bookRassenschande
vor Düsseldorfer Gerichten 1935-1945
Eine Dokumentation
Es gibt Bücher, die sind noch beklemmender und verstörender als andere
Texte zum Thema der Geschichte des Nationalsozialismus.
Herbert Schmidt hat mit der oben benannten Dokumentation ein solches vorgelegt.
Am Anfang, als ich begann es zu lesen, dachte ich, dass dies am Bezug zu Düsseldorf
liegt. Man hat schon ein anderes Verhältnis zu den Straßennamen des
Viertels, in dem man aufgewachsen ist, als zu den Namen osteuropäischer
Dörfer, die man kaum aussprechen kann, obwohl natürlich Verbrechen
hier wie dort gleich schlimm sind. Aber man hat andere Bilder im Kopf.
Als gebürtiger Düsseldorfer kenne ich fast alle genannten Straßennamen
und bin in Versuchung, bei besonders üblen Dingen an den betreffenden Ort
zu fahren, um zu schauen, ob der genannte Name dort auf einem Klingelschild
noch zu finden ist - obwohl dies nahezu unmöglich ist. Außerdem sind
die Namen von Menschen, die noch leben könnten, anonymisiert.
Schmidt beginnt seine Arbeit mit der Geschichte der Rassengesetzgebung im Dritten
Reich. Man kann diese Gesetze nachlesen, und darüber hinaus wird der erstaunliche
Vorgang ihrer Entstehung dokumentiert. Wie vieles im Dritten Reich war es alles
andere als eine von langer Hand geplante Aktion. In kürzester Zeit wurden
Gesetzesvorschläge zusammengeschustert, und das in Konkurrenzkämpfen
diverser NS-Protagonisten. Natürlich war Antisemitismus ein unverzichtbarer
Teil der Nazibewegung. Aber diese Maßnahmen wurden quasi als Lückenfüller
für den Nürnberger Reichsparteitag beschlossen, da man nicht so recht
wußte, was man dem deutschen Mob zur Unterhaltung bieten sollte. Hitler
war das Reichsflaggengesetz, mit dem die Hakenkreuzfahne praktisch zur Nationalflagge
wurde, zu wenig - und so wurde über Nacht das "schändlichste
Gesetz der deutschen Geschichte" geschrieben. So kam es zum "Reichsbürgergesetz",
welches Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse erklärte und zum "Gesetz
zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", welches sexuellen
Kontakt und Eheschließungen zwischen Ariern und Juden verbat.
Schmidt dokumentiert im größten Teil des Buches 29 Verfahren wegen
"Rassenschande", die in Düsseldorf verhandelt worden sind. Da
die Nazis Frauen als passiv ansahen, konnten juristisch nur die männlichen
Beteiligten belangt werden. Außerdem konnte man dadurch Frauen unter Druck
setzen, indem man sie als Zeugen lud. Falls es um jüdische Frauen ging,
wurde der Mann zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und die Frau in ein KZ verschleppt.
Ging es um einen jüdischen Mann, so kam der erst in ein Zuchthaus und dann
in ein KZ, der deutschen Frau passierte außer öffentlicher Demütigung
in der Regel nichts. Es wird in diesem Buch überaus deutlich, wie sehr
die deutschen Juristen ganz offensichtliches Unrecht mitgetragen haben. Diesen
Juristen gelang es oft genug, nach dem Krieg ihre Karriere ohne großen
Knick fortzusetzen. Die wenigen jüdischen Überlebenden mussten in
der Regel viele Jahre auf Entschädigung warten. All dies ist sehr interessant,
aber auch nicht wirklich überraschend für jeden, der sich mit der
Geschichte von 1933-1945 beschäftigt.
Meine am Anfang der Reszension erwähnte Beklemmung hat folgenden Grund.
Fast alle dieser widerlichen Verfahren begannen durch Denunziation. Diese sind
in dem Band ebenfalls dokumentiert. Ein extrem verbrecherischer Staat, der im
Privatleben seiner Bürger rumschnüffelt. Und Bürger, die bereitwillig
mitschnüffeln. Die Hintergründe kann man manchmal erahnen: Eifersucht,
Missgunst, Neid und Karrierismus. Ein Beispiel für viele: Anonyme Denunziation
(November 1936): "Düsseldorf, den 17.11.1936. An die Ortsgruppe der
N.S.D.A.P.: Als echte Nationalsozialistin sehe ich es als meine Pflicht an,
der Ortsgruppe davon Mitteilung zu machen, daß der Jude, Frauenarzt Dr.
B. am Adolf Hitler Platz schon seit Wochen ein intimes Liebesverhältnis
mit der arischen Haustochter Else C. Herzogstraße 34 unterhält. ...
Aus persönlichen Gründen möchte ich meinen Namen nicht angeben.
... Ich stelle nun der Ortsgruppe anheim, der Sache auf den Grund zu gehen,
geht es mir doch in erster Linie darum, daß dem Juden das heimliche Handwerk
gelegt wird, und das Mädel, welches im großen und ganzen ein nettes,
verständiges Mädel ist, aus den Klauen dieses Rassenschänders
zu reißen. Mit deutschem Gruß, Heil Hitler." - Dies muss ich
wohl kaum noch kommentieren. Dr. B war einer der wenigen, die das "Glück"
hatten, nach zwei Jahren Zuchthaus nicht in ein KZ verschleppt zu werden. Er
konnte sich erst nach China und dann in die USA retten. Er starb dort 1960,
seinen Erben wurde 1967 "Wiedergutmachung" bezahlt.
Ich habe an diesem Buch nichts auszusetzen. Es ist ein wertvoller Beitrag zur
Düsseldorfer, aber auch zur deutschen Geschichte. Aber ich müßte
lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich so etwas gerne lese.
FEHRI
Herbert Schmidt:
"Rassenschande" vor Düsseldorfer Gerichten 1935-1945, Essen 2003
bookAuswandern oder Hierbleiben?
Im Jahre 1933 lebten 5.500 Juden in Düsseldorf. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wollten ganze 57 Juden noch in Düsseldorf leben.
Während über den Holocaust jede Menge Literatur erschienen ist, gibt es für die Zeit danach so gut wie gar nichts. Die vorliegende Studie untersucht das jüdische Leben in Düsseldorf und am Niederrhein von 1945 und 1960. Damit schließt das Buch eine Lücke und gibt einen Einblick in die Zerrissenheit der Jüdischen Gemeinde, die im Titel sichtbar wird.
Merkwürdig erscheint aus heutiger Sicht die Bezeichnung "Liquidationsgemeinden",
wie sich die Jüdischen Gemeinden direkt nach dem Krieg selbst nannten und
damit zum Ausdruck brachten, dass sie nur auf die Auswanderung warteten. Nur
wenig Verständnis brachten die im Ausland wohnenden Juden für den
Neubeginn des jüdischen Lebens im "Land der Täter" auf.
Schon im Sommer 1945 wurde die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf neu
gegründet und bewies den Willen zu einem Neuanfang. Der war nicht einfach.
Neben den vorausgegangenen traumatischen Erlebnissen musste vor allem das Überleben
gesichert werden. Die britische Militärregierung wollte auch in der Verteilung
der Lebensmittel keine Privilegierung der jüdischen Opfer, aus Sorge vor
einem daraus erfolgenden Ansteigen des immer noch vorhandenen Antisemitismus
der Deutschen. Sie behandelten die Juden wie alle Deutschen, somit wie ehemalige
Feinde. Andererseits behinderten sie als Mandatsträger Palästinas
bis zur Gründung des Staates Israel alle Bestrebungen der Ausreise. Somit
waren die Juden in der britischen Zone weitestgehend auf sich allein gestellt,
- ein Grund für die unabhängige Entwicklung der Gemeinden im Rheinland.
Schnell wuchs die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf an. Durch das Engagement
der Düsseldorfer Jüdischen Gemeinde und die Nähe zur britischen
Militärregierung, die ihren Sitz in Düsseldorf hatte, sowie später
die Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn, wurde Düsseldorf zum Sitz für
viele jüdische Institutionen bis heute.
Düsseldorf war schon vor dem Nationalsozialismus Zentrum des liberalen
Judentums. Durch die Größe der Gemeinde konnten die unterschiedlichen
Ausrichtungen nebenher existieren. Nach dem Nazireich waren die führenden
Köpfe in Düsseldorf weiterhin liberal. So wurden die nichtjüdischen
Eheleute von Ermordeten, anders als in anderen Gemeinden, in die Jüdische
Gemeinde integriert und unterstützt. Auch in religiösen Fragen wurden
Probleme kreativ gelöst. Es herrschte ein Mangel an Rabbinern. Die aus
dem Ausland geschickten Rabbiner waren meist orthodox eingestellt. Die Düsseldorfer
fanden aber immer einen Ausweg. Anders stellte sich das schon mit den Behörden
dar. Neben weiterhin eindeutig antisemitischen Tendenzen mussten bürokratische
Schwierigkeiten gemeistert werden, da nur allzu häufig von Beamten Bearbeitungszeiten
hinausgezögert wurden. Mit Entsetzen wurden auch die offensichtlich antisemitischen
Taten, wie Schändungen von Jüdischen Friedhöfen, wahrgenommen.
Erst nach Entstehung der Bundesrepublik wurden diese Tendenzen von den Briten
kritisiert, die sie vorher als Militärregierung ignoriert hatten.
Ein weiteres Kapitel ist dem Verhältnis zwischen der Jüdischen Gemeinde
und dem VVN, der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" gewidmet.
Schon 1950 wurde sie von der Adenauer-Regierung als verfassungsfeindlich, da
kommunistisch unterwandert, diffamiert. Die Jüdische Gemeinde sah die VVN
als natürlichen Verbündeten, wollte aber auch nicht ins Fahrwasser
der antikommunistischen Hetze geraten und forderte eine politische Unabhängigkeit
der VVN. Nie distanzierte sie sich jedoch von ihr. Nur am Rande erwähnt
wird das Verbot der KPD und damit die Inhaftierung von jüdischen Kommunisten,
die auch schon unter dem Naziregime in Haft und im KZ saßen.
Insgesamt ein hervorragendes Buch, das einen Einblick in die Anfänge jüdischen
Lebens nach dem Nationalsozialismus, besonders in Düsseldorf, gibt. Sehr
lesenswert und nur zu empfehlen. Die Autorin Donate Stathmann hat eine gut zu
lesende Untersuchung geschrieben und viele Schriftstücke der Düsseldorfer
Jüdischen Gemeinde ausgewertet.
MEIKEL F
Donate Strathmann:
Auswandern oder Hierbleiben,
Klartext Verlag, 480 Seiten für 27,90 Euro
bookEin perfektes Leben
Eingefleischten Krimi Fans ist der Kubaner Leonardo Padura durchaus ein Begriff.
"Ein perfektes Leben" ist der Auftakt des auf vier Bände ausgelegten
"Havanna Quartetts", das von den Fällen des melancholischen Kommissars
Mario Conde handelt. Das Buch wurde 1990 geschrieben und spielt in der Zeit
in der der Ostblock kurz vor dem Zusammenbruch stand. Einer Zeit, die für
Kuba ökonomisch außerordentlich schwer war. Die Anzeichen der Krise
sind im Krimi deutlich dargestellt. Vorrangig geht es um das plötzliche
Verschwinden eines hohen Wirtschaftsbosses, der auch Handel mit dem Ausland
treibt. Ist er aus Kuba, wie so viele andere geflohen, hat er sich abgesetzt,
einem Unfall erlegen oder getötet worden? Wie vom Erdboden verschluckt
macht sich Conde auf eine Reise in die Vergangenheit. Er kannte den Verschwundenen
noch aus der Schulzeit. Dort war er der strebsame Emporkömmling, der alles
mit Bravur meisterte und Conde auch noch den Schulschwarm seiner Träume
wegschnappte und heiratete. Auch jetzt noch übt die Ehefrau des Verschwundenen
auf den in die Jahre gekommenen Conde eine starke sexuelle Anziehung aus, die
ihn bei seinen Ermittlungen irritiert. Es kommt heraus, dass der Verschwundene
so tadellos, wie es den Anschein hatte, doch nicht war und nebenher einträgliche
Geschäfte machte. Doch wo ist er? Der Krimi endet recht profan, was den
Genuss des Buches aber nicht schmälert. Bis zum Ende bleibt es immer spannend,
auch wenn man das Ende ahnt. Herausgekommen ist vor allem eine Zustandsbeschreibung
Kubas Ende der 80er. Die beginnende Wirtschaftskrise wirft ihre Schatten voraus,
die Schlangen vor den Lebensmittel-Läden werden länger, die Kriminalität
steigt, Korruption ist kein Fremdwort mehr. Padura nimmt kein Blatt vor de m
Mund. In einem Interview erläuterte er, dass die Krise durch den Zusammenbruch
des Ostblocks insbesondere für Musiker und Literaten auf Kuba ein neue
Form der Freiheit brachte. Der Staat hatte keine Finanzmittel mehr; die vorher
vom Staat gesponserten Künstler suchten neue Vertriebswege und begannen
Kuba realistisch darzustellen und wurden darin nicht behindert. Der internationale
Erfolg von Padura gibt ihnen Recht.
MEIKEL F
Ein perfektes Leben - Leonardo Padura; Unionsverlag
288 Seiten HC für 18,90 Euro
bookDie braunen Wurzeln des BKA
"Was sagen Sie zu dem Wunder, dass mir nichts passiert ist? Ist es nicht
ein Wunder?" soll ihn der Führer kurz nach dem Attentat am 20. Juli
1944 gefragt haben. SS-Hauptsturmführer Bernd Wehner - Kriminalkommissar
im Amt V (= Reichskriminalpolizeiamt) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA)
und als Leiter der "Reichszentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen"
mit den Ermittlungen beauftragt - sah es ähnlich: "Doch, mein Führer,
es ist ein Wunder." Soweit, nach eigener Aussage, Bernd Wehner, nach dem
Krieg führender Experte auf dem Gebiet der inneren Sicherheit, Fachredakteur
der Zeitschrift "Kriminalistik" und einer der wichtigsten Verbreiter
der Legende von der "unpolitischen Kriminalpolizei" im "Dritten
Reich". Sicherlich: Angesichts der intensiven Diskussion über die
NS-Vergangenheit administrativer, wirtschaftlicher oder im weitesten Sinne gesellschaftlicher
Eliten der Bundesrepublik in den letzten Jahren überraschen auch die "braunen
Wurzeln des BKA" nicht besonders - so lautet der Titel des kürzlich
als Taschenbuch erschienen Buches von Dieter Schenk (1. Auflage 2001).Von verschiedenen
Seiten ist bereits auf die NS-Vergangenheit der bundesrepublikanischen Polizei
hingewiesen worden, doch zum BKA hatte bis dahin keine vernünftige Studie
vorgelegen. Zu welchen Verdrängungsleistungen diese Behörde auch heute
noch fähig ist, deutet der Umstand an, dass dem Autor der Zugang zu den
Akten durch Verschleppung des Vorgangs faktisch verweigert wurde, obwohl Innenminister
Schily eine förmliche Genehmigung erteilt hatte. Schenk, selbst ehemaliger
Kriminalkommissar, verfügt aus seiner neun Jahre währenden Tätigkeit
beim BKA über wertvolle Insiderkenntnisse - seit seinen kritischen Publikationen,
die er nach Ausscheiden aus diesem Amt schrieb, gilt er dem BKA als persona
non grata. Mit dieser Arbeit dürfte Schenk seinen Ruf als "Nest-beschmutzer"
noch untermauert haben.
Bei der Lektüre dieses mit kriminalistischem Spürsinn geschriebenen,
überaus empfehlenswerten und gut lesbaren Buches sträuben sich einem
die Haare ob der Dreistigkeit, mit der ehemalige hochrangige Mitarbeiter des
Reichskriminalpolizeiamtes zu Beginn der 1950er Jahre sich anschickten, das
Bundeskriminalamt im Innenministerium einzurichten. Nicht nur der organisatorische
Aufbau wurde der Einfachheit halber dem alten RKA nachempfunden, große
Teile des Personals wurden gleich mit übernommen, zum Teil inklusive der
dazugehörigen Abteilungsleiter. Der Chefarchitekt des BKA hieß Paul
Dickopf, während des Kriegs Agent der Auslandsabwehr des Sicherheitsdienstes
(SD), später Doppel-Agent mit guten Kontakten zum US-amerikanischen Geheimdienst
- daher auch seine günstige Ausgangsposition nach dem Krieg. Er hatte es
geschickt verstanden, seine eigene Biographie zu verschleiern und sich den Nimbus
eines Widerstandskämpfers zu geben. Im Verbund mit Rolf Holle und Bernd
Niggemeyer, alten Seilschaften aus der SS- und Polizeiführerschule in Berlin-Charlottenburg
(ebenfalls beide ehemalige SS-Führer), gelang es Dickopf, zahlreichen ehemaligen
Kollegen Arbeitsplätze in der bundesdeutschen Kripo zu sichern. Erfahrung
war schließlich gefragt auf dem Gebiet der Verbrechensbekämpfung,
wobei neue Konzepte nicht erfunden wurden, sondern stets auf Altbewährtes
gebaut wurde, sei es im Kampf gegen "Berufsverbrecher", "Homosexuelle",
"Asoziale", "Landesverräter" oder "Landfahrer",
wie die "Zigeuner" nun genannt wurden. Bedauerlich nur, dass im Vergleich
zu den guten alten Zeiten bedeutend weniger Abschreckungsmittel zur Verfügung
standen - im Dritten Reich durfte die Kripo "Kriminelle" aller Art
noch in "Vorbeugehaft" nehmen, die im KZ vollstreckt wurde (dies geschah
bis 1945 etwa 60.-80.000 Mal). Auch verfügte das BKA wegen der föderalen
Struktur der BRD kaum über zentrale Machtbefugnisse (dies änderte
sich im Gefolge der Terrorismusbekämpfung Ende der 1970er Jahre - der Kampf
gegen "Links" war dieser Behörde dabei traditionell eine rechte
Herzensangelegenheit). Dafür diente es als eine Art Versorgungsanstalt
für teilweise schwerstbelastete NS-Kriegsverbrecher, die alles dafür
taten, unter sich zu bleiben und etwaigen antifaschistischen Kräften den
Zugang zum BKA systematisch zu verwehren - mit Erfolg: 1959 hatten von 47 BKA-Beamten
des Leitenden Dienstes nur zwei keine braune Weste! Vom Schreibtischtäter
bis zum Mitglied eines "Einsatzgruppenkommandos", verantwortlich für
die Ermordung Hunderttausender Juden und "bolschewistischer Untermenschen",
war alles vertreten. Ein Drittel dieser Beamten hatte vor 1945 für die
Gestapo gearbeitet, womit die noch heute zuweilen vertretene These, Gestapobeamten
sei der Zutritt zur deutschen Kripo weitgehend verwehrt worden, endgültig
widerlegt ist. Dankenswerterweise belässt es Schenk nicht bei der namentlichen
Aufzählung dieser Verbrecher. Soweit ermittelbar, werden auch ihre Taten
geschildert, so dass vor dem Auge der LeserInnenschaft ein veritables Gruselkabinett
entsteht. Nur zwei dieser Beamte wurden im Ausland angeklagt und verurteilt,
der Rest blieb bis zum Ruhstand unbehelligt - wie übrigens auch der eingangs
zitierte SS-Hauptsturmführer Bernd Wehner, dem überdies im DDR-Braunbuch
vorgeworfen wurde, im KZ Buchenwald sowjetische Kriegsgefangene liquidiert zu
haben. Er war von 1953 bis 1970 Leiter der Düsseldorfer Kriminalpolizei.
PAUL PANTE
Dieter Schenk, Die braunen Wurzeln des BKA, Frankfurt 2003 (2. Auflage),
Fischer-Taschenbuch Nr. 15782, 9,90 Euro
bookWer die Hoffnung verliert, hat alles verloren
Am Nachmittag des 4. April 1945 gellt der Befehl "Alle Juden am Lagertor
antreten" durch das Konzentrationslager Buchenwald. Die SS plant die Vernichtung
der (jüdischen) Häftlinge kurz vor Kriegsende. Wenige Stunden später
beschließt die geheime Leitung des Widerstands im KZ Buchenwald, das illegale
Internationale Lagerkomitee (ILK), dass dieser Befehl nicht befolgt wird und
dass die jüdischen Häftlinge zu verstecken seien. Als Reaktion auf
das "Verschwinden" der Juden macht die SS Jagd auf 46 inhaftierte
Antifaschisten. Das ILK trifft den Beschluss: "Die Lagerführung, selbst
schon unter dem Galgen stehend, will unsere Besten morden. Wir dulden weder
Einzel- noch Massenliqui-dierungen! Entreißt den Henkern ihre Opfer! ...
Setzt der Gewaltanwendung die Gewalt entgegen!". Und wenig später,
am Morgen des 11. April 1945, erteilt das ILK der geheimen Internationalen Militärorganisation
(IMO) den Befehl, den Angriff auf die SS-Wachmannschaften unmittelbar vorzubereiten.
Gegen 14:30 Uhr beginnt der Sturm bewaffneter Häftlinge auf den elektrischen
Zaun und auf die SS-Kasernen. Als die Amerikaner zwei Tage später das Lager
übernehmen, werden ihnen 220 festgenommene SS-Leute vom ILK übergeben.
Für 21.000 überlebende KZ-Häftlinge hat die "Hölle
von Buchenwald" ein Ende gefunden.
Buchenwald, das Konzentrationslager bei Weimar, ist auch heute, 59 Jahre nach
der Selbstbefreiung, ein umkämpfter Ort. Während die DDR das KZ als
Symbol für antifaschistischen Widerstand unter schlimmsten Bedingungen
betrachtete, denunzierte die BRD-Geschichtsschreibung den Widerstand im KZ als
"Kooperation" mit der SS und "Vorteilsnahme". Es ist der
Verdienst von Ulrich Peters, eine umfassende und kritische Betrachtung des (kommunistischen)
Widerstands in Buchenwald vorgelegt zu haben. In sachlicher, aber dennoch packender
und parteiischer Schreibweise schildert er auf mehr als 500 großformatigen
Seiten den Beginn und die Entwicklung des Häftlingswiderstandes. Peters,
ein Enkel des Buchenwaldhäftlings Alex Kock, schildert sowohl objektive
und subjektive Voraussetzungen des Widerstands als auch die Struktur der Widerstandsorganisationen
im KZ. Er untersucht die "Schuld des Widerstandes" ebenso wie das
Verhältnis der Kommunisten zu den Juden, zu anderen Linken und zu Gefangenen
aus anderen Ländern. Dem Aufstand der Häftlinge ist ein eigenes Kapitel
gewidmet.
Das frischerschienene Buch von Peters kostet viel Geld. Es ist jeden Cent wert.
Vielleicht findet das Buch ja den Weg auf einige weihnachtliche Wunschzettel.
Ansonsten kann man es aber auch ungewünscht verschenken.
(MAS)
Ulrich Peters, Wer die Hoffnung verliert, hat alles verloren. Kommunistischer
Widerstand in Buchenwald, Papy-RossaVerlag, 34 Euro
bookSprich langsam, Türke
Kerim Pamuk ist in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen.
Er kennt dadurch nur zu gut beide Welten und lässt an beiden kein gutes
Haar. Alle Vorurteile, die man über Deutsche und Türken und das Zusammenleben
so hat, bestätigt er liebevoll. So bleibt einem nur zu oft das Lachen im
Halse stecken, trifft er doch des öfteren des Pudels Kern. Zum Glück
hält er sich in keinster Form an die political correctness und zieht so
richtig schön vom Leder. Der auch auf den Comedy-Bühnen erfolgreiche
Deutsch-Türke bezeichnet als seine größte Niederlage das Hamburger
Wetter. Er ist für Deutsche ein Aufklärer, denn wer fragte sich noch
nicht, wen es eigentlich in den neon-bestrahlten, Rauch geschwängerten
"Kültürverein" hinzieht und warum. Wir erfahren über
den Fanatismus, wenn es um Fußball geht, dass er das "Wunder von
Bern" locker in den Schatten stellt. Pamuk erzählt über den süßen
Versuch der Telekom, einen auf multikulti zu machen. Doch das Buch ist nicht
nur lustig. Wenn er über Lichterketten, Ignoranz und doppelte Staatsbürgerschaft
schreibt, geht es ans Eingemachte. Es kommt komisch daher und schlägt einem
den Vorschlaghammer von hinten aufs Haupt. Illustriert wird das Buch durch ironische
Grafiken von Sybille Hein.Demnächst kommt der Kinofilm "Süperseks"
mit Pamuk ins Kino.
MEIKEL F
Sprich langsam Türke - Kerim Pamuk;
Nautilus Verlag; 12,90 Euro
www.terz.org - 1.11.2003