"ZigeunerInnen" lieben das Nomadenleben -denkt sich wohl die Stadt
Düsseldorf - passend zum heutigen Klischee der Roma als "fahrendes
Volk". Anders sind die Gründe dafür kaum nachzuvollziehen, dass
die Roma nunmehr zum fünften Mal mit ihrem Wider-standscamp umziehen mussten.
Derzeit befinden sie sich am Parkplatz des Strandbades Lörick. Am 29. Oktober
2002 sollen sie ihr Camp wieder am Simon-Gatzweiler-Platz in Heerdt errichten
und zwei Wochen später zum Ausgangsort, dem Stauffenplatz, zurückkehren.
Jeder Umzug bedeutet eine Strapaze mehr für die Roma. Hinzu kommen Herbststürme
und Kälte. Die Hoffnungslosigkeit wächst - auch beim UnterstützerInnenkreis.
Einzelfallprüfung oder nicht?
Immer öfter kommt die Einzelfallprüfung zur Sprache. Die Gruppe der
Roma bleibt jedoch hart: sie sehen sich als Familie und möchten gemeinsam
als politische Flüchtlinge anerkannt werden. Eine Einzelfallprüfung
würde für ca. 90 Prozent der Betroffenen die Abschiebung bedeuten.
Aus diesem Grunde sollte an die KurdInnen im Wanderkirchenasyl 1998 erinnert
werden. Nicht vergessen ist die Rolle, die Bündnis 90/Die Grünen bei
den Verhandlungen mit den KurdInnen spielte. Während des Bundestagswahlkampfs
1998 versprachen die Grünen, sich für die KurdInnen einzusetzen. Als
die Grünen 1999 durch die Besetzung ihrer Landesgeschäftsstelle in
NRW daran erinnert wurden, gaben sie sich peinlich berührt und halfen den
KurdInnen nicht. Sie erhielten die Zusicherung einer "wohlwollenden"
Prüfung der Einzelfälle, wenn sie den Hungerstreik und die Besetzung
beenden würden. Da die Flüchtlinge ziemlich geschwächt waren
und einen vermeintlichen Hoffnungsschimmer erblickten, nahmen sie das "Angebot"
an. Damit war jedoch der einjährige Kampf um ihr Bleiberecht beendet, noch
nicht einmal der Schutz der Flüchtling im Wanderkirchenasyl war gewährleistet,
und zu den versprochenen "wohlwollenden" Einzelfallprüfungen
kam es nicht.
Das droht nun auch den Roma. Die Gruppe soll durch bereits ausgestellte Abschiebebescheide
demoralisiert werden. Auch Metus Barati, der von den Roma als Kopf der Gruppe
gewählt wurde, ist bereits aufgefordert worden, die Bundesrepublik mit
seiner Frau am 6. November 2000 zu verlassen.
Der "grüne Hoffnungsschimmer"?
Die Roma hoffen seit Beginn ihres Widerstandscamps auf die Solidarität
der deutschen Bevölkerung, auf die im Parlament vertretenen Parteien und
auf die Kirchen. Der politische Kurs der Roma war von Anfang an darauf gerichtet,
mit allen vernünftig zu reden und gemeinsame Lösungen zu suchen. Sie
wollten niemals negativ auffallen und haben sich immer mehr in Bittstellerhaltung
begeben. Selbst als sie gemeinsam mit der Karawane der Flüchtlinge zu einer
Wahlkampfveranstaltung der Grünen mit Claudia Roth und Daniel Cohn-Bendit
nach Neuss zogen, versuchten die Roma eine Annäherung. In der Bundesdelegiertenkonferenz
der Grünen Ende Oktober in Bremen erblickten die Roma einen erneuten Hoffnungsschimmer.
Doch die Polizei hinderte sie wegen Verstoßes gegen die Residenzpflicht
an der Fahrt nacht Bremen. (Die Roma dürfen den Regierungsbezirk Düsseldorf
nicht ohne Sondergenehmigung verlassen.) Während die Roma sich nun zu Fuß
auf den Weg nach Essen machten, um vor der Ausländerbehörde zu demonstrieren,
führte ihr Sprecher Dzoni Sichelschmidt Gespräche mit Marie-Luise
Beck und Claudia Roth. Sie versprachen ihnen, nach Jugoslawien zu reisen, um
sich einen Eindruck über die Lage vor Ort zu verschaffen. Doch von dieser
Reise nach Jugoslawien ist nichts anderes zu erwarten, als ein Lagebericht,
der die Roma letztlich nicht vor der Abschienung bewahren wird.
Die Lage in Jugoslawien
Schließlich ist es die rot-grüne Regierung gewesen, die mit der Bundesrepublik
Jugoslawien das Rückführungsabkommen unterzeichnet hat. Die jugoslawische
Regierung hat derzeit nur das Ziel, Mitglied in der EU zu werden. Der jugoslawische
Minderheitenminister wurde damit unter Druck gesetzt und sprach sich für
eine Rückführung aus. Dabei ist auch ihm klar, dass es für die
Roma katastrophale Folgen hat, wenn sie dorthin abgeschoben werden. Selbst das
Auswärtige Amt der BRD schreibt in seinem Bericht 2002: "Roma leben
in der BRJ (Bundesrepublik Jugoslawien) am Rande der Gesellschaft. Sie stoßen
in der gesamten jugoslawischen Gesellschaft traditionell auf Ablehnung und werden
häufig diskriminiert".
Wohnraumbeschaffung in Jugoslawien ist für die Roma kaum möglich.
Sozialwohnungen sind überfüllt, der Staat selbst hat - und dies gerade
nach dem Krieg, für den die BRD mitverantwortlich zeichnet - keine Mittel,
neue aufzubauen. Viele Roma wohnen dort in illegal errichteten Ziegelhäusern
sowie Blech- und Pappkartonsiedlungen am Stadtrand. Familien von sieben bis
elf Personen leben in Räumen von neun bis 20 Quadratmetern. Zwei Drittel
der Roma-Behausungen enthalten weder Toilette noch Bad. All diese unhygienischen
Lebensbedingungen führen dazu, dass sich das Risiko für Epidemien
wie Hepatitis oder Tuberkulose erhöht. Oft finden auf Druck der Öffentlichkeit
Räumungen bestehender Roma-Siedlungen statt.
Die begründete Angst vor gewaltsamen, rassistisch motivierten Übergriffen
und Diskriminierungen der Roma in Jugoslawien ist sehr groß. Die Gewalttaten
häufen sich. Sie reichen von Bedrohungen und Beschimpfungen über Zerstörung
von Wohneigentum und Attentaten auf Roma-Kulturzentren, Entführungen bis
hin zum Mord oder Mordversuch. Trotz Anzeigen bei Polizeibehörden werden
diese Übergriffe kaum geahndet. Im Gegenteil: die Probleme werden von den
Behörden bagatellisiert. Da Roma keine Lobby besitzen, wird kaum in den
Medien darüber berichtet, und der Staat zeigt sich dabei weder willens
noch in der Lage, sie vor diesen Angriffen zu schützen.
Den Roma würde bei einer Abschiebung jegliche Existenzgrundlage entzogen.
Aktion Knastmukke
www.terz.org - 29.10.2002