Das sah nicht gut aus: Zurück zum Beton, Zurück zum Punk, und dann
auch noch eine Fehlfarben-Reunion. Aber Peter Hein & Co. sind dann doch
kein Club der alten Säcke, und ihre neue Platte "Knietief im Dispo"
ist wirklich gut.
Sie waren die ersten Deutschpunks in Anzügen und liebten es, zu verwirren.
Statt stumpfer Punkrock-Bierseligkeit und ebensolchem Bewusstsein profilierten
sich Düsseldorfs very own Fehlfarben im klar abgezirkelten Raum zwischen
Stinknormalität, Working-Class-Elitismus und Punk-Fan-Rausch als Nachfolgeband
der legendären "Charleys Girls" und "Mittagspause"
1980 mit ihrem - übrigens 20 Jahre später als Longseller vergoldetem
- Debutalbum "Monarchie und Alltag" durch ein geschliffen scharfes,
an die Mods der 60er Jahre erinnerndes Stilbewusstsein in Sachen Musik und Auftreten.
Sie changierten gekonnt zwischen herumtollender Kumpels-Spaßband und ernsthaft-profihaften
Herausforderern der gesamten Plattenindustrie und setzten dem bald auftretenden
"Neue-Deutsche-Welle"-Wahn ein für deutschsprachige Popmusik
damals wie heute einzigartiges Musikmodell, einer Haltung zwischen sarkastischem
Witz, visionärer Poesie und handfestem Realismus entgegen. Die Fehlfarben
waren klare Charakterköpfe. Druckvoll, energetisch, präzise und punktgenau
sowie gedanken- und gefühlsverloren fanden die Sieben Töne und Worte
für eine Zeit, die damals noch zwischen der bleiernen Schwere der 70er
Jahre und dem zwangshedonistischem Aufbruch der 80er Jahre zu hängen schien.
Und ausgerechnet "Es geht voran!", ein von der Band eher weniger geliebter
Song, brannte sich bei der damals massiv auftretenden Häuserkampfbewegung
ein - kein damaliger Demo-Lautsprecherwagen ohne diesen Tune! Der offene, treffsichere
und vor allem unpeinliche Umgang der Band mit der deutschen Sprache wurde später
Vorbild für einige Bands der sogenannten Hamburger-Schule, die den Fehlfarben
auch in Sachen selbstbewusstem Auftreten eine Menge verdanken. Doch nach der
ersten Tour stieg der charismatische Sänger und Texter Peter Hein aus -
ihm wurde der ganze Rummel zuviel, und er hatte keine Lust, seinen ganz spezifischen
Lebensstil für ein Herumkaspern auf der Bühne für falsche Freunde
zu opfern. Schon damals wurde ihm dafür vorgeworfen, sich dem flächendeckenden
Erfolg gezielt zu verweigern, doch Hein war das egal: lieber behielt er seinen
Job als Sachbearbeiter beim Kopiermaschinenhersteller Xerox bei - eine sehr
seltsame, aber letztlich auch clevere wie plausible Version von "integriertem"
Punk, der sich so keinen Erfolgszwängen oder dem Erwartungsdruck von Industrie
und Fans beugt - und begeisterte sich als Nichtautobesitzer (aber ehemaliger
Carrerabahnfahrer) an der Klasse vornehmlich älterer Sportwagenmodelle.
Die Heinlosen Fehlfarben hielten sich als Hoffnungsträger mit Geschmack
und Bewusstsein wacker mit noch zwei Alben, aber 1985 war die Luft endgültig
raus, die Deutschpunklegende am Ende, und die publikumswirksameren Spaßmacher
der NDW wie Hubert Kah und Markus dafür längst in die Charts eingestiegen.
1992 dann floppte "Die Platte des himmlischen Friedens" kolossal -
kein Mensch interessierte sich für die Fehlfarben in einer Zeit, als Techno
und Elektro die Dinger waren, auf die alle Hoffnungen für einen popkulturellen
Neustart projeziert wurden. 2002 geschieht das Unglaubliche: nach 22 Jahren
haben sich die Fehlfarben in Originalbesetzung - nur Schlagzeuger Uwe Bauer
wollte nicht mehr - noch mal zusammengetan und mit "Knietief im Dispo"
(Wonder / !K7) ein Album vorgelegt, das so frisch und klar wie ehedem und doch
punktgenau auf der Höhe der Zeit klingt, ohne sich einen Jota an diese
anzubiedern. Die Fehlfarben stehen nicht im Verdacht, auf den immer noch medienmassiven
wie plumpen 80er-Jahre-Retro-Zug aufspringen zu wollen, wie ein stilvoll älter
gewordener, aber immer noch spitzbübischer Peter Hein und ein professionell
und mit leidenschaftlicher Gelassenheit agierender Kurt Dahlke, Chef der legendären
Düsseldorfer AtaTak-Studios und musikalischer Mastermind des Comebacks,
versichern. Und auch "Verschwende deine Jugend", Jürgen Teipels
letztjähriger unvermeidlicher Doku-Roman zu den Anfängen der "wahren
Neuen Deutschen Welle", war keinesfalls Anstoß zum Comeback. "Wir
sind ja eigentlich DAF", kann sich Hein da einen ironischen Seitenhieb
auf das jüngst reformierte Ex-Starduo der NDW, die Deutsch Amerikanische
Freundschaft, nicht verkneifen. "Ernsthaft: wir hätten diese Platte
auf jeden Fall gemacht!", sagt Janie bestimmt, der wie jede andere Fehlfarbe
noch seine eigenen Bandprojekte, vor allem die notorischen Family Five, verfolgt
(beim Anti-Stoiber-Song der J.Zensiert Explosion war er übrigens auch mit
am Start). "Was hier zählte", ergänzt Pyrolator-Dahlke,
"war der Kick beim Musikmachen, an den jeder im Bandkollektiv anknüpfen
kann". Was ist das - langer Atem? Durchhaltevermögen? Dahlke: "Spaß
und uralte Freundschaft. Da ist nichts von außen gesteuert." Hein:
"Du machst sowieso immer was, und das ist einfach eine andere Form des
Machens." Mit ihrer Musik stehen die Fehlfarben eindeutig im Hier und Jetzt.
Die Stücke bestechen durch klare wie clevere Arrangements und Zeilen, in
denen sich trotzige Eleganz und sarkastischer Biss kraft- und gefühlvoll
paaren. Düsseldorf's Schnöselmaschine bekommt genauso ihre Packung
wie der unangebrachte und nervende Zeitgeist-Zwangsoptimismus - da ist Janie
lieber schon mal wieder Spielverderber: "Sieh nie nach vorn" - was
soll das, immer optimistisch nach vorne zu gucken, wenn's da gar nix zu sehen
gibt? Immer anders machen, und noch'n Saft. Die Fehlfarben haben Punk immer
jenseits aller Klischees verstanden und gelebt. Ihr Punkbegriff als eine ganz
bestimmte "Haltung der Gesellschaft gegenüber" hat, so Hein,
viel mit dem klassischen Mod-Motto "Clean living under difficult circumstances"
zu tun: sauber und korrekt zu leben, auch unter schwierigen Bedingungen. Nur
so können eigener Stil, Klasse und Bewusstsein entstehen. Gibt's für
Euch heute etwas dem damaligen Punkbegriff Vergleichbares in der aktuellen Jugend-
und Popkultur, seht ihr eine neue Kultur der Straße? Hein: "Ich weiss
nicht, wo die sich rumtreiben, wenn die so OK sind, wie wir uns damals vorkamen.
Ich seh' sie nicht auf der Straße derzeit, sie zeichnen sich nicht durch
etwas aus. Oder sie sehen nicht so interessant aus, dass ich mich frage: Oh,
was machen die bloß?" Pyrolater sieht die ganze Sache, wenn überhaupt,
eher undercover und stärker in Richtung politischem Bewusstsein gehen -
Anti-Globalisierungsbewegung und die Folgen. Abgehakte Revivals interessieren
auf jeden Fall nicht die Bohne, befindet Peter Hein und schließt kategorisch:
"Keine Anbiederung."
HONKER
www.terz.org - 29.10.2002