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Ball & Birne, Slam & Poesie
"Seid ihr heiß, Düsseldorf?" brüllt Wehwalt
launig und mikrofonverstärkt in den großen Saal vom "zakk":
ein Heimspiel vor gutgefüllten Rängen im Alter zwischen 22 und
35 Jahren - im Unterschied zum Rheinstadion und zu den Akteuren auf der
Bühne sind etwa die Hälfte der Anwesenden Frauen. "Jeder
Poetry Slam ist ein moderierter Wettkampf in mehreren Runden bis zum Finale.
Das Publikum bildet die Jury und verteilt Noten von 0 für Wortmüll
bis 10 für Geniestreich. Die Vortragsdauer ist auf drei Minuten begrenzt."
(zakk-Info) Bei den Gruppen-Wettbewerben sind zehn Minuten erlaubt.
Im Saal sucht Wehwalt sich fünf Jury-Mitglieder zusammen: "Du
hast keine Ahnung? Du hast nie ein Buch gelesen? Hervorragend! Das qualifiziert
dich für die Jury!" Mein Sitznachbar wird als letzter von Wehwalt
ausgespäht und gefragt, was ihn denn zum Juror qualifiziert. - "Ich
hab Abitur!" antwortet tapfer der examinierte Jura-Student, der wie
ein paar andere, die ich deswegen anspreche, zum ersten Mal bei einem
Poetry Slam sind, "weil ich es im PRINZ gelesen habe."
Er bekommt die Benotungsblätter von 1 bis 10 überreicht und
eine kurze Unterweisung im beigefügten "Brief an die Jury":
"Bei einem Slam geht es anders als bei einem Buch, das Du liest,
nicht nur um den Inhalt. Bei jedem Slam geht es auch um die Kunst des
Vortragens."
Beim Gruppenwettbewerb kommt es auch auf die Abstimmung im Team und auf
das Zusammenspiel an. Zurecht finden die gutgemeinten, aber nicht aufeinander
bezogenen Einzelleistungen der Berliner keine Gnade. Und dann kommt Fußball,
und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Mein Sitznachbar und Jury-Jurist
geht sich ein Bier holen und drückt mir die Noten-Blätter in
die Hand. Ausgerechnet mir!
Habe ich nicht seit Jahren den Opportunismus der männlichen Kultur-Szene
gegenüber dem Fußball gegeißelt, um nicht zu sagen: bis
aufs Messer bekämpft? Ihre Anbiederung an Stollen und Grasnarbe,
ihr unsägliches Feuilleton-Geschwätz und das aufdringliche Bekenntnis
zur kaputten Folklore ihres Stammvereins?
Die Aachener treten an, die umjubelten späteren Sieger des Wettbewerbs,
mit einer grauenhaften Fußball-Nummer, mit Nietzsche und Hegel aufgemotzt.
Hinter mir grölen ein paar Fans - werden die mich erschlagen, wenn
ich jetzt die rote Karte ziehe? "Laß Dich durch eventuelle
Reaktionen aus dem Publikum hinsichtlich Deiner Wertungen nicht verwirren",
beschwört mich der Begleittext "an die Jury": "Bitte
bleibe bei Deinen Maßstäben."
Jetzt geht's los, denke ich und ziehe DIE FÜNF. "Buuuh",
tönt es aus dem Saal, dabei bleibt die niedrigste Wertung, meine,
genauso unberücksichtigt wie die höchste: Neun, Komma Null!
Die Begründung für das Verfahren, jeweils die beiden Extrem-Wertungen
zu streichen? "Du könntest ja mit einer der Slammerinnen oder
einem der Slammer verwandt sein." (Brief an die Jury)
Die Vorjahressiegerinnen treten an. Aus Tübingen. Im Trikot, das
sie am Schluß ausziehen und tauschen. Wieder eine Fußball-Nummer.
Doch der Text ist sophisticated, ebenso seine Inszenierung durch die drei
Frauen. Ironie, eine Parodie? frage ich vorsichtshalber meine Nachbarin.
"Das hoffe ich doch", meint sie. Und wir entscheiden uns gemeinsam
für DIE SECHS, eine glatte Note besser als die Aachener. In der Vorentscheidung,
erfahre ich, waren die Vorjahressiegerinnen noch viel besser, mit einer
Nummer, die nichts mit Fußball zu tun hatte. - Sag ich doch!
Aber was sag ich zu den Düsseldorfern, die trotz ihres Heimvorteils
von Wehwalt auch noch mächtig gepuscht werden? Eigentlich wollte
ich sie in den Mantel des Schweigens und der Nächstenliebe hüllen.
Aber wäre das nicht unfair gegenüber den anderen?
Nein, die Düsseldorfer bringen keine Fußball-Nummer. Sie stehen
auf der Bühne herum wie begossene Pudel und machen putzige Tier-Gedichte.
In den roten Trikots von Fortuna Düsseldorf, die sie sich von der
Firma Henkel haben sponsieren lassen. Einer von ihnen, Markim Pause, ist
bekennender Gladbach-Fan. Woher ich das weiß? Kaum eine Lesung läßt
er aus, um sein Publikum nicht mit diesem Bekenntnis zu nerven. Nun ist
hoffentlich Schluß damit, oder?
Eckhard Henscheid und Ror Wolf, die Poesie und Fußball einst bis
zur höchsten Vollendung betrieben, haben schon seit Ewigkeiten damit
aufgehört. Nick Hornbys "Fußball-Fieber" ist ein
Abschiedsbuch, ein Abgesang - könnt oder wollt ihr das nicht wahrhaben?
Es gibt zwar noch selige Jauchzer von den Unverbesserlichen, aber keine
Gratispunkte mehr, wenn man zum Slam im Fußball-Trikot erscheint.
Dabei wäre es ein leichtes gewesen für die Düsseldorfer,
sich als rochierende Vierergruppe zu positionieren und ihre Verszeilen
- wie einen imaginären Ball - untereinander kreiseln zu lassen: Spitze-Hacke-Kopf
und Tooor. Dann hätte ihr blödes Fortuna-Trikot wenigstens noch
Sinn ergeben. So wars der blanke Opportunismus. Und der wurde nicht honoriert.
Robby Göllmann und "Der Scherge" (André Bolten),
die beiden Düsseldorfer Lokal-Matadoren, eröffnen das Einzel-Finale
mit einem schönen musikalischen Intro (Saxofon und Drums). "Und
nun präsentieren wir Ihnen, verehrte Damen und Herren, Deutschlands
meistgeliebte ALPHA-SLAMMER" (Robby Göllmann) - klingt brutal.
Und "die Sieger" aus "mehr als 25 Städten" sollen
und wollen auch noch geliebt werden? Da hat einer wie Daniel mit der Baskenmütze
aus Stuttgart und seinem verzuckerten Stimmchen keine Chance. "WEICH-EI!"
brüllt ein Mordskerl neben mir, "Aufhören!" Ist Daniel
vielleicht schwul? "Nein, er hat seine Freundin dabei", höre
ich. "EINE MEMME ist er, egal ob schwul oder nicht." Die Brüll-Affen
und die Ober-Coolen mit der schneidenden Stimme imponieren & dominieren,
beim Publikum wie bei der Jury. (Wenn's herbe schmerzt und furchtbar dröhnt,
dann wird das Publikum verwöhnt.)
Jan Off, "aus der Braunschweiger Sonderschule", rechnet in seinem
Beitrag ab mit der Szene, die ihn hervorgebracht hat: "Hauptsache
lustig sein / und natürlich auch mal vom FICKEN reden / beim Nachwuchswettbewerb
gescheiterter Onanisten / Zwerge auf Plateauschuhen / die lieber in ner
Rockband spielen würden / als sich hier zu erniedrigen - beim Kleinkunst-Karneval
der Germanisten / Kurze Hose, Holzgewehr / Seit Jahren kein Geschlechtsverkehr
/ aber beim SLAM ein Spermagewitter entfachen / mit halbiertem Tennisball
in der Hose / Verklemmte Reformhausbesitzer zum Lachen bringen / Das Hirn
dabei lose miteinschnappen lassen / Die Fleischmassen zum Schwingen bringen:
Schlimm genug!"
Es kommt aber noch schlimmer! Nicht nur das Slam-Publikum kriegt sein
Fett ab: "Was sind das nur für Menschen", fragt Jan Off
mit böse erhobener Stimme, "die sich in die Jury schummeln?"
Und dann schlägt er zu: "Bärtige? - Phimose-Patienten?
- Phimose-Patienten mit Bart?! Studenten!! - Am Ende gar Bürger und
Rinnen? / die sich für belesen halten!" (Das Publikum jubelt.)
Wo hat er diese Bärtigen bloß her? Wo trifft er eigentlich
diese penetranten unvermeidlichen "Sozialarbeiter", außer
zum Beispiel in den Texten von Gerhard Henschel und Wiglaf Droste, wo
sie als bewährte Pappkameraden für eine snobistisch-ästhetisierende
Gratis-Kritik herhalten müssen?
Und die "verklemmten Reformhaus-Besitzer?" - Welche Macht haben
die über ihn und sein Publikum, daß schon ihre Erwähnung
brüllendes Gelächter auslöst? Ich dachte immer, die wären
so schneidig sauber und toff wie Jan Off. Oder riechen sie etwa nach Kernseife,
wie es das Klischee verlangt?
Ich weiß nicht genau, was in der Szene angesagt ist. Wenn ich "die
Sieger"-Typen, die's bis zum Endkampf nach Düsseldorf geschafft
haben, klassifizieren müßte, dann als charmant-herbe, coole
After-Shave-Benutzer mit Drei-Tage-Bart. - Längst out? Dann hört
mal zu:
"Ich liebte ein Mädchen aus Düsseldorf / das entdeckte
auf meinem Rüssel Schorf" Mit diesem Sing-Sang beginnt Jan Off
seine Performance, verlockt sein Publikum zum Lacher, um ihm dann eins
über den Nüschel zu geben: irgendwie ungut, finde ich. Und was
meinst Du dazu? "Helau Mutti! Das Kostüm schon gebügelt?
Die Schnittchen in Folie geschlagen? Durchbrochener Magen! Mal eben neben
die Brille gepißt! HEY EGAL! Endlich wieder Poetry Slam!" Spricht
hier nicht der enthemmte Spießer, der sich über die verklemmten
Spießer mokiert, die ihn bejubeln? Eine Parodie auf "die Macht
der Hausmeister" (Jan Off)? Ich möchte's ja gerne glauben. Aber
ich glaub's nicht.
Dieter Bott
(Autor von "Ball & Birne", VSA-Verlag Hamburg)
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