comict.o.t.t.
Es soll ja wirklich noch Comicbegeisterte geben, die Thomas Ott,
den Meister des Schabekartons, nicht kennen. Selber schuld. Nun gibt es eine
(allerdings nicht ganz billige) Möglichkeit, die Bandbreite und das Schaffen
des Schweizers kennenzulernen.
Durch die Schabetechnik bedingt bestehen die Bilder nur aus reinem Weiß
und Schwarz. Die hohen Kontraste gleicht Ott mit seiner filigranen Technik aus.
Gerade der geschickte Einsatz von Licht und Schatten erzeugt eine beängstigende
Atmosphäre in seinen Bildern. Dazu passen die Charaktere, die in der Regel
Outlaws der Gesellschaft sind. Ott zeigt uns eine Albtraumwelt. Aber Ott ist
weit entfernt davon, nur negativ zu sein. Er beschreibt sich selbst als "positiv
denkender Pessimist oder ein negativ eingestellter Optimist". Treffender
kann man seine Arbeiten nicht beschreiben. Die Menschen sehen aus, als hätte
man ihnen die Haut abgezogen und sie nur noch aus rohem Muskelfleisch bestünden.
Die Tiefe seiner Zeichnungen zieht den Betrachter förmlich in das Bild
hinein.
Das Album zeigt eine Retrospektive seiner Einzelzeichnungen, die in Deutschland
größtenteils noch nicht veröffentlicht wurden. Seiner zunehmenden
Bekanntheit ist es zu verdanken, dass dieses Album großzügig gestaltet
ist und mehrsprachig erscheint.
Genau das Richtige, um sich zu Weihnachten schenken zu lassen um an kalten,
trostlosen Wintertagen die Bilder zu genießen und sich ins Ott Albtraumwelt
zu vertiefen.
MEIKEL F
Thomas Ott: t.o.t.t., Edition Moderne, 112 Seiten für 47,50 Euro
comicDer XX. Himmel
Lang, lang hat es dann doch gedauert, bis der sehnsüchtig erwartete zweite
Band nun endlich erschien. Der unter dem Pseudonym Yslaire arbeitende Zeichner
Bernard Hislaire strebt mit seiner als Trilogie angelegten Geschichte eine Verbindung
zwischen Comic und Internet an. Es ist jedoch weniger ein Cybercomic, sondern
eine Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert.
Eva Stern ist - gemeinsam mit dem Jahrhundert - im Jahre 1900 geboren. Kurz
vor Ende des Jahrtausends erhielt sie im März 1998 eine auf den 31. Februar
datierte E-Mail von @nonymous. Die E-Mail enthält keinen Text, sondern
lediglich Fotos mit Datums- und Ortsangaben. Es folgen weitere E-Mails mit Bildern
von Orten und Personen des Jahrhunderts: Lenin und die Oktoberevolution in Russland,
Auschwitz, zwei Weltkriege, Marilyn Monroe, die erste Mondlandung, der Vietnamkrieg
und viele weitere Stationen. Die Psychoanalytikerin erkennt darin aber immer
wieder Verknüpfungen zu ihrem eigenen Leben und zu dem ihres schon lange
verschwundenen Bruders Frank. Von wem stammen diese mysteriösen E-Mails?
Kommen sie von einem Engel oder doch von Frank?
Auch im zweiten Band hören die E-Mails nicht auf und erinnern sie an ihre
Jugend. Doch nicht nur sie erhält mysteriöse E-Mails, sondern auch
eine ehemalige Clique von Hippies, die mittlerweile Karrieren als Gentechniker
und Astronomen gemacht haben. Und sie haben Evas Bruder Frank definitiv noch
getroffen.
Es ist zu hoffen, daß es nicht wieder so lange bis zum dritten Band dauert,
denn nun ist man noch viel mehr gespannt, wie die Geschichte ausgeht.
Faszinierend hat Yslaire die Geschichte in Bilder umgesetzt und miteinander
verknüpft. Der Text braucht die Bilder aus den Tiefen des Jahrhunderts
nur noch zu kommentieren. Und so kann man sich gänzlich den Bildern hingeben.
MEIKEL F
Yslaire: Der XX. Himmel, Bd.2, Erinnerungen an 1999
Carlsen Verlag, 60 farbige Seiten für 18 Euro
www.terz.org - 24.9.2002