Im September hatte der Riot Club im "Hinterhof" (s. Rückseite)
ausnahmsweise zu einer Kopfrocker-Veranstaltung geladen: Martin Büsser,
Autor verschiedener Bücher zum Thema Pop und Politik, lieferte einen historischen
Abriß zum Thema "Strategien politischer Texte in der Popmusik"
und gab dazu Bekanntes und Unbekanntes aus der eigenen Plattensammlung zum Besten.
TERZ plauderte bei Kaffee und Keks mit ihm über Rock'n Roll und Revolution.
TERZ: Worauf führst Du das Anwachsen linker Positionen in der Popmusik
der letzten Jahre zurück? Ist es derzeit en vogue, sich musikalisch links
zu gebärden?
Du meinst, ob Linkssein zur Mode geworden ist? Das sind ja zwei verschiedene
Schienen: Einmal die Mode-Schiene, die sogar bis zur RAF-Mode-Strecke damals
in Tussi Deluxe geht, oder die unsäglichen Filme über die RAF. Man
kann daraus 'ne Mode machen, wenn's eine einfache Stylegeschichte ist, die vom
Inhalt losgekoppelt ist. Aber viele Musiker bemühen sich ja, daß
das nicht so eine Stylesache ist... Es ist im Vergleich auf jeden Fall mehr
geworden. Aber woran liegt's? Daß ein Bedürfnis da ist, ist klar,
weil auch lange Zeit ein Vakuum da war, ausgelöst durch die elektronische
Musik. Da war eine Riesenrichtung, die komplett textfrei war, und da gab es
wahrscheinlich wieder ein Bedürfnis, sich durch Texte zu artikulieren und
da auch Inhalte reinzubringen.
TERZ: Warum verkauft sich das derzeit so gut?
Ich glaub, das korrespondiert mit dem Erfolg, den jetzt auch Fehlfarben oder
andere Bands von früher haben, daß die Leute wieder an Punk denken,
daß wieder der Wille nach Konfrontation da ist, daß die Leute sich
wieder klar positionieren wollen.
TERZ: Was sind derzeit Deine persönlichen Highlights?
Im Moment höre ich eher Sachen aus den USA, z.B. diese Anti-Folk-Bewegung.
Die haben in den USA Läden mit offenen Mikrophonen und da kann jeder, der
´ne Gitarre halten kann, sich auf ´ne Bühne stellen. Da ist
ein unheimlich kreativer Pool an Leuten, ich würde sagen 50 bis 70 Künstler,
von denen in Deutschland überhaupt noch keine bekannt sind - die ihre CDs
selber brennen, ihre eigenen Kanäle haben, ihre Minilabels gründen.
Da passiert unwahrscheinlich viel aus sich selbst heraus. Und das ist textlich
super-nonkonformistisch. Dieser Begriff Antifolk ist schon ziemlich alt und
wurde geprägt, weil viele Musiker auf den konventionellen Folkfestivals
nicht mehr auftreten konnten, weil sie musikalisch vielleicht eher dem Punk
nahe standen und textlich zu unkonventionell waren.
TERZ: Wieso unkonventionell?
Z. B. bewusst dilettantisch zu spielen, anstatt so glatt, wie man es in der
neueren Folkmusik hat. Bright Eyes sind toll, das ist eine sehr junge Band.
Auf der neuen CD ist am Schluß ein zehnminütiges Stück, was
eigentlich auch sehr politisch ist: Da läßt der Sänger seine
Wut über das System raus, und fragt sich gleichzeitig, inwieweit er nicht
nur die Rolle des Nonkonformisten spielt, die der Künstler eigentlich immer
einnehmen muß, wenn er in seiner Szene was gelten soll. Auf Deutschland
bezogen find ich z.B. Lalipuna sehr nett, die auch politische Texte haben, aber
die sind eingebettet in eine ziemlich nette Musik, fast schon loungemäßige
Elektronik. Die Sängerin hat ziemlich explizite Texte, singt aber gleichzeitig
auch sehr schön, und erst beim zweiten Hinhören merkst du, das ist
ziemlich konfrontativ, beim Weghören würdest du das gar nicht bemerken.
TERZ: Was macht deiner Meinung nach einen politischen Popsong aus?
Politisch heißt nicht unbedingt, daß Politik thematisiert werden
muß, sondern eine gewisse Grundhaltung spielt eine Rolle, und die kann
in vielem stecken. Die kann
TERZ: In der Ankündigung zu der Veranstaltung heißt es, "dass
es möglich ist, auch ohne Slogans und Parolen politische Musik zu machen".
Ich sehe in der politischen Popmusik derzeit zwei Trends: zum einen explizit
politische Aussagen, die sehr wohl parolen- und sloganhaft funktionieren, wie
z.B. The International Noise Conspiracy (TINC), Le Tigre oder manche Sachen
von Jan Delay, zum anderen eine Hinwendung zu einer Art "neuen Innerlichkeit",
wie sie auf den letzten Platten von Blumfeld oder Tocotronic zu beobachten ist.
Was vermitteln diese Platten Deiner Meinung nach politisch noch?
Ich bin kein großer Fan von der Wendung, die Blumfeld genommen hat, und
trotzdem kann ich verstehen, daß es möglich ist, über eine persönliche
Ebene politisch zu wirken. Bands wie die arbeiten ja in einem ganz gewissen
Umfeld. Das hat Dirk von Lowtzow von Tocotronic auch mal gesagt - kennt Ihr
den Film über Ton Steine Scherben, "Der Traum ist aus"? Da wurden
die auch interviewt, und da hat er gesagt, ja, wir könnten hunderte Songs
schreiben, gegen den Bürgermeister, gegen die Partei, gegen das... Das
hätten sie dann mal in einem Song verpackt, und gut... Insofern drücken
sie dann doch eher ne Stimmung oder Haltung durch Befindlichkeiten aus, und
das find ich ganz geschickt gelöst. Z. B. in diesem "Let there be
rock", wo teilweise zwar politische Sätze vorkommen, die aber eingestrickt
sind, in so ein ganz merkwürdiges Ambiente, wo es um zwei geht, die irgendwo
aussteigen und sich was angucken. Das Politische kommt nicht mit dem Stempel
daher, sondern ist so reinverwoben.
TERZ: Birgt das Argumentieren mit Befindlichkeiten nicht die Gefahr von
Beliebigkeit? Gerade beim letzten Blumfeldalbum wurde ja sehr viel darum gestritten,
ob das noch ein politisches Album ist. Mir scheint, dann ist es nicht der Gehalt,
sondern die Lesart, die eine Platte politisch macht. Dieses "Ich ganz persönlich
setze mich in ein Verhältnis zu etwas, mit dem ich unzufrieden bin"
- ist das schon Politik?
Nö. Das alleine noch nicht. Unzufrieden sein und jammern tun so viele (die
Böhsen Onkelz übrigens auch, das ist ja auch so eine Jammerlappenband...).
Da muß noch was anderes dazugehören, damit das funktioniert. Schwer
zu sagen, was. Da gehört auch auf der reinen Musikebene was dazu, eine
gewisse Sperrigkeit, und die geht mir auch bei Blumfeld ab.
TERZ: Dann eben an einem Beispiel: Warum hast Du Schwierigkeiten mit dem
letzten Blumfeldalbum, während Du bei der letzten Tocotronic-Platte sagst,
daß das ein politisches Album ist? Was sind die Unterschiede, an denen
du das festmachst?
Dass es auf "der Blumfeld" Stücke gibt, die reine Liebeslieder
sind, die nicht irgendwie gebrochen sind. Und auf der anderen Seite politische
Lieder, die eine Politästhetik aufgreifen, die so auch nicht mehr funktioniert.
Wo ich sag, Blumfeld knüpfen bei Bettina Wegner an! "Sie vergiften
unsre Flüsse"-Blabla, das ist für mich Friedensbewegung 70er!
Und nicht zuletzt haben sie auch was von Hans Dieter Hüsch auf dieser CD,
und der kommt ja auch aus dieser 70er Ecke, gegen die mal die Punks angetreten
sind. Und Blumfeld wissen das, die sind ja nicht blöd. Sie provozieren
damit ja auch ein bisschen, sie wollen wohl auch wieder so eine weiche Haltung,
nur, ob die so funktioniert, das ist fraglich. Ich denke schon, daß bei
Tocotronic da noch ein paar Haken dabei sind, daß das Ganze nicht so glatt
reingeht.
TERZ: Ist es möglich, mit Popmusik Leute zu politisieren, oder ist
das Rebellische, was diese Musik transportiert, einfach gerade nur trendy?
Nö. Wenn ich mir die Kids angucke, die mit ihrem Rage-T-Shirt rumlaufen
und gleichzeitig die "Gegen Nazis"-Sachen auf der Jacke haben, die
wissen schon, wo sie stehen.
TERZ: Also ist es machbar, Leute über Popmusik zu politisieren?
Ich denke ja, und ich finde es auch o.k.. Ich finde so Bands wie TINC auch wichtig,
aber wichtig für ein bestimmtes Alter und eine bestimmte Klientel. Ich
hör sie mir nicht an, weil ich weiß, wo ich politisch stehe, und
ich find's dann ein bisschen zu penetrant für meinen Geschmack.
TERZ: Wie beurteilst Du das derzeitige Revival von Punk bzw. dessen Historisierung
durch das Buch "Verschwende deine Jugend" und die Ausstellung "Zurück
zum Beton"?
Finde ich sehr fragwürdig. Wobei das Buch erst mal was Gutes gemacht hat,
nämlich die Stimmung von damals einzufangen. Daß das zu einem Selbstläufer
wurde (CD, Ausstellung, jetzt wohl noch ein Film), das ist ne Nostalgiewelle.
Wo führt die hin, wenn die nicht zu Taten führt? Wenn's nur darum
geht, sich irgendwelche alten Platten in den Schrank zu stellen, dann ist das
ein bißchen wenig. Man müßte im Grunde begreifbar machen, daß
Punk einerseits vorbei ist, aber strukturell jederzeit wieder neu gelebt werden
kann, und das vermisse ich ein bisschen. Strukturell in dem Sinne von eigene
Fanzines machen, eigene Labels gründen, eigene Subkultur aufbauen. Das
ist heute immer noch möglich.
TERZ: Gibt es so etwas wie eine linke Subkultur noch? Und wenn ja, was macht
sie aus?
Es gibt eine Subkultur, was die Rückkehr von Independence angeht. Die Großindustrie
klagt und schimpft über alle, die brennen, aber die Indie-Labels, die stärkt
das eher. Das ist auch die Erfahrung, die ich mit Leuten in Interviews gemacht
hab. Die sagen, wir sind halt klein, aber wir richten uns drauf ein. Aber das
ist erst mal keine politische Subkultur; inwiefern die dann ins Politische überlappt,
das ist schwierig. Das Problem ist doch, daß diese Independent-Strukturen
auf keine über sie hinausgehenden Sachen treffen. In den Achtzigern sind
die Bands durch die entsprechenden AJZs getingelt, da war die Vernetzung von
Politstruktur und Kultur noch gegeben. Wenn Independent heute als Marktsegment
beim WOM steht, ist es an gar nichts mehr angekoppelt. [...]
TERZ: Wenn man die verbliebenen linken Zentren anguckt: Die einen machen
klassisch Politik, die anderen, z.B. die Flora, tendieren ein bißchen
zum Kulturzentrum. Ist das ein Ort, wo wieder so ein Konglomerat entstehen kann?
Ich denke schon. Die Flora erreicht damit Leute und hat eine große Lobby
bei den verschiedensten Leuten, weil die merken, da geht was ab. Da treffen
sich Leute und kriegen das Politische auch noch mit. Das kann eigentlich nur
von Vorteil sein. Ich denke schon, daß die Linke sich da öffnen muß.
Und die Zentren, die da blockieren - da schmort alles im eigenen Saft, und da
passiert dann auch nicht viel.
TERZ: Danke für das Gespräch!
INTERVIEW: KRÜMEL
www.terz.org - 29.10.2002