Eine Forderungen nach Schutz des Staates Israels und seiner BürgerInnen
vor antisemitischem Terror und nach Beseitigung des mörderischen irakischen
Clan-Regimes unter Führung Husseins sind berechtigt und sollten unter aufgeklärten
Linken eigentlich selbstverständlich sein. Doch wer zugleich als Bellizist
auftritt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob solche Forderungen nicht zugleich
als Instrumentalisierung für die moralische Rechtfertigung eines solchen
Bellizismus dienen. Martin wie zugleich die gesamte als "Antideutsche"
auftretende Linke in der BRD stellen den weltweiten Antisemitismus und die Bedrohung
des Staates Israel in das Zentrum jeglicher Analyse des Weltgeschehens, was
sie zunächst sympathischer macht als jene, die sich schon durch die Thematisierung
von Antisemitismus persönlich in ihrem antiimperialistischen Weltbild angegriffen
fühlen. Doch in ihren Schlussfolgerungen verfallen "die" Antideutschen
- diese Verallgemeinerung sei trotz teils äußerst widersprüchlicher
Stellungnahmen auf höchst unterschiedlichem Niveau aus diesem Lager gestattet
- in das gleiche dualistische Weltbild, welches sie unter gegenteiligen Prämissen
an der klassisch antiimperialistischen Linken in diesem Lande kritisieren. So
geriert in antideutschen Kreisen eine notwendige Kritik am linken, kulturalistisch
verklärten Antiamerikanismus zur Affirmation aktueller Kriegspläne
des militärisch-industriellen Komplexes und der "Falken"-Politik
der verbliebenen kapitalistischen Supermacht. Wer einen US-Angriffskrieg auf
den Irak sowie weiterer Staaten im Nahen Osten und anderswo mit all seinen Folgen
rechtfertigen will und einen solchen sogar fordert, sollte allerdings argumentationsfester
auftreten, um ernst genommen zu werden. Denn nicht nur ist Saddam so wenig Hitler,
wie der Koran "Mein Kampf" oder das Serbien von Milosevic Auschwitz.
Auch die aktuelle US-Politik vollzieht sich nicht - wie von Martin unterstellt
- als "instrumentell-vernünftige Maßgabe der Selbsterhaltung",
sondern aus einem gefährlichen Mix von imperialistischen und religiös
aufgeladenen nationalistischen Erwägungen. Dies manifestiert sich nicht
bloß augenscheinlich in dem durch familiäre Ölgeschäfte
reich gewordenen US-Präsidenten, dessen Hang zu evangelischen Sekten in
seinen fundamentalistisch aufgeladenen Kriegsreden mehr als deutlich zum Ausdruck
kommt. Es offenbart sich zudem nicht nur zugleich alltäglich und kollektiv
in dem rituellen Gelöbnis auf Flagge und Nation in den Schulen, dessen
Schwur auf Fahne und "eine Nation unter Gott" schwerlich als instrumentell-vernünftiges
Selbsterhaltungsritual zu deuten ist. Es offenbart sich unter instrumentell-vernünftigen
Maßgaben zugleich in dem faktischen Widerspruch zwischen politischem Kriegspatriotismus
der "Falken" und Warnungen aus militärisch-industriellen think
tanks vor einen unkontrollierbaren Flächenbrand sowie widerstreitenden
Interessen wirtschaftlicher Eliten in den USA. Der angesichts sozialer und rassistischer
Segregation sich selbst entlarvende nationale Slogan von "freedom &
democracy" findet seine realpolitische Entsprechung in der Außenpolitik
in der Reproduktion kapitalistischen Wohlstands durch imperiale Ausbeutung von
Menschen in abhängigen Staaten unter weitaus barbarischeren sowie kriegerischen
Mitteln - eine höchst banale wie zugleich traurige Wahrheit, die eigentlich
einmal zum 1x1 linker Gesellschaftsanalyse gehört hat. Es gehört schon
ein gehöriges Maß an Verdrängung dazu, unter angeblich linken
Prämissen einen offen angekündigten US-Kriegsimperialismus gegen einen
vom Westen hochgerüsteten Drittwelt-Diktator sowie die offene Proklamation
zur Selbstermächtigung für jegliche weiteren Kriege nach eigenem Ermessen
als Garant der "Zivilisation" verklären zu können. In seiner
Kritik an der TERZ merkt Martin richtigerweise an, dass die in völkischer
Tradition stehende deutsche Außenpolitik auch im Kontext der aktuellen
Diskussion um Krieg im Nahen Osten in den Blickpunkt gerückt werden muss
- ein Hinweis, der übrigens in der TERZ noch nie bestritten worden ist.
Nur impliziert dieser - gerade in Bezug auf nahende Antikriegs-Aktionen mit
sicherlich auch kruden Manifestationen und Bündnissen auch notwendige -
Orientierungsvorschlag nicht, der imperialistischen Großmacht zur Bekämpfung
imperialer Bestrebungen in diesem Lande das Wort zu reden. Denn dass gegen die
USA aktuell kein Krieg zu gewinnen ist, wissen, im Gegensatz zu einigen hiesigen
Linken, Deutschlands Realpolitiker ganz genau und werden sich im Kontext von
"infinitive justice" auch dem entsprechend verhalten.
AL C.
www.terz.org - 29.10.2002