TUTE BIANCHE
Am 6. Oktober fand im HINTERHOF (dem neuen Linken Zentrum in Düsseldorf)
eine Veranstaltung mit einem Vertreter der Tute Bianche aus Mailand statt. Die
Resonanz war erstaunlich, die knapp 100 Leute passten kaum ins Café.
Inzwischen ist eine rege Debatte (siehe http://www.Indymedia.org) im Gange,
die auch ein wenig die Diskussion bei der Veranstaltung widerspiegelt. Aus Sicht
eines der Veranstalter zeigte sich die hiesige Linke nicht in der Lage, über
ihren eigenen Tellerrand hinweg zu schauen. Anstatt sich erstmal auf die möglicherweise
Unverständnis produzierenden Kategorien wie Zivilgesellschaft, Mediation
u.ä. einzulassen bzw. ggf. einfach nachzufragen, welche politische Strategie
dahinter stecken könnte, wurde der Referent der Tute Bianche auf den heißen
Gesinnungsstuhl gesetzt. Mit den ersten Fragen gab es auch gleich die Feuerprobe:
Seid ihr nun gegen den Kapitalismus oder nicht? Arbeitet ihr nicht mit den Reformisten
der Rifondazione zusammen ... usw.?
Diese bibelfesten Linksradikalen, die ja hierzulande so unglaublich viel Bewegung
auf die Beine und die Straße bringen, sahen sich offenkundig nicht in
der Lage, die Verhältnisse außerhalb ihrer kleinen Welt und deren
politische, sozialen und kulturellen Geschichte sowie Entwicklung nur ansatzweise
in ihre Bewertungen mit ein zu beziehen.
GIDEON
INTERVIEW mit einem Vertreter der TUTE BIANCHE am 6.Oktober 2001
TERZ: Bitte stell' erst einmal die Tute Bianche vor. Wie sind sie entstanden
und welches waren die Aktivitäten der Tute Bianche?
TB: Die Tute Bianche sind im Jahre 1994 entstanden und zwar nach der Räumung
des Leoncavallo in Mailand (eines der Centri Sociali). Sie sind zum ersten mal
in der Demonstration nach der Räumung sichtbar geworden und wollten mit
den weißen Overalls (Tute Bianche) die sogenannten Unsichtbaren in der
Gesellschaft repräsentieren. Dieses Vorgehen basiert auf dem Symbolismus;
und diesen haben wir in den folgenden Jahren beibehalten. Anfangs haben wir
zu den Themen Arbeitslosigkeit und Zeitarbeit (den sogenannten Prekärarbeitsverhältnissen)
gearbeitet und in diesem Zusammenhang auch zum Existenzgeld und der Tobin-Tax.
Wir haben auch Kampagnen für die kostenlose Nutzung des öffentlichen
Verkehrs, des freien Zugangs zu kulturellen Veranstaltungen / Einrichtungen
durchgeführt. Für die Bewegung war es wichtig, den Zugang aller zu
kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen zu erkämpfen, sowie annehmbare
Preise für CDs und Bücher durch zu setzen. Die Tute Bianche haben
großen Aufwind erhalten nach den Aktionen der Anti-Globalisierungsbewegung
in Seattle. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Bewegung der Auseinandersetzung
um Globalisierung und Neoliberalismus geöffnet.
TERZ: Mit welcher Politik habt ihr diese Ziele (also z.B. Fahrpreise/Zugang
zu Kulturveranstaltungen) durchgesetzt?
TB: Als Beispiele für die Aktionen können genannt werden, dass wir
Züge besetzt haben (treno verde), mit denen dann freie Fahrten ermöglicht
wurden. Die erste internationale Zugbesetzung war z. B. die gemeinsame Fahrt
nach Amsterdam 1993 zu der großen Demo. Bei Konzerten und anderen kulturellen
Veranstaltungen haben wir Spruchbänder entrollt, um darauf hinzuweisen,
dass solche Veranstaltungen für alle zugänglich sein sollten. In Mailand
haben wir als symbolische Aktion Bustickets nachgedruckt und Busse besetzt.
Dies sind alles Aktionen, die sich gut vermitteln lassen und symbolischen Charakter
haben.
Jetzt haben sie in Verhandlungen mit der Bahn erreicht, dass zu Demonstrationen
Züge eingesetzt werden, die die Anreise zu einem niedrigen Preis erlauben.
Für die Hin- und Rückfahrt z. B. nach Prag zum WTO Treffen brauchten
die DemonstrantInnen aus Italien umgerechnet nur 50,- DM bezahlen.
Die Tute Bianche haben sich dann generell auf das Thema Bürgerrechte gestürzt
und eine Kampagne gegen ein Sammellager für ImmigrantInnen initiiert. In
dieser Kampagne ist die Idee des zivilen Ungehorsams geborenen, die die alte
unüberwindbare Dichotomie einer autonomen gewalttätigen Politik und
einer rein pazifistischen Politik überwinden sollte. In Triest bei einer
Demonstration sind wir zum ersten mal geschützt gegangen, ohne offensive
Gerätschaft mitzuführen. Mit dieser Demonstration haben sie die Schließung
des Sammellagers erreicht. Das gleiche wurde 1999/2000 bei einer großen
Demo von 10-15000 Leuten in Mailand erreicht. Das Sammellager in der Via Corelli
ist zumindest bis heute geschlossen.
TERZ: Es gibt an einigen Orten in Italien TUTE BIANCHE-Gruppen, die mit örtlichen
Verwaltungen zusammenarbeiten. Wie sieht der Spagat zwischen eigener Unabhängigkeit
als antagonistische Bewegung gegen den Kapitalismus und andererseits einer Zusammenarbeit
mit Stadtverwaltungen aus?
TB: In der Zusamenarbeit mit Institutionen sehen wir die Möglichkeit, Projekte
zu realisieren, die auch eine gewisse Radikalität besitzen. Als Beispiel
sei hier das Projekt für Immigranten erwähnt. Es zeigt sich immer
wieder, dass wir in kommunalen Strukturen dialogbereite Partner finden, wo sich
dann solche Projekte durchführen lassen, die wiederum tatsächlich
zu einer konkreten Verbesserung der Lebensbedingungen führen. Das ist immer
ein Teil unserer Ziele gewesen, für eine konkrete Verbesserungen der Bedingungen
in der Stadt selbst zu kämpfen. Als antagonistisch verstehen wir uns nach
wie vor: gegenüber dem Neoliberalismus. In der Zusammenarbeit mit Institutionen
sehen wir erstmal nur einen Versuch.
TERZ: Ihr habt vor den Protesten die Bevölkerung von Genua z.B. über's
Internet gefragt, was sie von euren Aktionen hält und wie sie darüber
denkt bzw. was sie vorschlagen würde. Wie sehen die Erfahrungen damit aus?
TB: Die Erfahrungen mit den Befragungen sind durchaus positiv gewesen, auch
wenn wir gemerkt haben, dass das auch seine Grenzen hat. Für uns war es
interessant, diese neue Methode auszuprobieren, was vor allem eine neue Möglichkeit
ist, Leute direkt einzubinden. Es gibt kein Politbüro, das entscheidet,
sondern die Leute werden direkt gefragt und können auch am Entscheidungsprozess
teilnehmen. Das ist ein Mechanismus, bei dem wir uns vorstellen können,
dass er auch in Zukunft weiter verwendet wird, nicht nur in Bezug auf Demonstrationen;
auch für andere Kampagnen. Das war eine der interessantesten Erfahrungen
aus unserem Umgang mit den Zapatisten. Und wir können uns desweiteren vorstellen,
dass solch eine Methode auch in Europa Erfolg haben kann. Dies ist ein Bespiel
dafür, wie etwas aus einem lokalen Kampf auf andere Zusammenhänge
und in einen globalen Rahmen übertragen werden kann.
TERZ: Du hast in deinen Ausführungen davon gesprochen, dass ihr mit
eurem Konzept des zivilen Ungehorsams an Grenzen gestossen seid. Wie sehen diese
Grenzen aus und welche Schlüsse zieht ihr für die Bewegung?
TB: Ziviler Ungehorsam ist möglich als Praxis, solange es Formen der zivilen
Mediation gibt. In Genua gab es diese Form nicht mehr. Wir haben uns in Genua
vor einer miltärischen Situation befunden; in einer militärischen
Auseinandersetzung mit dem Staat und hatten überhaupt kein Interesse an
einer militärischen Auseinandersetzung. Unser Plan ist eine politische
Lösung. In den Diskussionen, die in den Sommermonaten geführt wurden,
haben wir gesehen, dass wir den zivilen Ungehorsam nicht bloß als Praxis
auf der Strasse ansehen können, aber dass wir die Formen multiplizieren,
dass wir mehr Phantasie entwickeln müssen, um neue Formen des zivilen Ungehorsams
zu erfinden. Besonders jetzt, wo wir uns mit einem neuen Krieg konfrontiert
sehen, der wahrscheinlich auf uns zukommt. Die Diskussion ist eine offene, ohne
Dogmatismus.
TERZ: Was vermutest du: Werden die Ereignisse von Genua die junge Anti-Globalisierungs-Bewegung
eher zurückwerfen oder nach vorne bringen?
TB: Die Bewegung hat sicherlich ihre breiteste Ausprägung in Genua gefunden.
Noch kann man gar nicht sagen, wie es in der Zukunft weiter gehen wird. Das
hängt seht stark von der Bewegung ab und wie es ihr gelingen wird, sich
in der Gesellschaft zu verankern und deutlich zu machen, dass sie ein anderes
Konzept von der Welt hat. Es hängt auch sehr davon ab, ob die lokalen Sozialen
Foren sich verankern können. Alles weitere muß die Bewegung zeigen!
TERZ: Sind die Ereignisse in Genua ein singulär italienisches Phänomen
(Regierung unter Beteiligung der Faschisten) oder war es eine zu erwartende
Entwicklungen gewesen, angesichts des Vorgehens z.B. in Göteborg und Prag?
TB: Da kommen sicherlich zwei Sachen zusammen, und beide sind gleich wichtig
und gleich wahr. Auf der einen Seite gab es in Italien einen Regierungswechsel,
wo die Kräfteverhaltnisse neu definiert wurden. Für uns hat das bedeutet,
dass es keinen Raum mehr gibt für Mediation. Insofern sind die Verhältnisse
neu definiert worden.
Genua hat den Höhepunkt der Bewegung bezeichnet. Die Signale für ein
solches Vorgehen lassen sich sicherlich auch in Göteborg, oder auf italienischer
Ebene in Napoli sehen. Beides muss jedoch im Zusammenhang betrachtet werden.
Es gibt eine Verantwortlichkeit, einen Grund, eine Motivation auf nationaler
Ebene. Aber das war nur möglich mit Zustimmung internationaler Regierungen.
Insofern war es eine Mischung von beiden Aspekten.
TERZ: Inwiefern stehen die letzten Repressionsangriffe damit im Zusammenhang? Wie werdet ihr damit umgehen?
TB: Es zeichnet sich jetzt ab, dass es eine neue Repressionslinie gibt. Und
zwar ist das Ziel, das Konstrukt der Banden, der kriminellen Vereinigung durchzusetzen.
Das zeigt sich in den Haftbefehlen der letzten Wochen, aber auch in der Anklage
gegen Lucca Cassarini (einem der Sprecher der Tute Bianche).
Aber das, was wir machen wollen, ist nicht ein Kampf, der sich auf die Repression
beschränkt. Wir denken, dass wir so weitermachen müssen wie bisher,
weil das die beste Form der Verteidigung ist. Wir müssen eine Kraft entwickeln,
die uns erlaubt zu sagen, dass wir eine politische Kraft sind und dass wir als
solche wahr und ernst genommen werden.
www.terz.org - 29.10.2001