Slogans bestand, die Boskop-Achnee
mit dem Publikum aufs Gnadenloseste durchexerzierte, lag es wohl auf der
Hand. Die Unterhaltung dümpelte vor sich hin, bei mir zumindest.
Dass Viva-Moderatorin Enie van de Meiklokjes dumm sein soll - Huckepack-Wehweh
las es uns aus ihren Jetzt-Tagebüchern vor -, ja, was geht's mich
an, aber die Leute schien es zu interessieren, denn sie lachten ohne Unterlass,
animiert nicht zuletzt durch die Grimassierungen ihres 25DM-teuren Entertainers.
Seltsam auch der Impetus von Fickfack-Imschnee, auf eine Rock-Am-Ring
Veranstaltung zu gehen, und dort, oh Wunder, Schwachsinn und Verdammnis
zu finden. Au Backe, damit hätte ich da gar nicht gerechnet! Oder
er liest aus "Black Box" ein protokolliertes Selbstportrait
einer Schauspielerin, die wir alle für bescheuert halten sollen,
doch die erhoffte Preset-Ironie gelingt ihm sozusagen zero. Und sagte
Zu-Kack-Herrjeh nicht gar "Irony is over"? Ja aber er praktiziert
sie doch ohne Unterlass, oder? Und kann man Ironie nur mit Ironie beantworten?
Und ist Ironie nicht ein sicheres Indiz der Bourgeoisie? Und war das jetzt
ironisch gemeint? Fragen über Fragen, völlig indifferent und
eher gelangweilt verliess ich den Ort des Gesche-hens vorzeitig, um nicht
von Fanlawinen zertreten zu werden. Das riecht alles nach Fernsehshow,
dachte ich mir, bald oder später - der Typ will ins TV, das riecht
man, das stinkt förmlich. Da wäre er gut aufgehoben, denke ich,
denn ich habe kein TV. Zuhause bleiben die Bücher: in "Black
Box" findet sich noch eine ziemlich doofe Aufarbeitung der von der
Yellow-Press angedichteten Affäre mit Wochenshowkomikerin Anke Engelke,
und ich denke: was für ein Müll, wie da einer über sich
abdreht, nur tauglich für Media-Addicts. Aber viele Leute haben das
Abschalten eh verlernt und auch die Fähigkeit, mediale Prozesse einfach
zu ignorieren - sie abzuwerten wäre schon Energieverschwendung -,
das packen die meisten gar nicht und wollen es auch nicht. Und in der
sogenannten Freizeit geht's dann gleich weiter, auch hier: her mit den
tausend unwichtigen News, Gesichtern und Gedanken: Sucht nach Mediaschrott,
Sucht nach Abwertung des Mediaschrotts durch Vortänzer, Sucht nach
neuem Mediaschrott usw. - in dieser Pendelei geht das weiter, bis zum
letzten Hemd, das bekanntlich keine Taschen hat. "Remix" belegt
das: Das durchweg äusserst gut geschriebene und auch zu lesende Buch
ist wirklich sehr unterhaltsam, allerdings undenkbar ohne die gigantischen
Brüste der Übermutti Kulturindustrie, die stetig Dröppche
für Dröppche ihre Hardcore-schwachsinnsmilli an die Unmassen
der geistig Obdachlosen dieses Landes ausgibt. Und Lenkrad-Verdreh ist
der Rächer aller Nicht-Involvierten, der "none-&-neverever-VIPs",
der Medialand-Zaungäste. Für die haut Kasper mit der Rute auf
die Schlingels drauf: Westernhagen, Schrowange, Riemann, Grönemeyer,
Pur, Maffay - alles grosse Ziele, gewiss. Leider vergisst er dabei seine
eigenen Arschloch-buddies, Harald den 1. zum Beispiel, dem die Polenwitze
wohl erst wieder nach einem erneuten Überfall auf den Sender Gleiwitz
ausgehen werden, oder seine neoliberalen Schreib-Eiermannkollegen, die
irgendwie so gar keine aufregenden Themen geschweige denn Schreibe haben,
und nicht zuletzt wahrscheinlich sich selbst. Aber das ist auch gar nicht
wichtig, das alles macht echt gar nichts, wirklich nicht - lasst dem Junkie
seine Medien, gebt ihm die Gnadenbrötchen und geht ihr mal wieder
an die frische Luft. Weil, ich war da drin, und da hat es ja nun echt
gerochen. MARCUS |