Tja, Leute, der November bringt die trüben Gedanken frei Haus. Diverse
Dreistigkeiten gewählter Volksvertreter veranlassten selbst einen sonst
durchweg friedlichen Geist, sich vorzustellen, wie diese sozialen Scharfmacher
wohl so schnell wie möglich im trüben Novemberwind an die nächste
Laterne kommen könnten. Warum so unversöhnlich, warum so negativ,
mon Cher? Da sagt der Typ: weil SIE es auch sind, Honker! Da sag ich: aber wer
soll die denn dort liebevoll aufknüpfen, das Volk, das deutsche Volk etwa?
Na komm, diese Untertanen und Leibeigenen waren doch nur immer gut im Buckeln
nach oben und Treten nach unten. In Germania lässt sich außer Mobbing
doch nicht viel erwarten. Deshalb, so meine Idee, sollte Deutschland, passend
zum Trübsinnsmonat, endlich historisch werden und sich einfach kollektiv
selbst an die Laternen und Herbstbäumchen hängen oder sich mit allen
guten Gartenzwergen selbst unter die Guillotine legen. Dann hört auch das
ewig-elendige Gejammer über die schlimme Politik von da oben auf, ganz
bestimmt. Und wir machen uns nen heißen Grog, freuen uns auf den stillen
Winter und können endlich wieder gutgelaunt unsere blöde Musik hören.
Gut, nech?
STEVE EARLE: JUST AN AMERICAN BOY (Ryko)
Herbst der Songwriter. Gucken, was die alten Herren - leider keine Damen am
Start - noch auf der Pfanne haben? Earles Livealbum rockt auf zwei Scheiben
satt, intensiv und unversöhnlich. Knarziges Outlaw-Bewusstsein mit dem
klaren Blick für die richtigen politischen Themen. Wenn Texaner unpatriotisch
werden, wird's meistens lustig. Und kraftvoll. Es wird nie einen VW-Steve-Earle
geben.
VAN MORRISON: WHAT'S WRONG WITH THIS PICTURE (Blue Note)
Meister Van versteckt sich bekanntlich gern hinter sich selbst. Hier gräbt
er an alten Wurzeln rum: Blues, Jazz, Soul, sehr in seiner traditionellen Welt.
Manchmal so eindringlich, dass du schwummrig wirst, dann wieder in bemühter
alte-Männer-Frühschoppen-Manier. Doch sein starker Gesang bringt immer
noch die dummfalschen Gedanken in Dir zum Schmelzen.
ELVIS COSTELLO: NORTH (Deutsche Grammophon)
Elvis auf dem Vorzeigeklassiklabel. Klar, da wo Klassiker hingehören! Songs
über Beziehungen, die grau-melancholische Intimität in opulent-barocke
öffentliche Sphären überführen. Manche Songwriter gehen
genau den anderen Weg. Nebenbei: Costellos Arrangements sind eine Klasse für
sich.
JOHN CALE: HOBO SAPIENS (EMI)
Cales erste Platte seit sieben Jahren ist ziemlich gut geworden. Die späte
Entdeckung von Sampling und elektronischen Arrangements hat ihn nicht von seinem
klassischem, stetig suchenden Songwriting abgehalten, und der ernsthafte und
tiefe Grundgestus spiegelt sich in Texten, die rastlos nach Wahrheiten und Überschreitungen
in Kunst, Politik und Leben fahnden.
MARCOS VALLE: CONTRASTS (Far Out/Soulfood)
Dieser alte Herr hier klingt indes so frisch und verträumt wie mit 20,
was nicht heißt, dass sich in die zeitgemäßen Bossa-Arrangements
nicht auch noch die gehörige Reife dieser lebenden Samba-Legende eingebrannt
hat. Diese Musik ist alles andere als grau und in ihrer bewundernswerten Leichtigkeit
ein glaubhafter Gute-Laune-Macher, wenn dich der deutsche Dauerregen fest im
Griff hat.
V.A.: HECHO EN CUBA 2 (Ministry of Sound)
Um genau da weiterzumachen
die Nachfolgecompi klassischer cubanischer Tracks,
darunter allein drei vom Mitte Juli mit 95 verstorbenen großen Compay
Segundo. Wer unbedingt dran motzen will, dass es hier 15 komplett unveröffentlichte
Tracks in Studioneuaufnahmen gibt, tut das, die anderen ziehen sich diese extralange
Zigarre 1fach genüsslich rein...
LYRICS BORN: LATER THAT DAY (Quannum Projects)
Der kalifornische Japaner gründete Anfang der 90er das Solesides-Label
(heute Quannum). Tom Shimura macht da A&R, das HipHopDuo Latyrx und nebenbei
diese Soloscheibe, der ziemlich fettsonnige Grooves aus dem Hintern scheinen.
Das bisschen zuviel HonkyRock verpacken wir locker, weil Spaß ist genug
da.
LIFESAVAS: SPIRIT IN STONE (Quannum Projects)
Dreier aus Portland mit sympathischer down-to-earth-attitude und soliden klassichen
soulfull-roughen Raps, denen HipHop-Tradition, Blue Notes und Organik wichtiger
ist als affige Gangsta-Scheisse und herziges BöseJungsGetue.
NON-PROPHETS: HOPE (Lex)
Diese dunkle Seite des HipHop ist wenigstens originell: zwei zwielichtige Matrosen
aus Rhode Island, deren verlorene Herzen nach jedem Hafen suchen, der ihnen
Erlösung von ihrer rastlosen Suche verspricht. Die sinister-funkige Atmo
dieser Stephen-King-Raps generieren American-Gothic-Comic pur.
V.A.: Music for modern living 7 (Lounge)
Wenn Lounge, dann so: originäre Vibes der besten Jetztzeit-Grooves, neu
aufgemischt von den Hamburger Mod-Soulern Mellow und Rivera. Keine Groove-Compilation
lässt sich derzeit besser durchhören als diese - Wort!
N.O.H.A.: NEXT PLATEAU (Unique)
Der internationale Dreier mit Labelsitz in Düsseldorf wird langsam richtig
gut: Folk-Jazz-Songs mit gecoolt-schwülen Clubvibes auf dem nächsten
Plateau.
V.A.: NEEDS (NOT WANTS) (Needs)
Großartiger Deephouse des Trios aus Ff/M, das die legendären Needs-Nächte
im Offenbacher "Robert Johnson" hostet, zum erstenmal in 10 langen
Tracks kompakt versammelt. Zeitlos geile Tracks voller Seele und Kante...und
jeder Fastfood-House stellt sich angesichts dessen von selbst auf den Sperrmüll.
OIVAVOI (outcaste)
Das Londoner Sextett überzeugt mit melancholisch-elektronisch arrangiertem
Seiltanz zwischen Balkan- und Mediterraner Folklore, wunderschönen Klezmer-Erzählungen
und dem Violinen-Wunderkind Sophie Solomon - nachhaltig!
TRIOSK MEETS JAN JELINEK: 1+3+1 (scape)
Guter junger Jan Jelinek
mit dem australischen Jazz-Trio ging er so ausdauernd
ins Bett, bis acht wunderbar synkopisierte Kinder dabei herauskamen. Die gehen
nun und laufen in euren Köpfen ewig herum.
BOY ROBOT: GLAMORIZING CORPORATE LIFESTYLE (City Centre)
Wahrscheinlich DIE Herbstplatte, auch wenn das erst beim mehrmaligen Hören
völlig klar wird
dann aber greift die enorm gefühlvolle Dub-Elektronik
dieses Duos derart in deine Ohren-Seele ein, dass du sie nimmer mehr lassen
willst.
MIKA: RIGHT PLACE, RIGHT TIME (klein)
Gedämpft euphorisierende Popmomente im Manchester-Stil, gefühlte Elektroniksongs
und Tracks voller Bewegung, die sich ausgezeichnet im Sitzen hören lassen.
Das Austria-Duo ist gut, gebraucht nur manchmal zuviel Worte.
NEULANDER: SEX, GOD + MONEY (disko B)
Teaser-10" für das Januaralbum: Mann frickelt, Frau singt, beide ambitioniert
und künstlerisch vorbelastet. Ein letzter Abgesang auf die 80er für
morgen.
V.A.: YOU ARE HERE (accidental)
Matthew Herbert selbst kompilierte die Wundercompi seines Labels. Bessere und
verschiedenere Stile lassen sich, gar keine Frage, derzeit nirgendwo hören.
Und anstatt sich selbst überzufeaturen, gibt Herbert genug Platz für
exzellente Gast-Tracks zwischen Spaß, Krass und dem besten Cover seit
langem. Dig it!
PLAID: SPOKES (Warp)
Und wieder treibend-gefühlige Elektronik: eines der beiden brillanten Warp-Duos
mit naturgemäß diesseitigstem elektronischen Soul. Der Legende nach
entführten irgendwann findige Agenten diese wahnsinnig guten 10 Tracks,
bevor das Duo im Endlos-Editing-Rausch die Welt um sich total vergaß.
HANS-JOACHIM IRMLER: LIFELIKE (Staubgold)
Das erste Solo eines Gründers der Krautlegende Faust ist erwartungsgemäß
ein fulminant-romantisch-verschmitzter Space-Trip geworden, in dessen Untiefen
sich Unmengen überraschender Details bergen lassen.
PIERRE CRUBE: IMMEDIATE FALSE RELIEF
(Angelika Köhlermann)
Im kalten Kanada heizt Crube durch Pupen - natürlich in seinen Laptop.
Frustriert von seiner Ex-Electro-Band gibt's heuer romantische Data-Pop-Wunschgebilde,
die das öde Standard Lo-Fi-Format weit hinter sich lassen.
BORIS D HEGENBART:
SOMETHINGMOVINGINSIDE...(quecksilber)
Zen-Platte des Monats. Kaum vorhandene, unglaublich zähe, mitunter richtig
stinkelangweilige Ambient-Click-Voice-Field-Recording-Texturen. "Sound
Poetry" nennt er das. Doch wo soll man die hören? Unterwegs? Versucht,
unerträglich. Konzentriert zuhause? Vielleicht mit gutem Skunk. Probiert's.
V.A.: ON PAPER (Crónica)
Hier ist auch Geduld erforderlich, aber da sich 13 Artists auf 2 Discs abwechseln,
geht das sehr gut. Akustisch exploriert wird nur mehr ein Material: Papier.
Das medienmusikalische Experiment birgt aufgrund seiner spannenden Vielfalt
überraschend viele packende Momente, vor allem auf der zweiten CD.
V.A.: E*A*D*G*B*E (12k)
Überraschend vor allem, dass noch niemand auf diesen tollen Titel gekommen
ist. Noch besser die Musik: die Gitarristen Fonica, Keith Fullerton Whitman,
Sèbastien Roux und Christopher Willits prozessieren ihre Sechs-saitige
digital, und wir hören minimalistisch-melodisch-serielle Texturen, die
in ihrer Subtilität, Feinheit, ja Zartheit kompromissloser wirken als mancher
Brachial-Improvnoise.
CONRAD BAUER: HUMMELSUMMEN (Intakt)
Bauer war mit seinem "Zentralquartett" eine Säule des Freejazz
in der DDR, danach in zahlreichen Kollaborationen aktiv. Wie detail- und nuancenreich
sein Spiel ist, kann auf dieser wunderbaren Solo-Aufnahme in 7 Stücken
nachverfolgt werden. Filigran, kräftig, humorvoll - alles da. Niemals nerven,
immer fröhlich verführen könnte das Credo sein. Aufgenommen im
akustischen Klangraum einer Kirche ist diese Aufnahme ein ganz großes
Stück Musik.
PRISKA WALSS-GABRIELA FRIEDLI: INTERVISTA (Intakt)
Zwei Spielerinnen des freien Zürcher Jazz im eigensinnig-einnehmenden Austausch.
Walss' Hörner (Posaune und Alphorn) stoßen sich nicht männlich-bratzig
ab, sondern sprechen eine sinnlich-intellektuelle Sprache, deren Ruf vom energischen
Klavierspiel Friedlis aufgenommen wird. Gut zu hören, wie differente Sprachen
korrespondierend zu gemeinsamer Stärke kommen können.
ANDREAS AMMER/SEBASTIAN HESS:
UNSER OSKAR (intermedium)
Noch ein Schmankerl zum Ende: eine Sprachoper über den bayrischen Sturschädelschriftsteller
Oskar Maria Graf, mit Originaltönen, Originalblaskapelle und super Sprechern.
Ein irrer Spaß mitzuhören, wie Graf Adolf zum Essen traf, ihn bezahlen
ließ und die Nazis später aufforderte, ihn zu verbrennen. Nach Ausbürgerung
und Exil kehrte Graf erst 13 Jahre nach Kriegsende kurz nach Deutschland zurück
und verursachte prompt in München einen Skandal, weil er bei einer feinen
Gala ihm zu Ehren nicht die Lederhose gegen den Frack tauschen wollte. Bis zu
seinem Tod 1968 lebte er in New York, heute wird Graf als der gute störrische
Bayer verehrt. Geben wir ihm das Schlusswort in diesem Monat: "So ein Arschloch
kannst Du gar nicht sein, dass sie nachher nicht eine Strasse nach Dir benennen."
Schöne trübe Tage, ihr Tassen! ³
HONKER
www.terz.org - 1.11.2003