Die Linke und der Staat Israel
1. Wir schützen die Sowjetunion
Zu Zeiten der starken Sowjetunion haben die meisten kommunistischen Organisationen
den proletarischen Internationalismus (die weltweite Durchsetzung der sozialistischen
Revolution) den Idealen der friedlichen Koexistenz (die Förderung des friedlichen
Nebeneinanders der beiden Gesellschaftssysteme) untergeordnet, die für
die "freie Welt" so lange galten, wie die Sowjetunion sie militärisch
und politisch durchsetzen konnte und wollte. Das hatte oft Konsequenzen für
die theoretische Begutachtung der Verhältnisse und die politischen Konsequenzen.
Bisweilen wurden sogar soziale Befreiungsbewegungen von Seiten der Sowjetunion
und ihrer Anhänger blockiert oder bekämpft, wenn sie nicht in das
Konzept der angestrebten Weltordnung hineinpassten.
Noch vor 20 Jahren wusste der anständige Linke, wo seine eigentliche Heimat
war. Entweder lag sie in der Sowjetunion, vor die man sich als Bollwerk des
Sozialismus schützend zu stellen hatte, in China oder Albanien.
Durch diese Haltung handelte sich so mancher linke Kritiker in der "freien
Welt" einigen Ärger ein. Als 5. Kolonne wurde die KPD, später
DKP, denunziert, die Mitglieder vor den Kadi gezerrt und ihrer wirtschaftlichen
Grundlage beraubt. Die Vertreter des Hauptfeindes wollte man sich im eigenen
Land nicht leisten.
Die Zeiten sind vorbei. Mit dem Niedergang der sozialistischen Großmächte
verloren auch viele sozialistische und kommunistische Organisationen in der
anderen Hälfte der Welt ihren Rückhalt. In den Augen der siegreichen
Welt wurden die Linken uninteressant und werden lediglich noch als lästige
Störer oder Altlast behandelt.
2. Wir schützen Israel!
Die objektive Bedeutungslosigkeit bietet die Chance, abseits aller taktischen
Überlegungen sich einmal unbefangen ein paar vernünftige Gedanken
über die Welt zu machen. Denn einerseits haben alle "Heimatländer"
des Sozialismus - vielleicht mit Ausnahme Kubas - dichtgemacht und andererseits
werden die vom Imperialismus kontrollierten Staaten, wenn sie aufbegehren wollen,
einen Teufel tun, sich auf die Solidarität von Linksradikalen zu berufen.
Aber Heimatlosigkeit scheint für manchen Linken ein unhaltbarer Zustand
zu sein. So hat sich im Dunstkreis der Zeitschriften "konkret" und
"Bahamas" ein Grüppchen herangebildet, das ohne Wenn und Aber
aus dem Staate Israel ein -zwar noch unvollkommenes - Ideal einer angestrebten
Gesellschaftsordnung zusammengebastelt hat. Fast die gesamte übrige Welt
mit den islamischen/islamistischen Staaten an der Spitze gilt als verschworene
Gemeinschaft gegen das gelobte Land.
Solange die Kritik am Handeln der islamischen Staaten bzw. der Palästinenser
nicht umschlägt in plumpe Verteufelungen, können die besagten Anhänger
Israels durchaus einsichtige Argumente über und gegen die Feinde Israels
formulieren:
- Die Strategie der Selbstvernichtung palästinensischer Freiheitskämpfer
für die nationale Sache hat eben nichts mit sozialer Befreiung des Einzelnen
zu tun.
- Auch gelingt es den Freunden Israels zutreffend den nahtlosen Übergang
von der Propagierung sozialistischer Ideale zur islamischen Realität in
den Ländern des Nahen Ostens zu charakterisieren: "Der Islamismus
hat in unheimlicher Form beerbt, was der mißglückte Staatssozialismus
in den islamischen Ländern versprochen hatte. ... Islamismus ist schlechter
Sozialismus und somit populär. Was Antikommunisten immer schon teilweise
zu Recht dem Parteikommunismus vorwerfen, nämlich lediglich den Neid der
zu kurz Gekommenen zu mobilisieren, mithin nicht mehr als eine Bewegung zur
Vereinheitlichung der Not zu sein, hat der Islamismus zu höchsten Würden
gebracht." (J. Wertmüller in konkret 7/2000)
- Die Zusammenarbeit zwischen PLO und fundamentalisischen islamischen Organisationen
wird nicht nur nachgewiesen, sondern auch inhaltliche Übereinstimmungen
- zumindest wenn es um die "nationale Befreiung" geht - werden aufgezeigt
(vgl. Gespräch mit Abdallah Frangi, PLO-Vertretung in Deutschland, konkret
2/2001)
Die kritische Haltung, die diese Sorte von Linken gegenüber den Palästinensern
einnimmt, lässt sie vermissen, wenn es um die Einschätzung der Politik,
Gesellschaft und Ökonomie Israels geht. Dabei wird die Israel-Solidarität
nicht wie früher begründet: Verantwortung der Deutschen gegenüber
den Opfern des Faschismus (das würde auch nicht zur antinationalen Ideologie
passen), sondern auf einer abstrakten Ebene abgehandelt (vgl. Bahamas, 34-2001.
Erklärung der Bahamas-Redaktion: Für Israel - gegen die palästinensische
Konterrevolution).
Und das geht so:
Wollust ward dem Wurm und dem Bürger gegeben
"Jeder Versuch, die erbärmlichen Verhältnisse abzuschaffen, in
denen die Menschen heute zu vegetieren gezwungen sind, bezieht sich notwendig
auf das universalistische Glücksversprechen bürgerlicher Aufklärung
und ihrem historischen d.h.: revolutionären Höhepunkt am Vorabend
der Etablierung des vermeintlichen Paradieses auf Erden, der bürgerlichen
Republik. Dieses Glücksversprechen ist der selbstverständliche Einsatzpunkt
kommunistischer Kritik und bestimmt die Form und Richtung der Ideologiekritik
bürgerlicher Subjektivität." (ebd. S. 26)
Im Hinblick auf Israel heißt es: "Auf keine andere Gesellschaft fällt
so deutlich ein Abglanz des bürgerlichen Glücksversprechens ..."
(ebd. S. 28)
Und das kommt daher, weil "die Juden in der Diaspora sich ... fast automatisch
auf der fortschrittlichen Abteilung der alten Gesellschaften eingerichtet (haben),
in der egoistischen Hoffnung auf ein persönliches Fortkommen in Wohlstand
und ohne Verfolgung." (ebd. S. 27)
Fast hätten die Zionisten sich der Weltrevolution 1917 angeschlossen. Weil
die aber nicht ganz geklappt hat, musste der "Traum von der gerechten Gesellschaft
... in die zu schaffende Heimstatt übertragen werden, wo in der Tat eine
jüdische Staatsgründung in weltbürgerlicher Absicht gelang."
(ebd.)
Da aber bekanntlich Kommunisten was gegen Staaten haben, insbesondere die, die
auf der Grundlage einer waschechten kapitalistischen Ökonomie beruhen,
muss die Diagnose des israelischen Staates entsprechend ausfallen. Wir haben
es nämlich hier mit einem "künstliche(n) Staat mit seiner künstlichen
Gesellschaft" zu tun, dem "in aller Offenheit und aller Widersprüchlichkeit
noch etwas von der Möglichkeit auf Befreiung aus der kapitalistischen Vergesellschaftung
in aufhebender Hinsicht innewohnt." (ebd. S. 28)
Freiheit und Gleichheit für den produktiven Arbeiter: Kein Glück
sondern Pech
Schon recht merkwürdig erscheint es, wenn aus Israel ein Land gemacht wird,
das nur knapp am Kommunismus vorbeigeschliddert ist. Zu dieser Auffassung können
die Bahamas-Redakteure kommen, wenn sie das bürgerliche Individuum in Gegensatz
zu den ökonomischen Verhältnisse setzen, statt die Beziehung als eine
wechselseitige Bedingtheit aufzufassen.
Wenn Warenbesitzer sich gegenübertreten, sind Freiheit und Gleichheit Bedingungen
ihres Verkehrs. Was für den Einzelnen dabei herausspringt, hängt unmittelbar
mit dem Wert der Ware und deren stofflicher Qualität zusammen. Und da macht
es einen ziemlichen Unterschied, ob man als Käufer der Ware Arbeitskraft
diese zur Mehrwertproduktion vernutzt, oder als Besitzer der Ware Arbeitskraft
sich auf dem Arbeitsmarkt als "Freier und Gleicher" verkaufen muss.
Für Letzteren sind Freiheit und Gleichheit eher Fluch als Segen.
Die bürgerliche Ideologie, die besagt, dass jeder seinen Marschallstab
im Rucksack trage und die gleichen Chancen habe, mit den in der kapitalistischen
Gesellschaft zugeteilten Mitteln Wohlstand und Glück zu erarbeiten, stellt
sich als schlichte Lüge heraus.
Darum macht es keinen Sinn, die Lügen der bürgerlichen Gesellschaft
von der materiellen Grundlage zu trennen und diesen dann systemtranszendierende
Eigenschaften zuzuschreiben. Wenn man es dennoch tut, kann so etwas herauskommen,
wie man es bei den Bahamas-Leuten liest.
Und daran hat der "junge Marx" (Bloch) auch eine gewisse Mitschuld.
Darum hat der späte Marx seine frühen Schriften auch der "nagenden
Kritik der Mäuse" überlassen.
"Was die Herren von den bürgerlichen Apologeten unterscheidet, ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche, die das System einschließt; auf der andren der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen, und daher das überflüssige Geschäft vornehmen wollen, den ideellen Ausdruck selbst wieder realisieren zu wollen, da er in der Tat nur das Lichtbild der Realität ist." (Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 160)
www.terz.org - 29.10.2001