Wenn
Gesellschaft anders tickt
Von
alternativer Ökologie und der Freiheit von Herrschaft
Der US-amerikanische Libertäre
Murray Bookchin, geboren 1921
in New York, lange Jahre Vorsitzender der Grünen im Bundesstaat
Vermont, gilt
als einer der Mitbegründer der Strömung des Ökologischen
Anarchismus. In
marxistischen Kreisen wurde er auch durch seine Kritik der
„reinen
marxistischen Lehre“, die ähnlich der Michael Bakunins ist,
bekannt.
Die
Schriften Bookchins, der radikaler Antikapitalist und
Befürworter der Dezentralisierung ist, hatten und haben noch immer
großen
Einfluss auf die globalisierungskritische Bewegung und auf Teile der
US-amerikanischen Grünen. In Zeiten immer weiter zunehmender
Naturzerstörung
und daraus resultierenden ökologischer Katastrophen sind sie mehr
als nur
„interessant“.
Nach
Bookchin ist Ökologie nicht einfach nur ein Problem der
Beziehung der Menschen zur natürlichen Welt, sondern auch der
Menschen
zueinander. Es gibt nicht nur den Bereich der Natur-Ökologie,
sondern auch den
der urbanen und der sozialen Ökologie. Die ökologische
Sichtweise bedeutet: Das
Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Ökologie
und Freiheit als Einheit
Die
ökologische Auffassung ist darüber hinaus eine
Weltsicht, die in Einheit und Differenzierung den Verlauf nicht nur der
natürlichen, sondern auch der sozialen Entwicklung sieht. Das
bedeutet, dass diese
Entwicklung frei(heitlich) sein muss, damit sie ihr eigenes
Gleichgewicht
findet. Ohne Zwang, ohne Hierarchie, ohne Herrschaft(sideologie).
Vielfältigkeit sollte um ihrer selbst angestrebt werden –
nicht nur in der
natürlichen, sondern auch in der sozialen Welt. Spricht mensch
z.B. von
alternativen Energiequellen, dann ist das eigentliche Problem, ein
abwechslungsreiches Mosaik von Energiequellen zu finden. Sonnenenergie
alleine
ist keine Lösung, Windkraft auch nicht. Doch wenn wir Sonnenergie
zusammen mit
Windkraft, und, sagen wir, geothermaler* Energie und
Hydroelektrizität
benutzen, haben wir die Energiequellen der Gemeinde
vervielfältigt. Das würde
eine neue Energiebasis liefern, die – wenn überhaupt –
nur einen minimalen
Gebrauch der traditionellen Energiequellen, wie z.B. Öl,
bedeutete. Dieses
würde dann auch eine Lösung des Energieproblems darstellen.
Und es ist ein
ökologischer Ansatz. Die ökologische Wissenschaft hat
gezeigt, dass der Verlauf
der biologischen Evolution eine kontinuierliche Vervielfältigung
des Lebens
gewesen ist, die sich in ihren immer neuen Formen über die Erde
ausgebreitet
hat. Wir wissen heute, dass z.B. die Lösung des Problems der
„Schädlingsbekämpfung“ in einem
Aufeinandereinwirken verschiedener Tier- und
Pflanzenarten liegt, aus dem sich eine harmonische Situation ergibt. Je
weniger
vielfältig ein Öko-System ist, umso verletzlicher ist es
auch. Je komplexer es
ist, umso stabiler ist es. Dieses Denken gilt für alle Bereiche
des Lebens. Der
vollständige Mensch z.B. hätte eine Existenz mit einer
Vielzahl von Antrieben
und vielfältigen Beziehungen. Die vollendete Gesellschaft
wäre eine mit in
hohem Maße individualisierten Menschen, von denen jeder mit
Selbstbewusstsein
an der direkten Verwaltung und Kontrolle teilnehmen könnte.
Wider
die umweltschützerische Manipulation der Dinge
Diese
Einstellung war die Basis der klassischen griechischen
Gesellschaft – jeder war Amateur in allem, und daher ein
vollständiger Mensch.
Die griechische „goldene Mitte“ entstammt dieser Sichtweise
ebenso, wie die
Konzeption des „vollständigen Individuums“ der
Renaissance. Jetzt ist das die
ökologische Ansicht, sowohl in Bezug auf die menschliche als auch
auf die
biologische Natur. Hier ist auch bei Bookchin eine äußerst
wichtige
Unterscheidung gemacht die, zwischen der ökologischen und einer
bloß umweltschützerischen
Auffassung, die eine Manipulation der Dinge auf der Basis technischer
Prinzipien zum Inhalt hat. Wie vermeidet mensch Luftverschmutzung? Nach
dem
Ansatz der Umweltschützer wird die alte Technologie weiter
ausgebaut – keine
Öko-Technologie, sondern eine neue Erfindung, die in die
existierende
Technologie eingefügt wird. Dadurch wirkt sie nicht im Sinne
ökologischer
Problematik. Die meisten Leute, die sich heute auf alternativem Gebiet
engagieren,
sind in der Tat eher „Umweltschützer“ als
Ökologen. Die natürliche Welt wird
von ihnen nicht als organisches Ganzes gesehen, sondern als Fundgrube.
Als
Fundgrube für die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Mensch
spricht von der
„Verbesserung der Umwelt“ und bringt eine Lösung durch
einen umweltschützerischen
Ansatz.
Der
ökologische Ansatz unterscheidet sich davon fundamental.
Was wirklich interessiert, sind die komplexen Wechselbeziehungen und
die
verschiedenen Prozesse in der Natur. In der Ökologie werden die
Menschen nicht
als Konstrukteure der Umwelt gesehen, die diese dann
ausschließlich ihren
Zwecken anpassen. Die Menschen sind vielmehr Teil der natürlichen
Umwelt und
nicht deren Beherrscher. Sie sind „nicht die Götter des
Universums“.
Die Vorstellung,
dass der Mensch die Natur beherrschen
müsse, steht in einem engen Verhältnis zur Beherrschung des
Menschen durch den
Menschen selbst. Die patriarchalische Familie hat die Saat der
Herrschaft in
die zentralen Aspekte der menschlichen Beziehungen gesät. Der
klassische Bruch
in der antiken Welt zwischen Körper und Geist hat die Herrschsucht
gefördert
und auch die repressiven Positionen der religiösen Hierarchien
haben diese Saat
wachsen lassen.
Diese
Jahrhunderte lang währende Tendenz findet ihre
schlimmste Entwicklung im kapitalistischen System und in der
Organisation des
Staates. Entsprechend ihrer Wettbewerbsstruktur stellt die
bürgerliche
Gesellschaft nicht nur die Menschen einander feindlich gegenüber,
sie stellt
auch die Masse der Menschheit feindlich der Natur gegenüber. So
wie die
Menschen in Waren verwandelt werden, so wird auch jeder Teil der Natur
zur Ware
und damit zu einer Rohstoffquelle, die mensch nach Belieben glaubt
bearbeiten
und verkaufen zu können. Begriffe wie „Wachstum“ und
„Industriegesellschaft“
verschleiern diesen Zusammenhang.
Antikapitalistische
ökologische
Politik auf libertärer Basis
Wenn mensch die
Erde als Zusammenballung von Mineralien
sieht, wie das die im Sold des kapitalistischen Systems stehende
Wissenschaft
zum größten Teil tut, dann kann der Planet Erde die
ständige Zunahme von
Abfällen sicherlich „verkraften“ – das
ändert sich jedoch, wenn mensch die Erde als komplizierte
Lebensstruktur, was sie ja auch ist, auffasst.
Die
entscheidende Frage ist, ob die Erde diesen Raubbau
lange genug überstehen kann, bis der Mensch das alles
zerstörende gegenwärtig
existierende Gesellschaftssystem durch eine humanere an
ökologischen,
freiheitlichen und sozialen Gesichtspunkten orientierte
Gesellschaftsordnung
ersetzt hat.
Der
ökologische Anarchist Murray Bookchin propagiert den
Begriff der Social Ecology, der allerdings in der BRD, dem Land des
Mythos der
„sozialökologischen Marktwirtschaft“, weniger
eindrucksvoll klingt als in den
USA. Am besten wäre er durch antikapitalistische
ökologisch-libertäre Politik
zu übersetzen, denn der Kapitalismus ist in all seinen
Erscheinungsformen und
in höchstem Maße anti-ökologisch. Und der Theoretiker
setzt den Begriff der
Sozialökologie gegen den reaktionären Begriff der Deep
Ecology. Nach Bookchin
sind die sogenannten „TiefenökologInnen“
nichts anderes als „schlecht
verhüllte RassistInnen“ und „soziale
Reaktionäre“, die das Wort „Ökologie“
benutzen, aber „trotz aller sozialen Rhetorik“ keine Ahnung
davon haben, dass
„unsere ökologischen Probleme ihre Wurzel in der
Gesellschaft und in sozialen
Problemen haben“.
Die
„Zoologisierung des Menschen“ täusche darüber
hinweg,
dass der Kapitalismus und nicht eine abstrakte Menschheit die Erde
zerstört,
gäbe es nun zehn Millionen oder zehn Milliarden Menschen.
Im breiten und
pluralistischen libertären Spektrum zählt die
öko-anarchistische Strömung zum Lager der
SozialanarchistInnen. Diese lehnen
Positionen des „Lifestyle-Anarchismus“ ab, welcher sich
durch seine
Theoriefeindlichkeit und seine Ablehnung der sozialen Revolution
auszeichnet.
Murray Bookchin
identifiziert drei spezifische Merkmale für
ein links-libertäres „Programm“:
- eine
Konföderation dezentraler Kommunen
- einen
unerschütterlichen Widerstand gegen Etatismus
- die direkte
Demokratie – die Vision einer
libertär-sozialistischen Gesellschaft
Es ist
längst fällig, auch angesichts der sich immer klarer
zeigenden ökologischen und sozialen Deformierung dieser Welt, sich
mit Bookchin
ernstlich zu befassen, ich auch in seinem Sinne gegen das System der
Destruktivität des kapitalistischen Systems der
Naturzerstörung, der Kriege
und der ihr zu Grunde liegenden Herrschaft des Menschen über den
Menschen und
die Natur zu engagieren. Auf lokaler Ebene wie auch weltweit.
Jürgen
Stein
Anmerkungen:
*die
Wärmeverhältnisse im Erdkörper betreffend;
geothermische Energie
www.terz.org - 24.10.2005