Düsseldorfs Oberbürgermeister Erwin war bisher nicht gerade bekannt
durch sonderlich herausragenden Humor. Besonders dann nicht, wenn es um Kritik
an seiner neoliberal-technokratischen Politik und ganz besonders dann nicht,
wenn es um ihn ganz persönlich geht.
Düsseldorf hat sich schließlich einen Oberbürgermeister gewählt,
der schon auf den Wahlkampfplakaten mit schwingender Faust deutlich signalisierte,
welchen Politikstil er favorisiert. Eine Unterlassungsklage des PDS-Ratsherrn
Frank Laubenburg sorgte nun dafür, dass sich OB Erwin für seinen Jargon
vor dem Landgericht verantworten musste. Der Hintergrund: Auf einer Pressekonferenz
im Mai hatte der OB einem Journalisten auf die Frage nach der Finanzierung der
von Erwin erwünschten Multifunktionsarena geantwortet: "Solche Fragen
stellt sonst nur der verrückte Kommunist bei mir im Rat." Die daraufhin
von Laubenburg beantragte und gerichtlich genehmigte Verfügung auf Unterlassung
derartiger Titulierungen schlug der gelernte Rechtsanwalt Erwin aus, und dies
machte daraufhin sein Erscheinen vor dem Landgericht nötig. Im Beisein
eines eigens aus Köln herbeigeholten Anwalts erklärte Erwin dem Gericht,
dass er die Anfragen des PDS-Ratsherrn als "extrem" und "abgedreht"
empfinde. Überhaupt sei die Bezeichnung "verrückt" hier
im Rheinland nicht im Sinne von krankhaft zu verstehen. Ewins Anwalt aus Köln
untermauerte das Argumentationsniveau des Oberbürgermeisters mit der Erklärung,
dass "jeck sogar ein großes Kompliment im Karneval" sei. Das
Gericht mochte den Eingebungen der zwei Jecken aus Köln und Düsseldorf
nicht folgen, und daher wird am 29.10. gerichtlich entschieden, ob die Einstweilige
Verfügung Bestand hat oder nicht.
OB schizophren?
Nun mag es für die TERZ nicht von besonderer Relevanz sein, ob ein CDUler
einen PDSler legal als verrückt bezeichnen darf oder nicht. Was uns bei
der ganzen Posse viel mehr bewegt, ist die Frage nach dem psychischen Gesundheitszustand
unseres Oberbürgermeisters. Ist Erwin schizophren? Wie sonst ist zu erklären,
dass der Mann als gelernter Rechtsanwalt vor Gericht rheinischen Humor als berechtigte
Umgangsform für sich reklamiert, während er zugleich alle möglichen
Personen mit Klagen bedroht, die sich humorvoll oder kritisch ihm gegenüber
äußern. Das Düsseldorfer Musikprojekt "Joachim Erwin Blues
Explosion" beispielsweise überzog er gänzlich humorlos mit einer
Klage, als die rheinische Frohsinns-Truppe ihren Erwin-Song pünktlich zur
letzten Bundestagswahl herausbrachte. Erwin, eine gespaltene Persönlichkeit?
Zerrissen zwischen thüringischer Herkunft und rheinischem Exil? Ein vom
Bolschewismus Heimatvertriebener, gestrandet auf einer ihm fremden rheinischen
Scholle? Ein jecker Dr. Jekyll, dem hin und wieder ein thüringischer Mr.
Hyde entspringt? Klageandrohungen gegen Staatsanwälte, weil sie Ermittlungen
durchführen, die ihm nicht passen; Klageandrohungen gegen Leute, die ihn
öffentlich nach der Vergabepraxis von Bauaufträgen für die Firma
seines Schwiegervaters fragen - leidet unser OB etwa unter Verfolgungswahn?
Wie ist zu erklären, dass Erwin zwei verschiedene Ausgaben des Pressespiegels
der Stadt in Umlauf bringen lässt: Einen offiziellen Pressespiegel, der
beschränkt ist auf positive Berichterstattung um seine Person sowie einen
inoffiziellen ungekürzten Pressespiegel für den parteiinternen Kreis,
welcher auch die CDU- und Erwin-kritischen Berichte enthält?
"Schizophrenie als Waffe!"
Dies forderten in den sechziger Jahren linksradikale Gruppierungen wie das "Sozialistische
Patientenkollektiv". Diese Parole scheint sich nun die Düsseldorfer
CDU zu eigen gemacht zu haben, als sie ganz in realsozialistischer Manier mit
einer Zustimmungsquote von 100% den verrückten Christdemokraten erneut
zur Kandidatur für die nächste Bürgermeisterwahl kürte.
Die Linksradikalen der Sechziger des 20. Jahrhunderts forderten die Öffnung
der Irrenhäuser mit dem Hinweis darauf, dass nicht die Insassen das Problem
seien, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Abweichungen als
krank normiert. Dieser Gedanke scheint nun verspätet im 21. Jahrhundert
auch die Düsseldorfer CDU erreicht zu haben. Neben sozialintegrativen Aspekten
hat eine solche Positionierung auch einen standortpolitischen Vorteil: Ein verrückter
Christdemokrat als OB im Wettbewerb der Städte des närrischen Rheinlandes
- damit hat Düsseldorf wieder die Nase vorn!
AL C.
www.terz.org - 1.11.2003