Das Jahr schreitet unwiderruflich seinem Ende zu, die Musik dazu wird auch
nicht besser - Ha! Caught in the November-Mood! Hier der creem of da crop, das
nächste Mal wieder mit wissenschaftlichen Reagenzglas-Analysen, versprochen
1. LASSMA FASS BASS AUFMACH'N!
BURNT FRIEDMAN & THE NU DUB PLAYERS: FUCK BACK (Nonplace)
Fangen wir bei diesem Sauwetter mit sonniger Musik an, denn Bernd hat in der
Tat das Bass-Licht für uns gesehen, und jetzt lässt er schön
scheinen. 4 relaxte und witzige Neodub-Brenner, beim Titeltrack gar mit Oldiekünstler
Theo Altenberg, der früher zu Otto Mühls Wahnsinnskommune gehörte
und sich den Frust drum nun von der Seele brüllt.
V.A.: CREATIVE MUSICIANS Perfect Toy)
Das brandneue Label aus München lässt nach der Wahl noch Hoffnung
für den Süden zu...Funk und Soul bis zum Abwinken, Selector war Rare-Groove-Spezi
und DJ Florian Keller. Heiße Scheiße in allen Moods, motzen unmöglich.
V.A.: CREAM OF THE BOSWORTH LIBRARY SESSIONS (Strut)
Strut mal wieder
Library Music sind alte Soundscape-Tracks für Film,
TV und Radio, und hier sind 18 selten-seltsame Schätze der 70er zu heben.
Filetstücke für Exotika und Easy-L-Freaks, gewisse Bassgrooves mitunter
sehr zwingend.
PEVEN EVERETT: STUDIO CONFESSIONS (Genuine)
Neues Londoner Label, spezialisiert auf Soul und Black-Styles. Everett, aus
Illinois nach NY und zurück, spielt 11 Instrumente und macht edlen Streetsoul
mit R&B, Jazz- und HipHop-Wissen, der D'Angelo-Fans entzücken könnte.
VENUS MALONE: PRETTY ON THE INSIDE (Groove Attack)
Hier die weibliche Variante, smart, aber ungleich taffer. Die Innenvenus aus
Columbus, Ohio, bringt beseelten R&B und honigsüßen HipHop auf
den Plan. Damit's auch Kopfnicker-Props gibt, dreht auch mal Fat Jon am Regler.
DJ DSL: # 1 (G-Stone)
DSL, der alte Tiefleger, lässt auf 12 Kochplatten nix anbrennen ... ob
er Commercial Breakup, Komeit oder das Peace-Orchestra remixt, Kool Keith und
Motion Man das Mike hinschmeißt oder die Beginner sampelt: das Ergebnis
ist lupenreiner HipHopPop, geschmackssicher und manchmal entsprechend öde.
MOTION MAN: CLEARING THE FIELD (Threshold)
Hier geht Motion Man selbst ran und reißt mit LA-Produzent Kutmasta Kurt,
E-40, Biz Markie, Planet Asia und eben Kool Keith im Tekken-Style fett das Maul
auf. Die Raps reden ohne Ende und horten Worte, die Tracks werden aber nicht
automatisch interessanter: wer die sissy rappers sind und was die bitches alles
so machen, nu ja, das wissen wir doch langsam alles ... dürfen wir jetzt
weitergehen?
SKHOOL YARD: A NEW WAY OF THINKING (Threshold)
Hmmm
Räusper ... auch hier wenig Fortentwicklung
wer die
No.1-Crew an der Westküste ist, interessiert eigentlich nicht nur mich
herzlich wenig ... die Bauart der meisten Tracks des Vierers aus Fresno, California,
feat. Planet Asia ist viel zu eindimensional, und der neue Denkweg entpuppt
sich Ruckzuck als Einbahnstraße. Je mehr Youngster nachwachsen, desto
mehr müssn se betteln.
KRUMB SNATCHA: RESPECT ALL FEAR NONE (D&D)
Eididei, und jetzt auch noch der hier: Krumb wird als Superpuper gehandelt,
dabei verbrät er nur sattsam bekannte HipHop-Klischees, wenn alle seine
Soldaten marschieren. Frauen kommen in dieser verschwitzten Männerwelt
eh nicht vor, außer sie dürfen 'n bisschen im Refrain knödeln.
Die Welt ist ein Knast, und Protector Guru nervt auch mal mit seinem ewigen
Gang-Shit. Kein Funken Humor, dafür Tatoos am Hals und Kampfhunde auf der
Brust ... Krumbs Streetstyle atmet die Gewalt der Projects, wer's immer noch
braucht, zugreifen ...
V.A.: ICE-T PRESENTS WESTSIDE (Obsessive)
Haha! Und hier kommt der ganze Scheiß her, ladies & gentleman! Motherfuckin
Ice, der erste Gangsta-Rapper - da können andere noch so labern - präsentiert
auf 2 CDs 29 Westküstenklassiker von 1987 bis 2001 (ohne Sozialarbeiter).
Ja, da gehen Knospen der Erinnerung auf, und wenn Onkel Ice am Ende der Geschichtsstunde
interviewt wird, gibt's auch noch was zu lachen!
LEWIS PARKER: IT'S ALL HAPPENING NOW (Melankolic)
Als Erfrischung für zwischendurch: smartruffer HipHop von der Insel mit
total gutem Ryhmeflow, typisch britisch, und im November regelrecht die Rettung.
2. MACH LICHT AN, BEVOR DU STOLPERST, STROMFRESSER!
V.A. : MORVERN CALLAR / O.S.T. (Warp)
Im Soundtrack zu Lynne Ramsays neuestem Film treffen Can auf Aphex Twin, Hazlewood
/ Sinatra auf Lee Perry und die Velvets auf Stereolab und Ween: das Mixtape,
das ein Typ seiner Freundin hinterließ, bevor er Selbstmord beging.
V.A.: MAS CONFUSION (!K7)
Wie das so ist mit einem Label wie Musik aus Strom: die Demos häufen sich
kistenweise, und keiner hat Zeit zu releasen ... die beiden Käsköppe
von Funckarma überzeugten Michael "Funkstörung" Fakesch
und spielten Perlentaucher: dark, verträumt, spooky, abstract, aber meist
melodiös - tatsächlich more music than math! Superschöne Compi
für den Spätherbst.
ALEK STARK: HIGHWAY TO DISCO (Disko B)
Rockt, kann man nicht meckern. Aber: Vocoder, Linn-Drums, analoge Synths und
80ies Elektro-Style galore - ist langsam mal gut? Spanien (Madrid und Barcelona)
als Homebase des Labelbetreibers (StarWhores) müsste mehr zu bieten haben!
Null innovativ und bald sehr öde. Plus grottenschlechtes Cover.
A1 PEOPLE: THE YELLOW ALBUM (Hydrogen Dukebox)
Auch hier der Blick nach hinten: haben wir schon wieder 1992? Aber der romantische
Robo-Funk des Brit-Trios pulsiert wenigstens leicht in die Zukunft.
SQUAREPUSHER: DO YOU KNOW SQUAREPUSHER? (Warp)
Hier gibt sich wenigstens noch einer die Mühe, von der Gegenwart in die
Zukunft zu produzieren. Kamikaze-Beats, extrem geil, total unnötig allerdings
das "Love will tear us apart"-Cover - Totalaussetzer. Zudem nur 30
Minuten. CD 2 entschädigt mit Live in Japan: weirder Scheiß, aber
Scheiß-Sound.
TED MINSKY: MADAME LE TED
(Angelika Köhlermann)
Zwiespältige Sache. Feines Label von Potuznik, tolle Ideen, aber nicht
immer spannende Umsetzungen. Elektro-Chansons, dreisprachige Texte, und jede
Menge komische NewWaveIdiome. Die Frage "Björk oder Nena" ist
berechtigt. Basically toll, besonders natürlich Tracks wie "Spezialfall
Duisburg".
LOW RES: BLUE RAMEN (Plug Research)
Der große Low Res! Füttert seinen hungrigen Laptop nach wie vor mit
Salsa und Free Jazz und erstellt die mitunter besten freigeistig-elektronischen
Textürchen dieser dunklen Tage. Lasst ihn nicht als Kritikerliebling sterben!
BENGE: MEME TUNES (Expanding Records)
Auch groß: der Belgier mit seiner konzentrierten Neigung zu minimalem
Ambient, hier mit 11 in London produzierten Stücken für abendliche
Spaziergänge. Definitiv keine Tagestöne. Wahnsinnig schön, fragil
- vielleicht die beste Novembermusik, führt dich komplett weg vom genormten
Lärm.
DENZEL + HUHN: TIME IS A GOOD THING (City Centre Offices)
Denzel ist Ornament & Verbrecher, Huhn Sounddesigner für Web-basierte
Projekte - und so klingt das Ganze auch. Zwischen Agenturmusik und Wohnzimmerklingklang
bleibt der Gesamteindruck oft eindimensional und in einer abgezirkelten elektronischen
Ästhetik ohne Spannung, die gerne Atmo kreieren möchte, aber zu oft
loopt. Ab & zu aber gelingt ein schönes Feuerchen.
LAMÉ GOLD: THE HOMECOMING CONCERT (Payola)
Albrecht Kunze, eine Hälfte von "märz", mit einem Hörspielprojekt,
das schon vom HR produziert wurde. Es geht - sehr allgemein - um Krieg. Klangmittel:
extrem auffällig gesampelte Streicher, gepitcht und geloopt. Die Musik
gewinnt nicht an Spannung, und auch das Konzept bleibt unklar. Nur Kunzes Faszination
an gesampelten Streichern bleibt. Viel Spaß damit weiterhin. Komplett
überhypt. Wolfgang Voigts GAS-Projekt war wenigstens noch cooler Ambient.
V.A.: FORMA. 1.02 (Progressive Form)
Sehr sympathische wie interessante gutgelaunt-vertrackte Melancholie im Heimlegostil
- ergo viele Japaner dabei. Die wirken abstrakt und programmieren nackt - und
über allem thront der heilige Aphex und holt sich einen runter. Und wenn
du den Grütz wegwischen willst, öffnet sich ein supertolles Fruzzelhouse.
V.A.: CLASSIC & RARE - LA COLLECTION 3 (F-Com)
Die übliche ambitionierte wie bodenständige Auswahl des Pariser Labels
auf 2 CDs: die classic voyage, gemixt vom Finnen Jori Hulkkonen, hat neben korrekten
Beatschubigern auch stimmungsvolle Seltenheiten, die Laurent Garnier dann im
Rare-Teil erst recht zu seiner Reise macht. Wenn man denkt, das sei jetzt aber
zu glatt, kommt's dann doch mit jenem komischen Kick ...
JORI HULKKONEN: DIFFERENT
(F-Com)
Hier reicht's dann aber: die Soloplatte des Sauna-Housers ist einfach lascher
Trance-House, mieses Geloope, keine Klangideen und Konzepte, NICHTS!
GUS GUS: ATTENTION (Underwater)
Kinder! Jetzt ist aber gut! "People ... desire ..." säuselt es
- der Abstieg einer der einst besten Bands Islands scheint besiegelt. Einfallslose
Dance-Platte mit Flohmarktsounds. Die Klasse von "This is normal"
ist total verschwunden.
3. DRUM SPIEL DAS LIED UND GEH NACH HAUS!
V.A.: THE REEL AND SOUL ASSOCIATION
(Flying Sparks)
Also Songs. Und was für welche: mitten im Selbstmordmonat bläst dieses
Kollektiv britischer Folkies frisches Leben in us-amerikanische Soulnummern.
Inner City Blues, Move on up oder Harvest for the world - das Ergebnis ist zu
gut, um wahr zu sein. Komplett anderer Vibe, lauschig und voller Lebensfreude.
EVA CASSIDY: IMAGINE (Bix Street)
Eva Cassidy starb Ende 1996 an Krebs, vier Monate nachdem sie die Diagnose erhalten
hatte. Danach erst kam ihr beispielloser Erfolg: die zuvor scheue Chanteuse,
die als Krankenschwester und Landschaftsgärtnerin gejobbt hatte, bekam
posthum Gold und ließ die "großen" Popstars weit hinter
sich. Dieser autorisierte Nachlass zeigt, was für intime Folk-Songs sie
singen konnte.
DAWN OF THE REPLICANTS: TOUCHING PROPELLER
(Flying Spark)
Grandioses neues Album der britischen Exzentriker-Troubadoure, sogar der Wind
scheint hier mitzuspielen, wenn Vickers und Simian auch mal Aroma und Bratpfanne
spielen. Schleppender Blues, knarziger Folk und Vibes wie aus einem scheinbar
vergangenem Zeitalter, das auf einmal im Hier und Jetzt steht.
STEVE EARLE: JERUSALEM (Epic)
Uns Steve, der alte Haudegen, ist nun wirklich nicht im Verdacht, ein Linker
zu sein, aber unbequem war er schon immer. Vietnam-Veteran, Bürgerrechtler,
Drogenabhängiger, ein Ami, der aus den Fehlern der Geschichte seines Landes
gelernt hat. Und einer der wenigen prominenten Künstler, die sich offen
gegen den Bush-Kurs stellen. Seine Sicht auf 911 und die Folgeverhältnisse
ist bemerkenswert ... Fehri wird vielleicht die Nummer "Conspiracy Theory"
mögen ... altes Handwerk
they don't make songs like this anymore.
XINLISUPREME: MURDER LICENSE (Fat Cat)
Trotzdem: hier geht's etwas expliziter zur Sache. Die blutbefleckte US-Flagge
sagt da einiges. 7 Stücke in 29 Minuten. Eine gewalttätige, schizophrene
Musik. Ein Trio aus Otia in Süd-West-Japan. Geografisch und kulturell isoliert,
mit Scheißegal-Haltung. Tun nur, was ihnen gut vorkommt. Lehnten letztens
eine Show vor 1200 Leuten mit Andrew Weatherall in Tokyo ab. Klingt alles gut?
Von wegen. Euch werden die Ohren bluten.
BOHREN & DER CLUB OF GORE: BLACK EARTH (Wonder)
Auch gewalttätig. Dabei seidensanft. Liebeslieder an Mord und Totschlag.
Böse Titel. Gute Musiker. Die Perfektionierung des Treibsand-Barjazz.
CABARET VOLTAIRE: THE ORIGINAL SOUND OF SHEFFIELD (Mute)
Das solltet ihr euch gönnen in diesem wunderschönen Monat. Grau in
grau präsentieren sich die Urahnen des Industrial mit ihren schönsten
Hits. 1978 bis 1982 gab's eben auch ne Menge Musik, die keine mehr war, und
die mit drei Akkorden weder vorher noch nachher was zu tun hatte. Incl. Do the
Mussolini (Headkick), Baader Meinhof und Spread the Virus. Auf was wartet ihr?
ADD N TO (X): LOUD LIKE NATURE (Mute)
Da können die sich wirklich noch ne Scheibe von abschneiden, so konventionell
klingt ihr Sound, auch wenn sie mit ganz furchtbar viel Elektronik aufspielen
- es bleibt eben Rock'n Roll mit Vintage Synths. Das Gute ist: einige Tracks
wie "Quantum Leap" sind richtig geile Tanzbodenfeger, aber insgesamt
möchte man die Guten dann doch wieder in ihr Spielzimmer schicken ... zum
Austoben.
DIVIT: BROADCASTER (Nitro)
Hier die wertkonservative Alternative: melodischer Westküstenpowerpoppunk
mit Texten und Szenarien, so down to earth, da legst di nieder!
ERNST JANDL: 13 radiophone Texte & Das Röcheln der Mona Lisa (Intermedium)
Wozu eigentlich das Neue in neuen Produktionen suchen, die denken, sie wären
fortgeschritten, dabei gibt es welche aus der Vergangenheit, die sind LÄNGST
SCHON DA! Oder sind sie etwa in klarwahnsinniger Experimentiersucht schon früh
darüber hinweggeschossen? Jandl, dessen Ottos Mops in so einige Schülerleben
gekotzt haben wird, hier mit zwei frühen experimentellen Hörstücken,
die die Möglichkeit von Sprache zugleich total ausloten wie komplett minimieren.
Jandl ist Sprachbejaher, Kommunikationsskeptiker und konsequenter Realist, Überspitzer,
Übertreiber, Verneiner.
Gutrabschlssssfrrrztrbrz, abrnrt frz ltn mrt frmbm. Wir sprechen uns.
www.terz.org - 29.10.2002