Wer mit wem gegen was? - Kuriositäten von der Anti-Kriegs-Front
Die Front der Kriegsgegner/innen in der BRD, zu denen sich auch die TERZ zählt, beschränkt sich nicht auf das Spektrum linker "Vaterlandsverräter": Auch Nationalismus, Antiamerikanismus und antizionistisch verbrämter Antisemitismus machen sich Luft in den Protesten - Anlass also zur notwendigen Ziehung von Trennungslinien...
Düsseldorfer Kuriositäten
Zum "Tag X" der Bombardierung des schon vorher zerstörten
Afghanistans hatte neben dem "Düsseldorfer Friedensforum" auch
der Antifa-KOK zur Anti-Kriegs-Demonstration mobilisiert, was aufgrund des Zerfalls
- oder besser: der Wandlung zu Menschenrechtskriegern - der ehemals friedensbewegten
"Zivilgesellschaft" unter quantitativen Gesichtspunkten ein Armutszeugnis
antimilitaristischen Bewegungspotenzials offenbarte. Doch auch andere Dinge
sollten Anlass zum Nachdenken geben: Die Friedenswünsche einiger Protestierenden
scheinen nur für Angehörige bestimmter Staaten zu gelten, für
andere nicht. So zogen Antifas, die gegen die Militarisierung der Innenpolitik
sowie zunehmenden Rassismus protestierten, einmütig mit Solidaritätsbekundungen
für "das afghanische Volk" demonstrierenden MLPDlern, antiimperialistische
Parolen skandierenden Trotzkisten und in Begleitung von Stadtabgeordneten der
Grünen durch die Innenstadt. Widerspruch hingegen erfuhr eine kleine Schar
Demonstrant/innen mit einem Transparent "Solidarität mit Israel",
die zugleich Flugblätter mit "kritischen Fragen an die Friedensbewegung"
verteilte, in denen auf die Gefahren einer weltpolitischen Isolierung und Existenzbedrohung
Israels sowie auf den manifesten Antisemitismus in der islamistischen Ideologie
hingewiesen wurde - ein Affront gegen die Demonstration? So jedenfalls sahen
es einige Vertreter des DKP-dominierten Friedensforums, die sich sogar nicht
entblödeten zu versuchen, jene "kritischen Interventionisten"
mit Kommentaren wie "Ihr widersprecht dem Charakter dieser Demo" des
Feldes zu verweisen und dazu gar noch die anwesende Bullerei nach alt-stalinistischem
Gusto à la "Wir sind hier die Veranstalter und bestimmen die Inhalte"
(in quantitativer Präsenz ähnlich den DKP-Wahlergebnissen ca. 0,3
% der Demonstrant/innen) bemühten. Aufgrund der Intervention von Vertreterinnen
des Antifa-KOK geschah dies nicht, und der Antifa-Kok schob zudem eine Erklärung
an das Friedensforum nach, in der er solche Vorgehensweisen als nicht tolerierbar
kennzeichnete. Klassisch-dogmatisches ML-Sektenverhalten, so könnten man
& frau also kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, wäre da nicht
noch der Gegenstand der Empörung - Israel. Denn warum bei sich links gerierenden
antiimperialistischen Demos ewig wiederkehrend Solidarität mit afghanischen,
serbischen, kolumbianischen, palästinensischen und sonstwie- "Völkern"
skandiert werden kann, während dies Israel augenscheinlich verwehrt wird,
bedarf einer genaueren Betrachtung.
Antiamerikanismus & antizionistischer Antiimperialismus auf links gedreht
Jene vom Friedensforum veranschaulichten Abwehrreflexe haben ihre Ursache
im ideologischen Frontdenken eines klassischen ML-Antiimperialismus, dessen
ideologische Orientierungen auf Lenins alte Imperialismusdefinition zurückgehen.
Warnte jener Revolutionsstratege allerdings noch zugleich vor gefährlichen
Auswüchsen diverser Nationalismen, so banalisierten und reduzierten seine
(post)stalinistischen Epigonen den ML-Antiimperialismus in der Nachkriegszeit
unter veränderten weltpolitischen Verhältnissen auf die Verherrlichung
nationaler Befreiungsbewegungen und transformierten zugleich auch das "revolutionäre
(Volks-)Subjekt" in den Nahen Osten. Dort war inmitten althergebrachter
feudalistischer Clanstrukturen arabisch-moslemischer Prägung aus zionistischen
Siedlungsprojekten mit der Staatsgründung Israels nach Zerschlagung des
Faschismus eine "nationale Heimstätte" für die Überlebenden
der Shoa geschaffen worden, die im arabischen Raum massiv bekämpft wurde.
Nach dem Rückzug anfänglicher sowjetischer Unterstützung blieb
jenem jungen (und anfangs mehrheitlich sozialistisch orientierten) Staat nichts
anderes als der Rückgriff auf das Unterstützungsangebot der imperialistischen
Großmacht USA übrig, um sein Überleben zu sichern, - eine der
weltpolitischen Machtkonstellation geschuldeten Wendung, die Israel spätestens
seit dem 6-Tage-Krieg 1967 aus Sicht des ML-Antiimperialismus zum besonders
verwerflichen "zionistischen Brückenkopf des US-Imperialismus"
machte und dessen Vernichtung mit der PLO-Solidarität westlicher Linker
versteckt bis offen terroristisch proklamiert und angestrebt wurde. Die veränderte
politische Weltkonstellation der Blockkonfrontation, bei der seitens der USA
die - ebenfalls statt kosmopolitisch-revolutionär gleichfalls rein national-machtstrategisch
operierende - SU zum "Reich des Bösen" erklärt wurde, Trikont-Diktaturen
unterstützt oder installiert und jegliche linke Befreiungsbewegungen massiv
bekämpft, unterdrückt und zerschlagen wurden, machte die USA als imperialistische
Zentralmacht aus linker Sicht zum Symbol weltweiter Unterdrückung. Zu oftmals
handfesten politökonomischen, geo- und militärstrategischen Argumentatationsmustern
gesellten sich allerdings auch zunehmend ganz unmarxistisch kulturalistische
Verklärungen sowie - versteckt in verqueren Analogien - Versatzstücke
völkischer und antisemitischer Phraseologien: Der Antiamerikanismus - ursprünglich
eher kennzeichnend für die völkisch/antimoderne Kulturkritik der Rechten
- etablierte sich im linken Weltbild als analoge Konstante eines antiimperialistischen
Dualismus. Die "Yankees" waren nicht nur "internationale Völkermordzentrale",
"Bestie" des Imperialismus, sie waren fortan zugleich "Kulturimperialisten",
die den unterdrückten "Völkern" neben Dylan & Hendrix
auch noch ihre "Hollywood"- , "McDonalds"-, "Coca-Cola"-
und "Wall Street"-Ideologie aufpflanzten und jene "anderen",
"eigenen", "natürlichen" und zugleich irgendwie mehr
"ursprünglichen" Kulturen dem Joch des Kulturimperialismus unterwarfen,
welcher einen besonders perfiden Ausdruck in dem kosmopolitischen Netzwerk des
US-Imperialismus und da besonders der New Yorker "Judenlobby" habe.
Lenins Finanzkapitalismus als höchstes Stadium sowie Schaltzentrale des
kapitalistischen Imperialismus fand in jenem Denken seine kulturalistisch gedeutete
Personifizierung in New York, Stadt des imperialistischen Glanzes und Protzes,
der Banker, Finanzjongleure, "Wall Street und Judenlobby". Ermöglichte
fortan der kulturalistisch verklärte Antiamerikanismus schon Anknüpfungspunkte
an die Rechte sowie deren sich antiimperialistisch gerierenden völkisch-ethnisierenden
Nationalismus, so forderte der daran anknüpfende Antizionismus im ML-Antiimperialismus
antisemitische Stereotype und nationale Feindbildprojektionen geradezu heraus:
Der "Brückenkopf im Nahen Osten" des personifizierten Hauptfeindes
steuerte nicht nur im antiimperialistischen Weltbild die "imperialistischen
Bestie", sondern gerierte argumentativ gar zu einem "künstlichen
Gebilde" - was in Realität jeder Staat ist - , welches die "ursprünglichen"
Staaten - was "Palästina" unter nationalstaatlichen Gesichtspunkten
nie war - unterjoche; der ML-Antiimperialismus wurde damit tendenziell kompatibel
mit dem völkischen Antiimperialismus wie zugleich auch irgendwie mit den
"Protokollen der Weisen von Zion" - Yankees und Juden unterjochen
die Welt freier Völker.
Daher war es logisch, dass im Jahre 2001 nach einem bisher in seinem nicht-staatlichen
Ausmaß noch nie dagewesenen Terroranschlag in den USA auf der bisher größten
Anti-Kriegsdemo in Berlin Leute unverdroschen mit einem Plakat rumlaufen konnten,
auf dem stand: "Zuerst die Terroristen bestrafen, die Dresden, Hamburg,
Hiroshima,, Korea, Vietnam, Libyen, Irak & Jugoslawien zerbombt haben!"
- da scheint wohl wirklich nur noch ein erneuter amerikanischer Einmarsch helfen
zu können. Gleichfalls logisch ist, dass dogmatische ML-Gruftis in Düsseldorf
derart reflexartig auf die gezielt gelegten Fallstricke antideutsch gesinnter
Mitdemonstrant/innen hereinfallen: Nicht nur deren Scharon-Verherrlichungen
missfallen jenen antizionistisch/antiamerikanistischen ML-Antiimps; es ist traurigerweise
schon allein die Bekundung der "Solidarität mit Israel", dessen
Existenz angesichts der aktuellen weltpolitischen Kriegskonstellationen real
bedroht wird, die das Düsseldorfer Friedensforum derart provoziert, dass
vor einer solchen "zionistischen Bedrohung" gar nach dem deutschen
Schutzmann gerufen werden muss.
Rest in peace, but - please - under an other table...
... auf rechts gedreht
Die noch lebenden Nazis und ihre geistigen Enkel sind - tendenziell ab Verseuchungsgrad
REPs -ebenfalls nahezu geschlossen zur Anti-Kriegs-Front übergetreten.
Sie haben den Amis noch nie verziehen, was sie Volk und Führer angetan
haben und den Juden nicht, dass einige überlebt haben und jetzt noch Entschädigung
fordern. Was schon während Golf- und Jugoslawienkrieg erkennbar war, vollzieht
sich nun nahezu geschlossen im Nazi-Hirn: Angesichts der kriegerischen "imperialistisch-zionistischen
Weltverschwörung", die zum Armaggeddon führe, wird zum Endsieg
der "freien Völker" geblasen. Antiamerikanismus und Antizionismus
sind dort Chiffren wahnhafter eliminatorischer Vernichtungswünsche gegen
"Jawe-Kult", "Blutsauger", "feige Mörder",
"Kinder- und Völkerschänder" sowie Coca-Cola und Negermusik.
In Ermangelung eigener ausreichender Vernichtungskapazitäten wird trotz
pathologischem Rassismus der ehrfürchtigen Verehrung für PLO-Guerilla
und Muselmanen-Todestrieb Ausdruck verliehen - Kai Diesner mutiert in Walhall
zu Ussama bin Laden. Wo der pathologische Vernichtungswahn derart offenbar wird
wie bei NPD-Horst Mahler und "nationalem Widerstand", ist jedem Menschen
mit einigermassen ausgeglichenem Gefühlshaushalt klar, dass da nur noch
das Kantholz, finaler Rettungsschuss oder zumindest sofortige Verbannung ins
islamistische Paradies (im Iran haben die ersten westlichen Holocaust-Leugner
schon "politisches Asyl" erhalten) helfen können, denn in der
Nazi-Szene tummeln sich die Sprengsätze von morgen. Schwieriger wird's,
wenn die Argumente des "nationalen Widerstandes" sich in Presseerklärungen
mit Apellen an deutsche Soldaten zu desertieren und Anti-Kriegsrhetorik von
linken Flugblättern schwer unterscheiden lassen, wenn Argumente von Leuten
wie dem neurechten Vordenker Alain de Benoist in der "Jungen Freiheit"
(Nr. 39/01) sich nicht mehr von antiimperialistischen ML-Pamphleten unterscheiden.
Okay - von Ethnopluralismus als Heilslehre wird bei letzteren noch nicht so
deutlich gesprochen, aber in der Anti-Imp-Strategie besteht mittlerweile fast
argumentativer Konsens. Die im Juristenjargon verfassten Völkerrechtsbelehrungen
aus den braunen HNG-Nachrichten ("Hilfsorganisation für nationale
politische Gefangene", 11/01) in punkto US-Verurteilungen scheinen auch
identisch mit denen anderer Freund/innen politischer Gefangener, deren Star
Ilich Ramirez Sanchez - als "Carlos" berühmt geworden - jüngst
erklärte, dass "antiimperialistische Zusammenhänge" schon
seit dem Golfkrieg eine Flugzeugattacke gegen das "imperialistisch-zionistische"
New York geplant hätten und seiner Bewunderung für die Islamisten
Ausdruck verlieh - da scheint wirklich zusammengewachsen zu sein, was zusammengehört.
... auf Allah gedreht
Eigentlich, - so könnte die Göttin der Vernunft hoffen, bedarf es
in der TERZ keiner tieferen Erklärung mehr, warum Djihad- Ideologie und
Fatwa-Proklamationen nicht unterstützenswert sind; auch nicht, dass die
Islamisten keine linken Antiimps, sondern Frauen-, Kommunisten-, Amerikaner-
und Judenhasser sind. Und auch nicht, warum der terroristische Massenmord kein
"Widerstand" in Tradition eines linken Antiimperialismus in dessen
emanzipatorischem - marxistischem - Sinne ist. Wenn jedoch zur Kenntnis genommen
werden muss, dass gar eigentlich so kluge Köpfe wie die italienische feministische
Kommunistin Rossana Rossanda sich in "il manifesto" zum Antiamerikanismus
bekennen und analog dazu noch jenen Terroranschlag als "Widerstand"
deklarieren, dann wird es wohl nicht lange dauern, bis dieses Statement demnächst
in der "Jungen Freiheit" oder der Neonazi-Frauenzeitschrift "Triskele"
nachgedruckt wird - versehen mit der Kommentierung: "Das haben wir schon
immer gesagt." Und dann, tja - dann kriegen wir wirklich Probleme mit der
Zurückweisung totalitarismustheoretischer Kampfansagen, weil uns langsam
endgültig die Gegenargumente ausgehen.
Antideutscher Zivilisationsfetischismus
Zurück nach Düsseldorf: Die "kritischen Demonstrant/innen"
auf jener Demo nennen sich "Antideutsche"; sie wollten mit dem Mittel
der "self-full filling prophecy" real provozieren, was angesichts
der anwesenden ML-Gruftis natürlich prima geklappt hat. Dabei scheint es
jedoch weniger um die durchaus berechtigte und notwendige Forderung nach Schutz
des Existenzrechtes Israels zu gehen, sondern vielmehr um den identitätsstiftenden
Beweis, dass alle Linken Antisemiten sind. Und weil die Antifa, aus der die
meisten der noch jungen "Antideutschen" kommen, das mit dem sekundären
Antisemitismus immer noch nicht begriffen hat und "nur den Nazis hinterherläuft",
haben sich die jungen Moralisten entschieden, nun mit USA&Israel in den
heiligen Krieg gegen die hiesige Antifa zu ziehen. Entgegen ihrer vordergründigen
Verehrung für Adorno wird daher die "Dialektik der Aufklärung"
mit Füßen getreten und statt dessen in die Fußstapfen des gealterten
Hans Magnus Enzensberger getreten, der schon im Golfkrieg zur Rettung des Vaterlandes
den Führer in den Irak beamte. Dabei tangiert die "Antideutschen"
der logische Widerspruch zwischen Fischer-Verteufelung wegen dessen infamen
Auschwitz-Vergleichs im Jugoslawienkrieg bei gleichzeitiger Unterstützung
der unter deutscher Beteiligung sich vollziehenden kriegerisch-imperialistischen
Neuordnung nur peripher. Hauptsache: "Zivilisation gegen die Barbarei der
Kameltreiber und Antifas" und "Deutschland is scheisse"; der
Rest erschließt sich dann irgendwie von selbst. Man & frau müssen
dazu nicht erst die nur noch zum Kopfschütteln anregenden Ergüsse
aus der "bahamas" studieren, um erkennen zu können, dass auch
mit proklamiertem Antideutschtum der Austritt aus der Linken und die verzweifelte
Suche nach einem warmen Eckchen hinter dem Ofen im bürgerlichen Wohnzimmer
metropolitaner Wohlstandsprofiteure angetreten werden kann. Okay - geschenkt,
wir kennen das aus den Biographien deutscher Nachkriegs-Revoluzzer zu Genüge
und angesichts bestehender Verhältnisse ist so etwas emotional durchaus
nachvollziehbar, denn Anerkennung und Nestwärme sind Teil menschlicher
Wesenszüge - auch wenn der arme Theodor Wiesengrund sich angesichts solcher
Epigonen kräftig im Grabe wälzen wird. Aber wir setzen ja schließlich
immer noch mehr auf's Diesseits des Lebens. Fies hingegen ist es vielmehr für
die Juden, die vielleicht real mitbekommen, was für ein Schindluder mit
dem Antisemitismus-Ticket in deutschen Sektenzirkeln betrieben wird, denn: Es
scheint traurigerweise in einer linken Zeitung noch einmal betont werden zu
müssen, dass nicht alle Juden Scharon-Verehrer, Zionisten, Linke oder Rechte,
Gute oder Böse, Heilige oder Unheilige sind, sondern schlicht Menschen,
wie alle anderen auch.
What's left?
Wohl zunächst mal mit den Leichen im linken Keller aufräumen, was
das Verständnis von Antisemitismus und Antiimperialismus betrifft. Ansonsten:
Solidarisch & sozialistisch gegen Ausbeutung und Unterdrückung und
für eine Gesellschaft jenseits des kapitalistischen Wertprinzips. Angesichts
bestehender Verhältnisse heisst das natürlich: antiimperialistisch,
antinationalistisch, antirassistisch und - logisch! - antimilitaristisch.
Auf der Basis gibt's viel zu tun und den Rest klären wir dann durch "work
in progress"...
www.terz.org - 29.10.2001