comicDie Hure H zieht ihre Bahnen

Schon fast legendär sind die Geschichten der "Hure H". Damit konnten Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger international Aufsehen erregen. Die Geschichten der Hure H heben die Grenzen des Comics auf. Weit entfernt von den Massencomics haben sie mit ihrer Art neue Klientel für das Medium Comic gewonnen. Dabei gehen sie neue Wege bei der Darstellung von Geschichten. Auf den ersten Blick lassen sich die Geschichten nicht ergründen. Darauf deutet schon der Titel hin, der etwas anderes suggeriert. Von Sex ist im Comic keine Rede. Huren sind ein Bestandteil der Gesellschaft und trotzdem tabuisiert. Mit dem Tabu und den Klischees, die sich um das Thema Hure ranken, spielen de Vries und Feuchtenberger auf einer ganz hintergründigen Ebene. Nicht der Sex ist das Beherrschende im Comic, sondern das Verborgene. Es ist eine poetische Reise durch das Unsichtbare. Das verwirrt durchaus und lässt einen manchmal etwas ratlos zurück.
Das neue Buch hat den Verlag Re-produkt veranlasst, das erste vergriffene Buch "Die Hure H" neu aufzulegen.
Die Hure H zieht ihre Bahnen
Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger; Edition Moderne; 80 Seiten A4, sw, 19,80 E


comicBerlin

Es musste wohl erst ein Yankee daherkommen, der ein Comic über das Berlin vor dem Nationalsozialismus herausbringt. In einer auf 24 Hefte angelegten Serie sind die ersten acht Hefte nun gebunden auf deutsch erschienen. Die Geschichte spielt in der Zeit von 1928 bis 1933.
Die Geschichte beginnt mit der Zugfahrt der jungen Marthe Müller nach Berlin. Dort fängt sie an Kunst, zu studieren und taucht in das wilde Leben der 20er ein. Gut behütet aufgewachsen, lebt sie noch in ihrer Welt und beachtet kaum die politischen Umbrüche, die sich in Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten einerseits und Polizei und Faschisten andererseits abzeichnen. Es entsteht ein Reigen von unterschiedlichsten Leuten, die miteinander verbunden sind. Der Journalist Kurt Severing, den sie schon im Zug kennenlernt, wird ihr Liebhaber. Gudrun, eine Mutter von drei Kindern, wird von ihrem Mann mit ihren zwei Töchtern wegen kommunistischer Umtriebe aus der Wohnung geschmissen. Während der Ehemann mit Sohnemann zu den Nazis geht, bändelt sie mit Otto, einem gestandenen KPDler an, der ihr über die Partei eine neue Unterkunft besorgt. Dann gibt es noch den defätistischen Polizisten Lemke, den jüdischen Jungen David, der die Arbeiterillustrierte verkauft, die lesbische Freundin von Marthe, Anna, und noch einige andere. Geschickt arrangiert Lutes die ganz unterschiedlichen Beziehungen und entwirft dabei eine komplexe Geschichte, bei der es nicht nur um Freud und Leid geht, sondern die vor allem hochpolitisch ist. Neben den Eindrücken über das Alltagsleben in den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten vermittelt das Comic einen Eindruck vom politischen Alltag. Das Buch endet mit dem blutigen 1. Mai von 1929, als die sozialdemokratische Berliner Polizei auf kommunistische Demonstranten schießt und viele von ihnen ermordet. Getroffen stürzt auch Gudrun, die dreifache Mutter, zu Boden.
Jason Lutes ist US-Amerikaner aus New Jersey. Schon früh entdeckt er europäische Comics wie Tim und Struppie. In der Tradition der europäischen "Ligne claire" entwickelt auch Lutes seine Seiten. Mit "Berlin" hat er ein grandioses Comic geschaffen, das nicht nur Comicfans begeistern wird. Damit ist ihm in den USA ein kleiner Indieerfolg gelungen, was ihm in Deutschland mindestenz auch gegönnt sei. Das Zeug dazu hat "Berlin". Flüssig erzählt, stellt Lutes gekonnt die Verbindungen der Handelnden dar. Unmerklich entsteht ein komplexes gesellschaftlich-politisches Gebilde, das zu keinem Zeitpunkt überfrachtet oder gekünstelt erscheint. Ein grandioser Comicroman. Bedauerlicherweise wird die Fortsetzung warscheinlich etwas auf sich warten lassen, da in den USA gerade erst Band 11 erwartet wird.
MEIKEL F
Berlin - Jason Lutes; Carlsen Comic
214 Seiten, sw, für 14 Euro

www.terz.org - 1.11.2003