kinoDas müde Leben

Der Film zur Herbst-Zeit: In "Sein Bruder" bemüht sich Regisseur Patrice Chéreau mit aller Kraft aber letztlich umsonst, Anzeichen von Leben zu finden.
Patrice Chéreaus Film beginnt mit Bildern der französischen Atlantikküste; Ferienstimmung verbreiten sie allerdings nicht. Auf einer Bank mit Meerblick räsonniert ein Greis über Schiffsunglücke der Gegenwart und Vergangenheit. Neben ihm sitzt steif und leeren Blickes ein jüngerer Mann, der nur unter großer Anstrengung noch Worte hervorbringt.
Thomas leidet an einer schweren Blutkrankheit. Er hat seinen Bruder Luc gebeten, mit ihm zum Ferienhaus der Eltern in die Normandie zu fahren. Erst sein schwacher Gesundheitszustand hat die beiden wieder zusammengebracht. In einer Rückblende zeigt der Regisseur ihre erste Begegnung seit langer Zeit und verwebt fortan die Sommersequenzen mit den Szenen der jüngeren Kranken- und Beziehungsgeschichte - ein nicht unbedingt zwingend erscheinendes Verfahren.
Luc reagiert zunächst überrascht und reserviert auf das plötzliche Auftauchen Thomas', nimmt sich seiner dann aber fürsorglich an. Er besucht ihn im Krankenhaus, kümmert sich um seine Sachen und steht ihm bei peinlichen Prozeduren wie der Brust- und Unterleibsrasur vor einer OP zur Seite. Die Krankheit bringt sie auch rein physisch einander näher: Luc stützt Thomas beim Gehen, massiert ihn und hilft ihm beim An- und Ausziehen.
Von einer neuen Innigkeit zwischen ihnen will Luc jedoch nichts wissen. Er habe lediglich einer Bitte entsprochen, ganz normales "Geben und Nehmen", stellt er Thomas gegenüber auf einem Strandspaziergang klar. Beide halten sich die Menschen nach Kräften vom Leib. Thomas bezeichnet seine Partnerin als "Bekannte", und der homosexuelle Luc nennt seinen Freund nicht Freund. Ohne besondere Gründe trennt er sich eines Tages von ihm. Ohne besondere Gründe hatten sich auch die Lebenswege von Thomas und Luc getrennt. Im Universum Chéreaus existieren Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion nicht. Das Leben zerfließt einfach, formlos und ohne Richtung - eine Hölle der Banalität. Impulse können nur von außerhalb kommen. So wie erst die Krankheit für eine Familienzusammenführung sorgt, so ist sie es auch, die Thomas vor die Entscheidung stellt, ob er "Ja" zum Leben sagen will. Schon in "Intimicy" ließ erst die unverhoffte Abwesenweit der "Frau für gewisse Stunden" den Hauptdarsteller seine Liebe zu ihr spüren und in "Wer mich liebt, nimmt den Zug" bildete der tote Maler das Kraftzentrum des ganzen Films. Aus dem Leben selbst erwächst für Chéreau kein Leben, ein Befund, der die Immunabwehr gegen die Herbstdepression weit eher anzufressen vermag als der plakative Pessimismus von "Dogville" oder "Irreversible".
Jan

www.terz.org - 1.11.2003